Milliarden für badische Stromnetze: Fünf Themen des Tages

(Bloomberg) -- Petra Sorge über den Staat als Unternehmer. — Abonnieren Sie unseren Newsletter Fünf Themen des Tages täglich direkt in ihre Mailbox.

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Berlin will die Netzkontrolle

Um Deutschlands Energiesystem nach dem Atomausstieg grüner und ausfallsicherer zu machen, sind nicht nur viele neue Wind- und Solarparks nötig, sondern vor allem ein gewaltiger Netzausbau. Und zwar schnell, denn Nichtstun kostet bares Geld und schadet den Klimazielen: Weil der viele Ökostrom nicht abtransportiert werden kann, musste im ersten Quartal etwa ein Viertel der deutschen Offshoreproduktion abgeregelt werden. Dass es so nicht weitergehen kann, ist der Bundesregierung klar. Sie will mehr Kontrolle über den Netzausbau — konkret, indem sie sich schrittweise in die vier Übertragungsnetzbetreiber einkauft.

Wie Bloomberg meldete, gibt es dazu bei TransnetBW im Ländle nun einen konkreten Fortschritt. 3,2 Milliarden Euro will die Bundesregierung hinlegen, um über die KfW-Entwicklungsbank einen 25%-Anteil vom Mehrheitseigentümer EnBW Energie Baden-Württemberg AG zu erwerben. Der Haushaltsausschuss des Bundestages muss den Plänen der Ampel noch zustimmen, wofür nächste Woche eine Sitzung geplant ist.

Der Deal dürfte auch bei der FDP durchgehen, weil er nicht auf die Schuldenbremse angerechnet wird. Freilich ist die Summe noch gar nichts gegen die zweistelligen Milliarden-Kosten, die bei der geplanten Übernahme des größten deutschen Netzbetreibers Tennet noch drohen. Der Bund ist hier weiterhin in Gesprächen mit dem niederländischen Eigentümer, wenngleich eine Einigung noch vor den vorgezogenen Parlamentswahlen im Nachbarland in drei Wochen unwahrscheinlicher geworden ist.

Dass die Ampel bereit ist, so viel Steuergeld hinzulegen, ist auch eine Lektion aus den frühen 2000ern. Damals wurden die deutschen Netze im Zuge der von der EU getriebenen Entflechtung des Energiemarktes schrittweise an die Meistbietenenden veräußert - mit der Folge etwa, dass der niederländische Staat nicht mehr bereit ist, so viele Investitionen in Deutschland zu tätigen.

Damals scheiterte auch die Hoffnung, eine “Deutsche Netz AG” zu gründen — ein Traum, der nun in Ampel-Kreisen wieder auflebt. Auch wenn der Bund über die KfW schon Anteile an der Nummer 3 der Netzbetreiber — 50Hertz — hält, beißt sie sich beim rheinischen Platzhirsch Amprion bislang die Zähne aus.

Was Marktteilnehmer heute noch bewegen könnte, berichten Ihnen Rainer Bürgin, Alexander Kell und Verena Sepp: Deutsches Industrie-Drama, indisches Tafelsilber, Abwärts bei Wirtschaft und Teuerung, Chip-Dynamik, und wider die Wokeness.

Deutsches Industrie-Drama

Hohe Energiepreise belasten weiterhin die energieintensiven Branchen Deutschlands. Hinzukommen hohe Zinsen und eine schrumpfende globale Nachfrage, insbesondere aus China. So erwartet BASF einen Umsatz und Ergebnis für 2023 am unteren Ende der Prognosespanne, wie der Chemie-Riese heute mitteilte. Kürzungsmaßnahmen werden verschärft, statt 500 Millionen Euro sollen nun bis 2026 jährlich etwa 1,1 Milliarden Euro eingespart werden. Abspecken heißt es auch beim Stahlhändler Klöckner & Co, der angesichts einer gesenkten Prognose für 2023 Stellenstreichungen plant. Ein wenig aufgehellt hat sich dagegen das Bild beim Energieversorger Uniper, der vergangenes Jahr aufgrund der explodierenden Gaspreise verstaatlicht werden musste. Zwar rechnet der Konzern in absehbarer Zeit nicht mit einer Wiederholung der “außergewöhnlichen” Gewinne der ersten neun Monate 2023. Analysten sehen dank der stabilen Ergebnisse jedoch Spielraum für eine beschleunigte Rückkehr an den Kapitalmarkt.

