Mediziner versetzen erstmals Patienten in "Scheintod"

Zwei Stunden versetzen US-amerikanische Ärzte und Ärztinnen im Rahmen einer klinischen Studie Menschen in den Scheintod. Dadurch haben sie mehr Zeit für lebensrettende Operationen. Foto: Symbolbid / gettyimages / faustasyan

Es klingt wie ein Eingriff aus der Zukunft: Einem Notfall-Patienten wurde das gesamte Blut entnommen und gegen kalte Salzlösung ausgetauscht, sein Körper wurde außerdem herabgekühlt. So konserviert, wurde der Patient operiert und anschließend wieder zum Leben erweckt.

Im Rahmen einer Studie haben Ärzte an der Universität von Maryland für Medizin zum ersten Mal einen Patienten in den sogenannten „künstlichen Scheintod“ versetzt. Wie das Fachmagazin „New Scientist“ exklusiv vermeldet, hat das Team um Professor Samuel Tisherman mit Hilfe der sogenannten „Emergency Preservation and Resuscitation“ (EPR, etwa: Notfall-Erhaltung und Reanimation) einem Notfall-Patienten das gesamte Blut gegen eiskalte Salzlösung ausgetauscht. Außerdem wurde sein Körper auf ungefähr zehn bis 15 Grad Celsius herabgekühlt. Damit konnte kein Herzschlag, keine Atmung und nahezu keine Hirnaktivität mehr festgestellt werden. Anschließend wurde der Patient operiert und wieder zum Leben erweckt. Darüber berichtete Tisherman auf einem Symposium am vergangenen Montag in New York.

Überlebenschance ohne EPR: fünf Prozent

Das Ziel der EPR ist es, zukünftig Menschen mit lebensgefährlichen Verletzungen, wie etwa Stich- oder Schusswunden, zu behandeln. Das Problem an solchen Verletzungen ist, dass für die medizinische Notfallversorgung meist zu wenig Zeit bleibt mit den heutigen Methoden. Die Überlebenschancen sind dadurch sehr gering, sie liegen bei gerade Mal fünf Prozent. Ist der Patient aber scheintot, gewinnen die behandelnden Ärzte und Ärztinnen rund zwei Stunden zusätzliche Zeit, um Wunden zu versorgen.

Tisherman sagte im New Scientist dazu, dass sich die Prozedur „ein wenig surreal“ angefühlt habe. Weiterhin wollte er nicht verraten, wie oft die EPR schon zum Einsatz gekommen sei und wie viele Menschen überlebt hätten. Damit sie jedoch zum Einsatz komme, gebe es Voraussetzungen. So müssten potenzielle Patienten und Patientinnen einen Herzstillstand erleiden und eine schwerwiegende Verletzung, dazu noch mindestens die Hälfte des Blutes verloren haben.

Sie gewinnen mehr Zeit

Tisherman hofft, verlässliche Studienergebnisse bis zum Ende des kommenden Jahres zu veröffentlichen. Dazu möchte er insgesamt 20 Notfälle vergleichen: Zehn wurden dann mit der EPR behandelt, zehn vergleichbare Fälle nicht. Weil etwa das Experten-Team, das den Eingriff durchführen kann, nicht vollständig anwesend war.

Die Idee hinter dem Eingriff: Bei 37 Grad Celsius, der normalen Körpertemperatur, benötigen menschliche Zellen einen ständigen Nachschub von Sauerstoff, um Energie zu produzieren. Wenn aber kein Blut mehr zirkuliert oder sehr wenig, wie bei schweren Verletzungen, gibt es auch kein Sauerstoff mehr. Ohne Sauerstoff kann das Gehirn nur wenige Minuten überleben, ohne irreversible Schäden zu erleiden. Durch die Abkühlung des Körpers während der EPR wird erreicht, dass sämtliche chemischen Prozesse im Körper dramatisch heruntergefahren oder sogar gestoppt werden. Dadurch benötigen sie keinen Sauerstoff mehr.

Die klinische Studie wurde bereits von der zuständigen Behörde zugelassen. Dank der folgenden Begründung benötigen die Medizinerinnen und Mediziner um Tisherman nicht einmal eine Einverständniserklärung: Wenn Patienten mit solch schweren Verletzungen eingeliefert werden, werden sie höchstwahrscheinlich sterben. Es gibt also keine alternative Behandlung. Tisherman hat aber in den vergangen Wochen und Monaten immer wieder öffentliche Informationsveranstaltungen zu seiner Studie in der Region Baltimore besucht und über die EPR aufgeklärt. Er hat außerdem in Zeitungen inseriert, dass jeder Mensch sich online austragen kann und damit einer EPR widersprechen.  

Es gibt noch viele offene Fragen

In Tierversuchen wurden wiederholt Schweine erfolgreich mit der EPR behandelt. Bis zu drei Stunden konnten sie in Scheintod versetzt, operiert und anschließend wiederbelebt werden. Tisherman sagt dazu: „Wir hatten das Gefühl, dass es an der Zeit war, die Behandlung auch an Menschen einzusetzen. Jetzt lernen wir unglaublich viel dabei. Wenn wir dadurch beweisen können, dass es funktioniert, können wir mit der Technik dabei helfen, Menschen überall das Leben zu retten, die ansonsten sterben würden.“

Noch müssen aber einige ungelöste Fragen beantwortet werden. Etwa: Wie lange können Menschen gekühlt werden? Ein zentrales Problem sind Schäden auf zellulärer Ebene, die auftreten, wenn die Körper wieder erwärmt werden. Diese entstehen durch chemische Reaktionen – die fallen heftiger aus, je länger die Sauerstoffversorgung unterbunden worden ist. Es sei zwar vielleicht möglich, Medikamente dagegen zu verabreichen, so Tisherman, „aber wir haben noch nicht alle Gründe identifizieren können, die überhaupt zu den Schäden führen.“