Jadu: „Man wird in Deutschland ständig daran erinnert, dass man nicht weiß ist“

Edith Löhle

Mit ihrer ersten Single schießt Jadu scharf. „Treibjagd“ ist ein lauter Knall als Vorbote auf ein Debütalbum, das 2018 kommen soll. Die Berliner Künstlerin hat angesetzt und ihr Ziel getroffen: Sich schon mal Gehör verschafft, denn der Traprock, wie sie den Sound des Songs beschreibt, ist anders als die Musik deutscher Künstlerinnen. Ihre Texte sind voller Doppeldeutigkeit, mit maskuliner Attitüde singt sie über die Waffen einer Frau.

Nur die Rockgitarren am Ende des Songs lassen vermuten, dass ihre Lieblingsband Rammstein ist, sie Marilyn Manson schon immer faszinierend fand und als Teenie Slipknot und Korn hörte. Rock ist ein Einfluss in Jadus Musik und doch lässt ihre Richtung sich nicht klar auf ein Genre reduzieren. „Aufgrund meiner Hautfarbe denken die Leute, ich müsse Soul oder Hip Hop machen. Man traut einer schwarzen Frau zum Beispiel keine Rockmusik zu“, erzählt sie in unserem Interview. Auch dass sie einmal bei einem Konzert von Rammstein, ein absurdes Kompliment bekam: „'Du bist schwarz und hörst so was, wirklich ganz toll', sagte ein Typ. Was soll man darauf denn antworten? Was sagt meine Hautfarbe über meinen Musikgeschmack aus?"

Als jüngere von zwei Töchtern einer Deutschen und eines afroamerikanischen Musikers bekommt sie als Kind in Bad Essen schon zu spüren, dass ihre Hautfarbe ein Thema ist. „Man wird ständig daran erinnert, dass man nicht weiß ist. Ich habe mich nie anders gefühlt, ich bin in Deutschland geboren, unsere Mama ist weiß, unser ganzes Umfeld war weiß. Meine Schulzeit war schon scheiße, ich war die einzige Dunkelhäutige in der Schule", erzählt Jadu. Auch dass sie sich dann eine Art Schutzschild baute: „Ich war eh Außenseiterin und wurde gehänselt, also habe ich einen draufgesetzt und habe mich schwarz angezogen, hatte wie Marilyn eine weiße Kontaktlinse und ein Stachelhalsband. Plötzlich wurde erzählt, dass ich nachts auf dem Friedhof gesehen wurde, wie ich Satan angebetet hätte", sie fängt an zu lachen und beschreibt ein Klassenbild, auf dem sie abseits der anderen Schüler sitzt, alle grinsen, doch sie guckt böse und trägt ein Marilyn Manson Shirt.

Auch Rock ist von Männern dominiert. Während unseres Interviews überlegen wir immer wieder, welche krasse Frau für dieses Genre steht. „Es gibt viel zu wenig Frauen in der Musik in Deutschland, wenn machen die Pop oder Soul“, nach und nach fallen uns Namen ein. Jennifer Rostock mit weiblicher Frontfrau, oder auch Guano Apes zum Beispiel. „In Amerika regieren auch Frauen das Business, nur in Deutschland sind die Männer oben. Ich wünsche mir Gleichberechtigung. Nur so kann Musik auch wieder echter sein."

Foto: Christoph Voy 

Beim Thema Authentizität bleiben wir hängen. Jadu spielt Schlagzeug und Gitarre und so ist es ihr auch wichtig, mit einer Band auf Tour zu gehen. Echte Menschen, echte Instrumente. Bei Musik vom Band oder eben einem DJ im Rücken fehlt ihr die Realness. „Es ist so viel Fake heutzutage, das geht los bei Instagram mit dem Hashtag 'Me looking cute' und endet mit beliebigem Songwiriting für Chartmusik. Das ist traurig.“

Interessant an Jadus Texten ist auch, dass sie ein Herz für vergessene Wörter der deutschen Sprache hat und diese wiederbelebt. In alten Gedichtbänden jagt sie nach Begriffen, die zu schön sind, um sie nicht mehr zu benutzen. Mit ihrem altdeutsch, der gewaltigen Bildsprache und der Musik bricht sie komplett mit Stereotypen. Da bleibt nur, „Weidmannsheil“ für die Karriere zu wünschen.

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