Indisches Tafelsilber

Zur Stärkung ihrer Bilanz erwägt die vom Gamesa-Problem geplagte Siemens Energy, sich vom Großteils ihrer 24%-Beteiligung an der indischen Siemens Ltd zu trennen. Die Anteile würden an den Mutterkonzern in München gehen, hieß es aus informierten Kreisen. Letzte Woche hatte Siemens Energy bestätigt, in Berlin über Kreditgarantien zu verhandeln. Wie zu hören war, ist die Bundesregierung prinzipiell bereit, bis zu 8 Milliarden Euro an Garantien zu gewähren. Sie erwartet jedoch, dass Siemens und die Banken den Rest übernehmen. Aufsichtsratschef Joe Kaeser seinerseits war Spekulationen entgegengetreten, der Kraftwerksausrüster könnte darüber hinaus auf direkte Staatshilfen aus sein. Investoren von Siemens und Siemens Energy indessen haben im Gespräch mit Berenberg eine gewisse Frustration über die sture Haltung von Siemens zum Ausdruck gebracht, Siemens Energy keine weitere Unterstützung anzubieten.

Abwärts bei Wirtschaft und Teuerung

Im Euroraum ist die Inflation auf den niedrigsten Stand seit mehr als zwei Jahren gesunken. Die Rate von 2,9% im Oktober lag unter der mittleren Schätzung von 3,1% in einer Bloomberg-Umfrage. Die Wirtschaft indes schrumpfte angesichts der gestiegenen Zinsen im dritten Quartal unerwartet um 0,1% gegenüber dem Vorquartal. Erwartet worden war eine Stagnation. Die Rückführung der Inflation auf das EZB-Ziel von 2% fordert ihren Tribut. Jenseits des großen Teichs dürfte die US-Notenbank auf ihrer Sitzung vom 31. Oktober bis 1. November laut BI die Zinsen unverändert lassen. Unangetastet blieben heute auch in Tokio die negativen Zinsen der japanischen Zentralbank, die allerdings entschied, einen Anstieg der langfristigen Renditen zuzulassen. Der im Vergleich zu den Markterwartungen als taubenhaft angesehene Beschluss schwächte den Yen. Unterdessen erwartet das US-Finanzministerium für das laufende Quartal eine geringere Kreditaufnahme der USA auf Bundesebene als bisher veranschlagt. Am Bondmarkt, wo angesichts des rasch wachsenden Haushaltsdefizits Unruhe herrscht, sanken die Renditen.

Chip-Dynamik

Die neuen Modelle des MacBook Pro, die Apple gerade vorgestellt hat, illustrieren die Dynamik, die derzeit im Geschäft mit Rechenchips herrscht. In den Laptops kommt erstmals die dritte Generation der vom Konzern entwickelten Prozessoren zum Einsatz. Die neuen M3-Chips sollen das Tempo bei Standard-Aufgaben um 35% erhöhen und die Grafikperformance um 65% steigern. Die preisgünstigste Notebookversion soll für $1.599 angeboten werden. Vergangene Woche hatte Qualcomm einen Notebook-Prozessor vorgestellt, der schneller als Apples M2 und auch besser als ein Konkurrenzprodukt des Platzhirschs Intel sein soll, dem Apple 2020 den Rücken gekehrt hatte. Nvidia und AMD indessen arbeiten an neuen Prozessoren auf Basis von Technologie des britischen Entwicklers Arm. Auf Dynamik traf gerade auch Elon Musk. Der von ihm in X umbenannte Kurznachrichtendienst ist nur noch die knappe Hälfte der 44 Milliarden Dollar wert, für die ihn der Multimilliardär vor einem Jahr kaufte.

Wider die Wokeness

Sozialwissenschaftler haben in den USA eine Umorientierung in den Vorstandsetagen von Unternehmen festgestellt — weg von einer populistischeren republikanischen Partei und hin zu den Demokraten, insbesondere in kulturellen Fragen. Was auch damit zu tun hat, dass Management und Mitarbeiter großer Tech-Konzerne häufig überwiegend links eingestellt sind und viele von ihnen wollen, dass ihre Unternehmen bei Themen wie Diversität, Gleichstellung und Inklusion ihre Stimme erheben. Das löst Gegenreaktionen aus. Nach einer Werbekampagne von Anheuser-Busch, in der ein Transgender-Influencer für Bud Light warb, sank der Absatz des Bieres wie ein Stein. Der Aktienkurs des Discounters Target brach — laut CEO — wegen “negativer Reaktionen” auf Pro-LGBTQ-Werbung zeitweilig ein. Für Republikaner rangieren “Transgender-Aktivismus”, “Woke Corporations” und “Critical Race Theory” neben “illegaler Einwanderung” als ihre wichtigsten Themen. “Republikaner beginnen, wie viele Demokraten bereits, Marken zu wählen, die mit ihren Werten und Moralvorstellungen übereinstimmen”, sagt Matt Oczkowski, der 2016 ein führender Datenwissenschaftler in Donald Trumps Präsidentschaftskampagne war und folgenreiche Erkenntnisse gewann.

Was sonst noch passiert ist:

  • Öl-Verzicht

  • Nahost-Eskalation

  • Banker-Boni

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