Ich ließ mich wegen Stress krankschreiben & das passierte

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Für Abbi, 37, bedeutete die Arbeit als Werbeprojektmanagerin in einer Agentur lange Arbeitszeiten und viel Stress. „In unserem Büro galt das Motto: ‚Work hard, play hard‘“, sagt sie. Nach drei Jahren in der Firma wurde Abbi klar, dass sie sich Zeit für ihre geistige Gesundheit nehmen musste. Zu allem Überfluss kämpfte ihr Vater gegen Bauchspeicheldrüsenkrebs; sie wollte unbedingt für ihn da sein.

„Ich ging [zu meinen Vorgesetzten] und dachte zunächst, dass ich mir nur eine verlängerte Auszeit ohne Bezahlung nehmen dürfte“, sagt sie. Nachdem sie ihre Situation aber genau geschildert und eine Liste möglicher Lösungen vorgelegt hatte, wurde Abbi vorgeschlagen, sich krankschreiben zu lassen. „Sie waren sehr hilfsbereit und hatten Verständnis für meine Situation. Sie schlugen mir vor, Pflegezeit zu beantragen, um mich um meinen Vater kümmern zu können und währenddessen finanziell abgesichert zu sein.“

Obwohl Abbis Geschichte einzigartig ist, sind die Umstände, die zu ihrer beruflichen Auszeit führten, nichts Ungewöhnliches: Immer mehr Arbeitnehmer:innen in Deutschland werden durch anstrengende Arbeitsbedingungen an den Rand der Erschöpfung getrieben. Dadurch hat sich die Anzahl von Krankheitstagen wegen psychischer Erkrankungen seit 1997 mehr als verdreifacht.

Für diejenigen, die mit zunehmendem Stress, Angstzuständen, Depressionen und anderen psychischen Problemen zu kämpfen haben, kann die Möglichkeit, in Krankenstand zu gehen oder unbezahlte Urlaubstage (gesetzlich ist unbezahlter Urlaub nicht geregelt und muss somit vereinbart werden) zu nehmen, verlockend erscheinen. Was genau beinhaltet eine solche Berufspause aber und ist sie ratsam?

Ob eine Erkältung, ein gebrochener Fuß oder seelische Leiden – die Gründe für eine Krankschreibung sind vielfältig und müssen Vorgesetzten nicht mitgeteilt werden. Arbeitnehmer:innen sind nämlich nicht dazu verpflichtet, den Anlass für ihr Fehlen zu kommunizieren. Trotzdem solltest du dich an folgende Regeln halten: Dauert die Krankmeldung länger als drei Tage, musst du spätestens am vierten Tag eine Krankschreibung durch einen Arzt oder eine Ärztin vorlegen (wenn vertraglich nicht anders geregelt). Diese:r muss dann beurteilen, ob dein Zustand so schwerwiegend ist, dass ein Fernbleiben gerechtfertigt ist. Auf dem Schreiben an die Arbeitgeber:innen ist jedoch keine Diagnose angeführt. Lediglich die Krankenkassen bekommen Einsicht in die Diagnose.

Nach dem Tod von Abbis Vaters kehrte sie sofort wieder ins Büro zurück. Im Nachhinein bereut sie es aber, so schnell wieder mit dem Arbeiten begonnen zu haben. „Auf den Boden der Realität zurückzukommen, fiel mir sehr schwer“, erklärt sie. „Ich habe mir Druck gemacht, weil ich dachte, dass ich meinen Vorgesetzten etwas schulden würde und mich in Arbeit vergraben sollte. Jetzt ist mir bewusst, dass diese Entscheidung ein Fehler war.“

Nichtsdestotrotz war die Auszeit an sich ein guter Entschluss. Sie sagt, diese Erfahrung habe die Art und Weise, wie sie über das Arbeitsleben denkt, auf positive Weise verändert. „Ich war so dankbar, dass ich nicht das Schlimmste von meinen Arbeitgeber:innen angenommen und einfach gekündigt hatte, bevor ich mich vergewissern konnte, ob sie mich in einer schwierigen Zeit unterstützen würden“, sagt sie. „Nach meinem Pflegeurlaub habe ich die Prioritäten in meinem Leben neu gesetzt: Seitdem stehen Selfcare und mein persönliches Glück [an erster Stelle]. Außerdem schenke ich kleinen Dingen nicht mehr so viel Aufmerksamkeit.“ Doch nicht jede berufliche Pause verläuft so reibungslos.

Als Salma*, 29, ihr Studium abschloss, fand sie einen Job als medizinische Assistentin in einem großen Gesundheitsunternehmen. Sie merkte bald, dass die Unternehmenskultur ungesund war. „Unsere Vorgesetzten wollten, dass wir immer früh kommen und spät gehen; es fühlte sich an, als stünden wir ständig unter Beobachtung“, erklärt Salma und fügt hinzu, dass die Firma ein großes Fluktuationsproblem hatte. „Ich fühlte mich dort nicht wohl.“

Salma erlitt irgendwann ein Burnout und sprach ihre Managerin darauf an. „Sie war sehr hilfsbereit und verständnisvoll, fragte aber auch, wer meine Arbeit während meiner Abwesenheit erledigen würde. Immerhin war ich eine der Hauptverantwortlichen“, sagt Salma. Ihre Chefin war zwar nicht extrem glücklich darüber, dass ich in Krankenstand gehen würde, aber „meine geistige Gesundheit war mir wichtiger“.

