Warum Marvels Shang-Chi das MCU für immer verändert – hoffentlich

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Sogar schon vor dem großen, explosiven Finale der dritten Phase im Marvel Cinematic Universe wurde hinter den Kulissen des Franchises am Grundstein für das nächste actionreiche Kapitel getüftelt. Bestehend aus Filmen und TV-Serien sollte die vierte Phase des MCU in ganz neue Fantasy-Welten abtauchen – voller Magie, Zeitreisen und Paralleluniversen. Shang-Chi & the Legend of the 10 Rings ist der zweite Film dieses neuen Kapitels und greift auf viele dieser fantasiereichen Elemente zurück, um eine neue, aber längst überfällige Story zu erzählen.

Shang-Chi & the Legend of the 10 Rings folgt dem Schicksal von Shaun/Shang-Chi (gespielt von Simu Liu), einem Ex-Auftragskiller, jetzt Hausbediensteten, der in San Francisco ein halbwegs gewöhnliches Dasein führt. Als entfremdeter Sohn eines unsterblichen Terroristenanführers und eines göttlichen Wesens aus dem himmlischen Reich Ta-Lo hat sich Shang-Chi immer nur ein bisschen Normalität und Frieden gewünscht; das Leben als Normalsterblicher scheint für ihn aber unmöglich zu sein. Der Weg zur Entfesselung seines vollen Potenzials ist für Shang-Chi alles andere als geradlinig und voller brutaler Wahrheiten, Traumata und furchteinflößender Konfrontationen mit mythologischen Wesen – am Ende begreift er aber doch, welche Kraft schon immer in ihm schlummerte. Kurz gesagt: Shang-Chi wurde schon als Held geboren.

Dasselbe lässt sich über Liu sagen – den Mann, der Shang-Chi und seine beeindruckenden Moves zum Leben erweckt. Für den chinesisch-kanadischen Schauspieler war es schon immer der große Traum, einmal einen Superhelden spielen zu dürfen; so groß sogar, dass er sich mehrere Jahre lang aktiv darum bemühte, vom MCU bemerkt zu werden und ihn in irgendeiner Rolle in seinem Franchise zu besetzen. Damals hätte Liu wohl nie geahnt, dass er eines Tages den ersten asiatischen Superhelden mit eigener MCU-Story würde spielen dürfen – eine Rolle, mit der sich eine ganze ausländische Community über mehrere Generationen hinweg endlich identifizieren kann.

„In all meinen Gesprächen mit [dem Regisseur Destin Daniel Cretton] unterhielten wir uns darüber, dass wir den Charakter Shang-Chi für alle so nahbar und verständlich wie möglich gestalten wollten“, erklärt Liu in einem Zoom-Gespräch mit Refinery29. „Dabei geht es nicht darum, ihn zum Gott, zum schönsten, größten oder stärksten Menschen zu machen – sondern darum, dass er ein normaler Typ ist, der sich unter außergewöhnlichen Umständen dazu entschließt, das Richtige zu tun. So entstehen Held:innen.“

Was das Timing angeht, hätte der Release von Shang-Chi keinen besseren Zeitpunkt wählen können: 2020 äußerten sich Menschen of color in der TV- und Filmbranche dazu, wie wichtig echte Repräsentation in ihren Projekten ist. Quasi gleichzeitig wurde ein Großteil der Welt von einer antiasiatischen Welle überschwemmt, als rassistische Reaktion auf die fortwährende Corona-Pandemie, was zu immer stärkerer Diskriminierung der asiatischen Community rund um den Globus führte. Obwohl die Produktion von Shang-Chi wegen genau dieser Pandemie verzögert wurde, hätte der MCU-Film mit dem September 2021 kaum einen besseren Zeitpunkt für sein Erscheinen erwischen können – als hätte das Universum gewusst, dass wir jetzt dringend eine:n asiatische:n Superheld:in gebrauchen können. Dieser Wunsch spiegelt sich auch an den Kinokassen wider: Allein in den USA fuhr der Film an seinen ersten vier Tagen fast 95 Millionen Dollar ein; ein neuer Rekord am Wochenende rund um den Labor Day.

