Rente mit Ende 30 – geht das wirklich? Ja, aber es ist nicht leicht

Paco de Leon
·Lesedauer: 7 Min.

Rente mit Mitte oder Ende 30 – klingt unglaublich, gelingt aber einigen Leuten tatsächlich. Aber wie zur Hölle soll das ohne ein riesiges Familienerbe klappen? Wie erlangt man schon so früh die nötige finanzielle Sicherheit? Und ist das überhaupt mit einem ganz normalen 40-Stunden-Job machbar? Durch die Faszination mit diesem frühen Ruhestand gewinnt die als „F.I.R.E. movement“ bekannte Bewegung in den letzten Jahren immer mehr Anhänger:innen. F.I.R.E. steht für „Financially Independent/Retire Early“, also „finanziell unabhängig und früh in Rente“ – und in der Finanzcommunity ist die Idee hitzig umstritten. Viele Finanzexpert:innen hassen das Konzept von ganzem Herzen, während andere auf den F.I.R.E.-Lifestyle schwören. Ich, ebenfalls Finanzexperte, sehe die wachsende Beliebtheit der F.I.R.E.-Bewegung als größtenteils positiv. Ich bin selbst kein fanatischer Anhänger, finde es aber toll, wenn sich Leute auf diese Art mehr mit ihren Finanzen auseinandersetzen. Aber was genau ist F.I.R.E.? Die Grundidee dahinter ist die Folgende: Um in frühem Alter in Rente gehen zu können, braucht man eine recht aggressive Spar- und Investment-Strategie. Solange diese Investments genug Geld abwerfen, um davon langfristig leben zu können, kann man es so zur finanziellen Unabhängigkeit bringen. Aber ist das denn auch für dich machbar? Schauen wir uns die Zahlen dahinter mal genauer an. Die Mathematik hinter F.I.R.E. Ein empfehlenswerter, „normaler“ Weg zur Rente sieht üblicherweise so aus: 40 Jahren Arbeit, während der du mindestens zehn Prozent deines Einkommens in ein breitgefächertes Investment-Portfolio steckst, das jedes Jahr eine Rendite von acht Prozent abwirft. Nach vier Jahrzehnten dieser Investitionen und deren Renditen stehst du im Idealfall mit einem kleinen Vermögen da, das dich im Ruhestand zusätzlich zur staatlichen Rente komfortabel leben lässt. Wenn du allerdings frühzeitig in Rente gehen willst, hast du natürlich deutlich weniger Zeit als 40 Jahre, um zu sparen, und musst dir noch dazu deutlich mehr arbeitsfreie Lebensjahre finanzieren. Das heißt: Du musst mehr abzweigen als nur zehn Prozent deines Einkommens – eher 50 Prozent, oder sogar noch mehr. Die 25er-Regel ist eine schnelle Möglichkeit, zu berechnen, wie viel Geld du für deinen Ruhestand brauchst. Sie setzt voraus, dass du ein Investment-Portfolio brauchst, das 25-mal so viel wert ist wie dein Jahreseinkommen, um sicherzustellen, dass dir das Geld nie ausgeht. Wenn du also 50.000 Euro im Jahr verdienst, bräuchtest du dafür laut der 25-Regel 1.25 Millionen Euro. Bedenke dabei, dass das nicht bedeutet, dass du 1.25 Millionen Euro auf dem Konto haben musst. Nein: Auf diesen Betrag kommst du, indem du gleichzeitig sparst und jeden Monat einen großen Teil deines Einkommens in ein breitgefächertes Portfolio fließen lässt, das dir jährlich fünf bis acht Prozent Rendite einbringt. Dabei nicht zu vergessen: die magischen Renditen! Wenn du zum Beispiel 24 Jahre lang pro Jahr 22.000 Euro investierst und dafür jährlich sieben Prozent Rendite kassierst, hast du am Ende 528.000 Euro investiert, aber 751.886 Euro Profit gemacht. Sobald du dann in Rente bist, hältst du dich an die 4-Prozent-Regel. Die dient der Berechnung davon, wie viel du im Jahr ausgeben kannst, ohne irgendwann mit einem leeren Konto dazustehen. Vier Prozent von 1.25 Millionen, zum Beispiel, sind 50.000 Euro – das jährliche Einkommen, das du anfangs genutzt hast, um deinen Rentenbedarf zu berechnen. Einige Verfechter:innen der F.I.R.E.-Bewegung empfehlen statt vier aber drei Prozent, um auf Nummer sicher zu gehen. Warum nur vier oder sogar drei Prozent, wenn deine Investitionen dir doch eine jährliche Rendite von fünf bis acht Prozent einbringen? Weil du zusätzlich Inflation und Marktvolatität einberechnen musst sowie dir einen Sicherheitsspielraum gewährleisten solltest. So viel zu den Zahlen. Aber ist das wirklich machbar? Obwohl ich persönlich keine starke Meinung zu F.I.R.E. habe – weder dafür noch dagegen –, gibt es einige Aspekte, die du dir gut durch den Kopf gehen lassen solltest, bevor du dich daran versuchst. F.I.R.E. gibt den Leuten ein konkretes Ziel. Ich weiß die Ansätze der Bewegung zu schätzen, weil sie Rentenziele vereinfachen. Wenn du weißt, dass du dein 20- bis 25-faches jährliches Einkommen ansparen solltest, hast du ein sehr klares Ziel im