Salma war drei Wochen lang krankgemeldet. Nach ihrer Rückkehr fühlten sich die Dinge bei der Arbeit jedoch „sehr angespannt“ an. Die Vorgesetzte, mit der sie vor ihrer Abwesenheit über einen möglichen Krankenstand und eine eventuelle Kündigung (für den Fall, dass sich die Lage nicht bessern würde) gesprochen hatte, brachte Letzteres bei einem Gespräch irgendwann zur Sprache.

„Sie sagte, dass sie meine Kündigung ohne Widerrede annehmen würde, [obwohl] ich das Thema seit meinem Krankenstand nicht mehr angesprochen hatte“, erzählt Salma. Sie fügt hinzu, dass die Managerin sie dann bat, ein Kündigungsschreiben zu verfassen. „Ich stimmte zu und das war’s: Das war mein letzter Tag dort.“ Auch wenn Salmas Abwesenheit letztendlich zum Verlust ihres Jobs führte, bereut sie es nicht, sich die Zeit genommen zu haben, um sich wieder zu zentrieren. „Ich bin dankbar für diese Erfahrung“, sagt sie. „Dieses Erlebnis hat mir klar gemacht, was ich nicht von meinen Arbeitgeber:innen will, und mir dabei geholfen, Warnzeichen zu erkennen.“

Matthew Besser, ein Anwalt für Arbeitsrecht, der sich auf Diskriminierung in der Arbeitswelt konzentriert, befasst sich regelmäßig mit Fragen rund um die Themen Krankenstand und unbezahlter Urlaub. Besser hebt hervor, dass Arbeitgeber:innen in Erfahrung bringen sollten, welche Rechte ihnen zustehen.

In Deutschland sieht das Bundesurlaubsgesetz (BUrlG) einen bezahlten Urlaubsanspruch vor. Im Allgemeinen gilt hier: Kann ein Arbeitnehmer oder eine Arbeitnehmerin aufgrund seiner oder ihrer Krankheit seinen oder ihren Arbeitsvertrag nicht dauerhaft erfüllen, darf der Arbeitgeber oder die Arbeitgeberin ihn oder sie – rechtlich zulässig – kündigen. Die krankheitsbedingte Kündigung gehört laut des deutschen Kündigungsschutzgesetzes (KSchG) in den Bereich der „Kündigung aus Gründen in der Person“, die das Gesetz Arbeitgeber:innen einräumt. Dazu müssen jedoch bestimmte Voraussetzungen gegeben sein – sprich: eine negative Gesundheitsprognose vorliegen –, damit eine solche Kündigung ausgesprochen werden kann.

Jaime Klein, Gründerin und Präsidentin von Inspire HR, ist der Meinung, dass ein Kulturwandel von oben nach unten der Hierarchie erforderlich ist, damit psychische Probleme endlich nicht mehr als ein Tabu-Thema in Betrieben angesehen sind. „Wir müssen die Denkweise ändern, sodass ein Antrag auf eine Auszeit der psychischen Gesundheit zuliebe wie ein Ersuchen um eine Pause aus körperlichen Gesundheitsgründen behandelt wird“, sagt Klein. „Führungskräfte, die offen über Zeiten sprechen, in denen sie oder geliebte Menschen etwas pausieren mussten, um mit erhöhtem Stress zurechtzukommen, können dafür sorgen, dieses Thema zu enttabuisieren.“

Arbeitnehmer:innen von heute sehen sich oft mit Arbeitskulturen konfrontiert, die auf Dauer nicht auszuhalten sind. Aus diesem Grund ist es wichtig, dass Arbeitssuchende die Jobsuche sorgfältig angehen. So ist es möglich, toxische Arbeitsplätze zu vermeiden, die zu einem Burnout führen könnten. Darüber hinaus können offene Gespräche mit Vorgesetzten auch dazu beitragen, gegen die Scham, die mit einer beruflichen Auszeit aus psychischen Gesundheitsgründen oft noch im Zusammenhang steht, anzukämpfen.

Egal, wie die Sache auch ausgehen mag, eine Verschnaufpause von einer überfordernden Situation ist fast immer eine gute Idee. Selbst für Salma, die am Ende ihren Job verlor, überwog ihr Bedürfnis, sich in einer für sie ungesunden Situation um sich selbst zu kümmern, die negativen Folgen.

„Nachdem ich meinen Job verloren hatte, merkte ich, dass mir so viele andere Möglichkeiten offenstanden; ich fühlte mich frei – ich konnte endlich wieder durchatmen“, sagt Salma. Außerdem gibt sie an, sich in ihrem jetzigen Job als Kampagnenleiterin bei einer gemeinnützigen Organisation für Müttergesundheit erfüllt zu fühlen. „Wenn sich deine Arbeitgeber:innen nicht um deine psychische Gesundheit kümmern, solltest du dir zweimal überlegen, ob du unter diesen Umständen tatsächlich für die Firma in Frage arbeiten willst.“

*Namen wurden von der Redaktion geändert

Wenn du unter Angstzuständen und/oder Depressionen leidest und professionelle Hilfe benötigst, kannst du dich an die Mitarbeiter:innen dieser Telefonseelsorge wenden. Der Anruf ist kostenfrei und wird zu jeder Tageszeit entgegengenommen. Ruf im Notfall, beispielsweise bei akuten Suizidgedanken, umgehend Notärzt:innen unter der Telefonnummer 112 an oder tritt in Kontakt mit einer psychiatrischen Klinik in deiner Nähe.

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