Dieser Rekord ist Grund zur Freude: Der überwältigende Großteil der inzwischen 13-jährigen MCU-Superheld:innen-Geschichte ist weiß – mit Ausnahme des absoluten Gamechangers Black Panther. Zumindest ist sich Marvel dessen bewusst und will diesen Fehler in Phase 4 mit einem stärkeren Fokus auf Diversity korrigieren; Shang-Chi ist ein perfekter erster Schritt in die versprochene Richtung. Die Geschichte rund um den ersten komplett asiatischen MCU-Cast (mit echten Stars wie Michelle Yeoh und Tony Leung) erzählt von Familie, Identität und persönlicher Entwicklung, durchzogen von jeder Menge chinesischer Mythologie und Kultur. Es ist eine Story für uns alle – für die asiatische Diaspora ist Shang-Chi aber wohl ein Film, auf den sie seit Jahren hoffen. Angefangen bei kleinen Details wie dem Ausziehen der Schuhe neben der Tür, über Kampfszenen mit Wing-Chun- und Tai-Chi-Elementen bis hin zu chinesischen Dialogen spiegelt der Film eine authentische Realität wider – eine willkommene Abwechslung vom problematischen Kontext der ursprünglichen Geschichte des Shang-Chi, die von rassistischen Stereotypen durchzogen ist.

„Jede:r geht mit anderen Erwartungen in diesen Film“, meint Liu gegenüber Refinery29. „Wenn du aber auf jeder Produktionsebene kreative Köpfe hast, die die gelebten Erfahrungen dieser Charaktere tatsächlich teilen, ergibt sich vieles von ganz allein. Es ist nicht so, als hätten wir uns jedes Mal gedacht, wenn wir zu Stift und Papier gegriffen haben: So, wir müssen jetzt was Asiatisches schreiben! Das passiert automatisch, weil das eben zu unserem Leben und unserer Vergangenheit gehört.“

„Wir mussten eine Story schreiben, von der wir wussten, dass sie Asiat:innen und US-Asiat:innen bestärken, aber gleichzeitig auch ein breiteres Publikum ansprechen würde“, erzählt er weiter. „Ich freue mich so sehr, diese neue Form der Entstehungsgeschichte erzählen zu dürfen – vor allem eine aus asiatisch-amerikanischer Perspektive, die ausarbeitet, wie es ist, zu dieser Community zu gehören. Es ist wichtig, dass die Leute begreifen: Asiat:innen und Asiatisch-Amerikaner:innen sind nicht dieselben Menschen. Wir unterscheiden uns so sehr in unseren Erfahrungen, und ich finde, diese Unterschiede sollten betont und gefeiert werden, anstatt unsere gesamte Community in eine Schublade zu stecken.“

Im Jahr 2021 versteht es sich von selbst, dass wir eine Geschichte wie diese schon viel früher gebraucht hätten; Shang-Chis scheinbar späte Ankunft im MCU verleiht ihm aber die Möglichkeit, in Phase 4 zu einem der einflussreichsten Mitspieler:innen zu werden. Darauf deutet auch die Szene nach dem Abspann hin. Von dem, was wir bereits über die nächsten MCU-Filme wissen – in denen es ebenfalls um Magie, Zeitsprünge und das Schicksal unserer Welt(en) geht –, dürfte sich ein Freund mit legendären Waffen, Zugang zu einer himmlischen Dimension und dem Geist eines uralten Drachens im Kampf gegen Thanos-ähnliche Bösewicht:innen definitiv als hilfreich erweisen. Die Moral von der Geschicht’: Diversity lohnt sich – vor allem, wenn es darum geht, unser Universum zu retten. (Und das sollten wir inzwischen eigentlich alle begriffen haben.)

Shang-Chi & the Legend of the 10 Rings gibt es aktuell im Kino zu sehen.

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