Auge. Andererseits kann es die ganze Thematik übermäßig vereinfachen, da du ja nicht genau wissen kannst, wie lange du in Rente sein wirst oder ob sich deine Bedürfnisse mit der Zeit verändern – durch eine Krankheit, zum Beispiel. Und das führt uns zum nächsten Punkt… Ein Plan kann niemals alle möglichen Ergebnisse berücksichtigen. Im Laufe der Jahre kann viel Unvorhersehbares passieren. Das muss nicht unbedingt etwas Großes, Kritisches sein. Vielleicht drehst du deine Heizung momentan nie auf, weswegen deine Heizkosten sehr niedrig sind; auch das kann sich mit der Zeit und im Alter aber ändern. Aber es kann eben auch zu großen Einschnitten kommen. Vielleicht trennst du dich irgendwann von deinem:deiner Partner:in, was deine persönlichen Finanzen ordentlich über den Haufen werfen dürfte. Natürlich ist die Unberechenbarkeit unseres Lebens kein Grund, nicht auf eine Frührente hinzuarbeiten – trotzdem sollte sie dir bewusst sein. Wenn du Rentenpläne aufstellst, schmiedest du Zukunftsvorstellungen, die auf deinem jetzigen Leben basieren. Ohne es vielleicht zu merken, gehst du davon aus, dass sich einige Aspekte deines Lebens nie verändern werden, was vermutlich ein Irrglaube ist. Du musst genug verdienen, um genug zu sparen. Fakt ist: Die finanziellen Opfer, die du erbringen musst, um früh in Rente gehen zu können, fallen manchen Leuten einfacher als anderen – und das nicht nur aus finanzieller Sicht. Manche Menschen haben vielleicht überhaupt kein Problem damit, der Kosten zuliebe Fahrrad zu fahren, anstatt ein Auto zu kaufen. Für andere hingegen käme das nie infrage. Und am Ende hängt eben auch alles von deinem individuellen Einkommen ab. Du musst genug verdienen, um so früh in Rente gehen zu können: Dein Einkommen muss nicht nur deine jetzigen Grundausgaben decken, sondern auch noch genug hergeben, das du sparen und investieren kannst. Das ist einfach nicht für jede:n machbar. Kein noch so sparsamer Lebensstil kann ausgleichen, dass du vielleicht einfach nicht genug verdienst, um dir die aggressive Spar-Taktik leisten zu können, die du für die frühe Rente brauchst. Aber ist die frühe Rente das Ganze überhaupt wert? Sehen wir uns doch mal ein paar der nicht-finanziellen Fragen zum Thema Frührente an. Welche Rolle spielt deine Arbeit in deinem jetzigen Leben? Welche Rolle sollte sie deinen Wünschen entsprechend spielen? Verleiht dir deine Arbeit ein Gefühl der Befriedigung, des Erfolgs? Darauf gibt es keine „richtigen“ Antworten – es geht dabei darum, deine Beziehung zur Arbeit zu hinterfragen. Ich persönlich habe kein Problem mit der Vorstellung, noch jahrzehntelang zu arbeiten. Und wenn du definitiv in Frührente gehen möchtest, was passiert dann danach? Was ist dein Plan für die Jahre nach dem Erreichen dieser Ziellinie? Hängt dein Gefühl für den Sinn und Fortschritt deines Lebens mit deiner Arbeit zusammen – und hast du dir überlegt, wie sich das ändern könnte, wenn die Arbeit kein Teil deines Alltags mehr ist? Was ist dir wirklich wichtig im Leben? Und äußern sich diese Werte darin, wofür du dein Geld ausgibst, womit du deine Zeit verbringst und woran du Energie verlierst? Unterm Strich: Ist F.I.R.E. was für dich? Das kommt ganz darauf an, was du verdienst, wie viel du sparen kannst und wo bzw. wie du deine Rente verbringen möchtest. Es kommt darauf an, was dir im Leben passiert und wie du darauf reagieren kannst. Es kommt darauf an, welche Kompromisse und Opfer du heute erbringen musst, in der Hoffnung, dass sie es in der Zukunft wert gewesen sein werden. Letztlich ist das Ganze aber kein „Alles oder nichts“-Ultimatum. Selbst wenn du dich dazu entscheidest, F.I.R.E. nicht strikt durchzuziehen, kannst du dir immer noch seine Prinzipien abgucken und an dein Leben anpassen. Anstatt 1.25 Millionen Euro in 22 Jahren anzusparen, könntest du zum Beispiel daran arbeiten, zumindest einen sechsstelligen Betrag aufzubauen – vielleicht in kürzerer Zeit. Vielleicht reicht dir das Geld nicht bis ans Ende deines Tage, dürfte sich aber trotzdem positiv auf dein finanzielles Wohlergehen auswirken. Und selbst wenn du damit nicht früh in Rente gehst, könnte es immer noch eine lebensverändernde Summe sein, die dir die Sicherheit schenkt, die wir uns – wenn wir mal ehrlich sind – alle wünschen. Like what you see? How about some more R29 goodness, right here?Ich lüge Freund:innen in Sachen Geld nicht mehr an7 einfache Spar-Challenges für jedes Budget7 Frauen öffnen virtuell ihre Portemonnaies