Wie die Nachrichten mich an den Rand der Verzweiflung trieben

Jess Commons

Ich öffne jetzt Twitter, und wenn ich unter den ersten zehn Tweets nichts über Trump lese, dann stehen die Chancen gut, dass wir heute nicht sterben.

Solch absurde Gedanken gehen mir mittlerweile automatisch durch den Kopf, wenn ich auf das kleine, blaue Symbol mit dem weißen Vogel auf meinem Handy sehe. Ich tippe es an und scrolle. Wenn ich nichts Beunruhigendes finde, ist das erste Level geschafft und ich ziehe weiter auf die Homepage der Nachrichtenseiten: BBC, Süddeutsche, New York Times.

Wenn nirgendwo ein Terroranschlag irgendwo auf der Welt erwähnt wird, dann kann ich erst mal beruhigt in die U-Bahn steigen und zur Arbeit gehen, kein Problem.

Level 2. Dies, meine Freunde und Freundinnen, ist das Ritual, das 2017 begann und bis heute anhält. Und es ist ermüdend.

In den vergangenen zwei Jahren mussten eine halbe Million Rohingya vor Mord und Verfolgung in Myanmar fliehen, im Jemen verhungern Hunderttausende, in Madagaskar war zwischenzeitig die Pest zurück, während in den USA in diesem Jahr wieder mehr Masern-Fälle festgestellt werden und in Syrien gehen die Brutalitäten massenhaft weiter.

Oh, und dann gibt es noch den Klimawandel, eine Reihe an schrecklichen Naturkatastrophen auf der ganzen Welt und, ja, natürlich wären da noch Donald Trump, Boris Johnson, Matteo Salvini, und die AfD.

Statistisch gesehen ist die Welt in vielerlei Hinsicht sicherer als je zuvor. Die Zahl der Todesfälle durch Kriege auf der ganzen Welt ist exponentiell niedriger als noch vor 20 Jahren. Todesfälle durch Krankheiten sind rückläufig und die Lebenserwartung steigt weltweit.

Und trotzdem ließ ich mich vor nunmehr fast einem Jahr einen Monat lang krankschreiben, weil meine Nerven nicht mehr standhalten konnten. Das mag sich für einige lächerlich anhören, aber die Nachrichten haben mich zum Wrack werden lassen. Ich verbrachte immer wieder ganze Abende, manchmal auch ganze Wochenenden damit, auf meiner Couch zu sitzen, zu weinen, nichts mehr zu essen und schlechte Filme zu schauen. Und ganz egal was meine Freund*innen mir rieten, ich konnte meine Angst nicht unter Kontrolle kriegen. Ich konnte nicht mehr ruhig schlafen, zitterte, konnte nicht richtig atmen und hatte irgendwann sogar Angst, mein Haus nur zum Einkaufen zu verlassen. Ich hatte schon immer mit Angstzuständen zu kämpfen und bereits lange in Therapie. Doch der eine Monat war auch die Zeit, in der mich mein Therapeut zu einem Psychiater überwies, damit dieser mir ein neues Medikament verschreiben konnte.

Zwei Monate später saß ich wieder im Büro, wackelig, aber es geht. Meine Strategie: mich von sämtlichen Nachrichten fernzuhalten.

Rachel*, die in der Modebranche arbeitet, hat ähnliche Erfahrungen mit Panikattacken gemacht und hörte nach den Terroranschlägen in London im September 2017 auf, die U-Bahn zu benutzen. „Ich weiß, dass die Statistiken belegen, dass U-Bahnen immer noch relativ sicher sind, aber der Gedanke, sich auf einen so kleinen, unausweichlichen Ort zu beschränken, macht mir Angst“, erklärt sie im Gespräch, ihre Finger angespannt. „Einmal kam ich eine Stunde zu spät zur Arbeit, weil einen falschen Alarm erhalten und einen Umweg genommen hatte.“

Internist Dr. Steven Raphael sagt, dass er die Auswirkungen der Weltnachrichten auf seine Patient*innen immer mehr wahrnimmt. „Anschläge und Katastrophen haben das Angstniveau derjenigen, die bereits vorher unter Angststörungen gelitten haben, erhöht, aber auch den Ausbruch von Angststörungen bei Menschen bewirkt, die vorher keine Probleme mit Angst hatten.“

Es stellt sich mir also langsam die Frage: Sind es die Vorfälle selbst, die etwas in uns auslösen oder die Art und Weise, wie wir von den Vorfällen erfahren? Für Dr. Raphael ist die Antwort klar: „Die Angstepidemie steht in direktem Zusammenhang mit dem permanent unmittelbaren Zugang zu Nachrichten über Websites und Social Media.“

Der Nachrichtenzyklus der letzten Jahre hat sich grundlegend verändert. Bevor es das Internet gab, zitierten die Menschen den Ersten Golfkrieg als Wendepunkt in unserer Beziehung zu Nachrichten. Als erster Krieg in diesem neuen Zeitalter der Technik beschränkte sich unser Wissen über seine Abscheulichkeiten nicht mehr nur auf Zeitungsberichte oder verschwommene Schwarz-Weiß-Bilder auf dem Bildschirm. Nein, plötzlich wurden Videos von realen und schockierenden Ereignissen direkt über Satellit und in Farbe in die Wohnzimmer der westlichen Welt ausgestrahlt. So sah der Krieg in all seiner Hässlichkeit aus, und er ist in unseren gemütlichen und „sicheren“ Ort eingedrungen: das Wohnzimmer.

