Lupita Nyong’o: Hochglanz-Cover als rassistische Form der Entmachtung

Lupita Nyong’o: Beeindruckende Künstlerin mit klarer Haltung (Bild: Chris Pizzello/Invision/AP)

Eine Kolumne von Carlos Corbelle

Als Lupita Nyong’o das aktuelle Cover der britischen Grazia sah, konnte sie es nicht fassen. Man hatte ohne vorherige Rücksprache ihren lockigen Zopf wegretuschiert. Was in Zeiten eines allgegenwärtigen Photoshop-Wahns vergleichsweise harmlos klingen mag, ist nicht nur eine simple Frage der Ästhetik. Es ist vielmehr symptomatisch für einen nach wie vor tief verwurzelten Rassismus, der auch auf Hochglanz-Covern der Beauty- und Fashion-Magazine seinen Ausdruck findet.


“Wäre ich gefragt worden, hätte ich erklärt, dass ich es nicht unterstützen oder darüber hinwegsehen kann, dass meine Herkunft negiert wird”, schreibt Nyong’o auf Instagram und betont, dass noch viel getan werden müsse, um den unbewussten Vorurteilen hinsichtlich Hautfarbe, Frisur und Haarstruktur schwarzer Frauen ein Ende zu setzen.

Die Worte der hochtalentierten Schauspielerin, die für ihre Rolle in “12 Years a Slave” mit dem Oscar ausgezeichnet wurde, machen deutlich, dass es beim Retuschieren ihrer Haare um sehr viel als nur eine Äußerlichkeit geht. Es geht um ein wesentliches Merkmal ihrer Identität als schwarze Frau. Sich daran ohne ihre Erlaubnis zu vergreifen, weil es nicht einem vermeintlichen Schönheitsideal weißer Leser entsprechen könnte, ist letztlich – ob nun bewusst oder unbewusst – eine rassistisch motivierte Form der Entmachtung.

Kein Einzelfall

Der Fotograf der Grazia-Bilder hat sich kurz nach Lupita Nyong’os öffentlicher Kritik bei ihr entschuldigt. Ebenso wie das Magazin, dessen Redakteure die besagten Änderungen der Fotos keinesfalls in Auftrag gegeben hätten. Über die ursprünglichen Beweggründe des Fotografen oder mögliche Versäumnisse der Redaktion lässt sich im Nachhinein nur spekulieren. Entscheidender ist ohnehin, dass die Grazia kein Einzelfall, sondern bloß das aktuellste Beispiel eines wiederkehrenden Aktes der Diskriminierung ist. Erst kürzlich entschuldigte sich auch die London Evening Standard bei Solange Knowles, nachdem sie auf dem Cover des ES-Magazins den kreativ gestalteten, kreisförmigen Zopf der Sängerin – der zumindest noch auf Knowles’ Instagram-Post in der ursprünglichen Form zu sehen ist – wegretuschiert hatte. War übrigens in der Oktober-Ausgabe – wenn das so weiter geht, hat wohl bald jedes Hochglanz-Magazin ein eigenes, individuell unsägliches “Racist Cover of the Month” zu bieten.


Die geschilderten Beispiele sind eben keine punktuellen Fauxpas, sondern Teil eines latenten Rassismus, der sogar den technischen Vorraussetzungen der Fotografie innewohnt. So legte Kodak in den 1950ern die technischen Standards für Kameras fest – und orientierte sich dabei an der Hautfarbe der weißen Bevölkerung. Und auch heutige Digitalkameras “erkennen” im weißen Hautton die Norm. Ein Problem, das auch im Kino seit jeher existiert: “Technisch gesehen war das Kino immer schon auf helle Haut fixiert: Setlicht, Make-up, selbst die Filmemulsion, auf der Kinobilder über ein Jahrhundert lang festgehalten wurden”, erklärt der für sein Filmjuwel “Moonlight” mit dem Oscar prämierte Regisseur Barry Jenkins im Tagesspiegel.

Barry Jenkins macht rassistische Aspekte der Filmtechnik deutlich (Bild: Charles Sykes/Invision/AP)

Lupita Nyong’o und Solange Knowles wehren sich gegen die geschilderten Missstände mit deutlichen Worten – und einer unmissverständlichen Forderung in Form eines Hashtags: #dtmh – “Don’t touch my hair”. Wie viel Bedeutung in dieser einen Zeile mitschwingt, zeigt Solange Knowles in ihrem gleichnamigen Song:

Don’t touch my hair…
Don’t touch my soul…
Don’t touch my crown…
Don’t touch my pride…

Ein Track, den sich all die unverbesserlichen Möchtegern-Photoshop-Frisöre dieser Welt anhören sollten, bevor sie das nächste Mal vorschnell die virtuelle Schere zücken.

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