Mittlerweile ist es nicht mehr nur das Wohnzimmer – aber wenn du diesen Artikel hier liest, bist du dir dessen wahrscheinlich schon bewusst. Bedingt durch Social Media, Livetickern und 24h-News-Streaming ist es heute ziemlich unwahrscheinlich, dass du ein großes Ereignis, das irgendwo auf der Welt passiert, länger als ein paar Stunden ignorieren kannst. „Es gibt so viele Nachrichtensträme, aus allen Ecken der Welt, und das durchgängig”, betont auch Nathalie Nahai, Autorin von Webs Of Influence: The Psychology of Online Persuasion. „Es durchdringt all unsere Newsfeeds, unsere Social-Media-Kanäle, es gibt quasi keine Pause, kein Verstecken vor globalen Nachrichten.“

Sensationsmeldungen haben sich schon immer verkauft; deshalb stehen auf den Titelseiten Geschichten von Kokain-Skandalen anstatt Steuerreformen. Online ist dieses Konzept allerdings heimtückischer. „Die Art von Schlagzeilen, die die meisten Klicks bekommen, die den meisten Traffic generieren und am meisten geteilt werden, sind diejenigen, die am emotionalsten wirken“, sagt Nahai und fügt hinzu, dass dies gewöhnlich Nachrichten sind, die ‘Wut’ oder ‘Angst’ hervorrufen. Da Online-Medien von kommerziellen Einnahmen angetrieben werden, die davon abhängen, wie viel Engagement ein Beitrag erhält, werden Artikel, die gut abschneiden, zwangsläufig kopiert. Mit Headlines wie „Schockierende Geschichte einer jungen Braut, die durch Selbstmord starb, nachdem ihr die psychiatrische Behandlung verweigert wurde“ können starke Reaktionen hervorgerufen werden und das bemerken alle – du kannst also Gift darauf nehmen, dass diese Nachricht innerhalb weniger Momente auch in anderen Medien auftauchen und geteilt wird.

Dass Menschen Sensationen brauchen, ist keine Neuigkeit. Allerdings wirken Social Media und permanente Push-Notifications jeder Nachriten-App in diesem Kreislauf wie Öl, das literweise in ein bereits loderndes Feuer gekippt wird. „Social Media verbreitet die emotionale Ansteckung sehr schnell“, erklärt Dr. Aaron Balick, Psychotherapeut und Autor von The Psychodynamics of Social Networking: Connected-up Instantaneous Culture and the Self. „Du bekommst außerdem nicht nur eine Nachricht, sondern auch die geteilte Empörung, die mit dieser Geschichte assoziiert wird, die uns wie eine Welle trifft, und Gefühlsansteckung, Empörung und Angst erzeugt.“

„Diese Empörung ist in der Regel übertrieben. Social Media ermutigt uns, in Echtzeit zu reagieren, ohne nachzudenken und ohne sich konzentrieren zu müssen“, sagt Nahai. Wenn, nehmen wir mal an, einer deiner Lieblingscomedians, fünf Minuten nachdem eine Eilmeldung eintraf, eine 280-Wörter-Vorhersage darüber schreibt, was ein weiterer Terroranschlag für die Stabilität Großbritanniens bedeutet, ist dies vielleicht keine so gesunde Meinung, die man sich also nicht zu Herzen nehmen sollte.

Die Kontrolle spielt hier eine große Rolle. Diejenigen mit einer generalisierten Angststörung erleben oft tief verwurzelte Kontrollprobleme. Das Lesen dieser vielfach „schockierenden” Schlagzeilen und den darauffolgenden schlecht durchdachten Reaktionen könnte dazu führen, dass sich jeder außer Kontrolle geraten fühlt, vor allem jemand, der um jeden Preis danach strebt, alles zusammenhalten zu wollen. Wie um alles in der Welt können wir auch nur die geringste Chance haben, etwas zu tun, um das Wortgefecht zwischen Donald Trump und Kim Jong-un zu kontrollieren? Wir haben keine. Und doch beschäftigen wir uns mit Meinungen und Newsmeldungen über ihn, als ob wir es könnten. Ich las zwanghaft darüber, in einem verzweifelten Versuch, die Kontrolle, die ich glaubte, verloren zu haben, zurückholen zu wollen.

Ein weiteres Problem sind Push-Benachrichtigungen. Im Laufe der Zeit wurden wir konditioniert, auf sie zu reagieren. Studien zeigen, dass Benachrichtigungen dazu führen, dass unser Gehirn Dopamin produziert, was positiv ist. Es reicht jedoch nicht aus, um uns lange zufrieden zu stellen, und darum kehren wir schon bald wieder zum Smartphone zurück, um nach weiteren News zu suchen. Zwischen den Benachrichtigungen, die uns über positive Dinge informieren, wie Likes auf Instagram, und negative Dinge, wie Tweets, die uns sagen, dass eine furchtbare Person einen Bus in ein überfülltes Einkaufszentrum gefahren hat, können die Dinge jedoch verwirrend werden.

„Das nennt man variable Verhältnisverstärkung”, sagt Nathalie. „Es bezieht sich auf den Prozess, einen Trigger zu erhalten, dem irgendeine Art Belohnung folgen kann, aber man weiß nicht, wann oder ob man eine Belohnung bekommt oder wie groß sie sein wird. Wenn da nach einem Trigger dieses Gefühl der Unsicherheit aufkommt, wie z.B. das Ping einer Benachrichtigung oder das kleine Symbol, das anzeigt, dass du einen neuen Kommentar, eine neue E-Mail oder Antwort erhalten hast, ist es wahrscheinlicher, dass sich dein Verhalten zuspitzt.”

Sie erzählt mir von einer Studie, die mit Tauben durchgeführt wurde (– ich bitte um Verständnis). Die Tauben lernten, dass sie, wenn sie einen bestimmten Hebel betätigen, Nahrung bekommen. Sie wussten jedoch nicht, wann, ob oder wie oft das Essen kommen würde, und lernten, den Hebel wiederholt zu betätigen, in der Hoffnung, diese wunderbare Zeit wiederherzustellen, als dies eine Nahrungslieferung auslöste. Es ist das, was wir tun, wenn wir unsere Smartphones in die Hand nehmen, um ziellos zu scrollen; es ist das, was ich tue, wenn ich Twitter nach schlechten Nachrichten durchforste.

Für Leute mit einer generalisierten Angststörung, scheint die Lösung also klar zu sein; bleibt so oft es nur geht von den Nachrichten fern. Das fühlt sich an wie eine schrecklich privilegierte Sache, die wir von unseren netten, sicheren Häusern aus tun können, während die Leute da draußen extrem leiden, sage ich Dr. Aaron. „Ja, aber diese Leute reagieren auf reale Ereignisse, die sich wirklich um sie herum abspielen”, betont er. „Eigentlich stellen wir fest, dass die Leute im Allgemeinen in der Lage dazu sind, mit wirklich schlechten Dingen klarzukommen, wenn sie passieren. Es ist die Sorge, dass Dinge vielleicht oder vielleicht auch nicht passieren, mit der sie zu kämpfen haben.” Er zitiert meine Handlungen; egal wie viel ich über die Situation in Nordkorea lese, es wird nichts an der Sache verändern, was bringt es also, sich damit zu beschäftigen? 

Es ist etwas, das ich immer wieder höre. „Ich rate all meinen Patienten, die unter Angststörungen leiden, sich von Social Media abzuwenden, Push-Benachrichtigungen auszuschalten und zu vermeiden, Zeit mit dem Surfen auf Webseiten zu verbringen”, sagt Dr. Steven. „Das Gehirn ist nicht dafür gemacht, ständig mit Informationen stimuliert zu werden, die Angstzustände auslösen.”

Was haben unsere Angstpatienten in Anbetracht dessen getan? Rachel war bei ihrer Internetnutzung wählerisch: „Ich war streng und habe meine Apps sofort geschlossen, sobald ich eine schreckliche News gesehen habe – nach dem jüngsten Angriff in Manhattan habe ich die Schlagzeile gelesen und mich abgemeldet. Ich denke Selbstschutz, besonders wenn man psychische Probleme hat, ist im Leben entscheidend.”

Was mich angeht? Nun, ich habe Twitter und meine Nachrichten-Apps gelöscht. Ich checke das Internet nicht mehr vor dem Schlafengehen und trenne die Verbindung am Wochenenden fast vollständig. Und es scheint zu funktionieren… für den Moment. Es ist wichtig zu wissen, was in der Welt vor sich geht, und wenn es da irgendetwas gibt, was du tun kannst, um in einer bestimmten Situation zu helfen, dann mach das. Es ist jedoch wichtig, sich mit den Nachrichten auf die richtige Art und Weise, aus den richtigen Gründen zu beschäftigen. Wenn du also auch leidest, dann überleg dir, ob du dich mir anschließen willst und mit mir eine Pause machen willst – nur für eine kleine Weile.

*Name wurde geändert

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