Neujahrsvorsatz Selfcare: Warum ich mir toxische Freundschaften nicht mehr antue

Bianca Jankovska

Die meisten Frauen sind mit der relativ konkreten Vorstellung einer besten Freundin großgeworden. Die „beste Freundin“: Sie gehört ganz einfach zum Erwachsenwerden und -sein dazu, tritt am besten so früh wie möglich in unser Leben und weicht von da an nie wieder von unserer Seite. Beste Freundinnen, das weiß man aus Mädchenzeitschriften, übernachten beieinander und flechten sich Zöpfe, halten Händchen beim ersten Liebeskummer und haben immer einen altersgerechten Rat parat, weil sie sich als ebenbürtige Mitmenschen verstehen, einander respektieren und stets das Beste für die jeweils andere im Sinn haben. So war das ursprünglich gedacht, oder?

Die Realität hat mir neben einigen sehr schönen auch weniger erstrebenswerte Erfahrungen beschert. Erfahrungen, die ich rückblickend sicherlich nicht mehr (mit)machen würde und die mich psychisch einen hohen Preis gekostet haben. Ich weiß, dass ich nicht alleine bin mit meinen Verletzungen und den daraus resultierenden Vertrauensproblemen, meinen schlecht gewählten Partnerinnen in Crime, die mich klein hielten, ignorierten oder bewusst beleidigten. Die ich trotzdem liebte, mit den kindlichen Ressourcen, die mir zur Verfügung standen. Kaum jemand spricht darüber, als ob man sich mit der Offenbarung eines solchen Erlebnisses als Kameradin für andere Frauen disqualifizieren würde. Als ob man in Wahrheit doch irgendwo selbst schuld daran wäre, wie bei einer Vergewaltigung, nur anders.

Es gibt schlechte Freundinnen, heute erzähle ich von meinen.

Es ging immer nur um sie.

Als ich Michaela das erste Mal sah, muss ich 16 oder 17 gewesen sein. Sie musste eine Klasse wiederholen und kam in der Zwölften neu zu uns. Natürlich saß sie in der letzten Reihe, alles andere hätte das Bild gestört. Mit ihren blauen Haaren und drei Unterlippenpiercings war es schwer, sie zu übersehen – nicht nur für die Lehrer. Michaela hatte neben ihrer beinahe schon wahnwitzigen Ausstrahlung eine Art zu kommunizieren, die einen beim Öffnen der Nachrichten regelmäßig das Schlechteste vermuten ließ und nicht nur damit zusammenhing, dass wir Teenager waren. Ich konnte sie von Anfang an nicht leiden. Ständig sprach sie lautstark über ihr Liebesleben, während sie T-Shirts mit dem Spruch „Suche Mann mit Pferdeschwanz, Frisur egal“ trug und im selben Atemzug über ihre beste Freundin lästerte. Sie interessierte sich nicht die Bohne für die Gefühle ihrer Mitmenschen. Es ging immer nur um sie. Ihre schlechten Noten, ihre vermeintlich hässlichen Oberschenkel, ihren mies bezahlten Samstagsjob.

Keine zwei Jahre später waren wir beste Freundinnen – und ich offensichtlich nicht ganz bei Bewusstsein. Manchmal holte ich sie mit dem Auto meines Vaters von zu Hause ab, mit dem wir dann durch die Gegend oder zu McDonalds fuhren. My Chemical Romance an, Ziel egal. Teenagers scare the living shit out of me. Manchmal verschlug es uns auf Partys ins Wiener Umland, auf denen die eine auf die jeweils andere aufpasste, während diese sich bis zur Besinnungslosigkeit trank, nur um wenig später auf der Heimfahrt auf den Rücksitz zu kotzen. Wir hatten die Zeit unseres Lebens, bereuten nichts und niemanden. Wir telefonierten täglich, wussten alles voneinander. Die Vorwürfe, die Michaelas Freund ihr im Chat schrieb. Das komplizierte Verhältnis zu ihren Geschwistern, mit denen sie auf engstem Raum lebte. Meine Unfähigkeit, alleine zu sein.

Die Intensität unserer Beziehung war für alle Beteiligten toxisch.

Michaela hatte wenig Selbstbewusstsein. Wenn ich eine andere Frau für ihr Aussehen lobte, fühlte sie sich abgewertet, angegriffen – und griff im Gegenzug mich an. Ich hätte doch keine Ahnung von ihrem Körper und ich solle gefälligst still sein, schließlich hätte ich Brüste, die sehenswert wären und überhaupt, was fiel mir ein, sie in ihrer eigenen Wohnung bloßzustellen. Sie rastete oft aus, schlief mit den Freunden ihrer Freundinnen und wurde aus guten Gründen von vielen Personen aus unserem Umfeld gemieden. Mir war Michaelas Ruf egal, weil ich sie irgendwann trotzdem liebte. Sie war nicht nur wunderschön, sondern auch schonungslos brachial und ehrlich, so wütend und besonders. Michaela war meine Seelenverwandte, bei ihr konnte ich echt sein.

Heute haben wir keinen Kontakt mehr, schon seit Jahren nicht. Die Intensität unserer Beziehung war für alle Beteiligten toxisch. Ich störte sie und sie störte mich. Ich, mit meiner Besserwisserei und den übertriebenen Ambitionen, sie, mit ihren ständigen Eskapaden. Wir entwickelten uns auseinander.

Foto: Ashley Armitage.

Rückblickend finde ich es traurig, dass ich mich noch lange nach dem Ende unserer Beziehung an sie geklammert hatte. Immer wieder von vorne anfing, versuchte, Dinge geradezubiegen, die gebrochen waren. Ich hatte schlaflose Nächte wegen Michaela – und trotzdem wollte ich wieder gemeinsam mit ihr einen Club betreten und wissen, dass wir zusammengehören. Wir konnten unterbewusst Gedanken austauschen, bis eine von uns beiden mit der Intention der anderen auf das gerade Stattfindende reagierte. Es war magisch.

Michaelas Geschichte war der Anfang einer Reihe von Freundschaften: Beziehungen mit Frauen, die auf eine interessante, aber doch falsche Art anfingen – und zumindest genauso eklig endeten, wie sie sich zwischendrin immer wieder anfühlten. Während ich gleichzeitig auf eine Menge gesunder, langanhaltender Beziehungen zurückgreifen kann, die auch heute noch kein Ende erahnen lassen, gab es dazwischen immer wieder Mädchen und später Frauen, in die ich mich verliebte. Die ich obsessiv umgarnte, mit Aufmerksamkeit und den guten Eigenschaften, die mir gegeben sind. Ich wollte sie kennenlernen, so richtig, und nichts zwischen uns kommen lassen. Den Smalltalk ausklammern und vordringen zu den wirklichen Problemen. Jenen, die sich nicht in einer Stunde erklären lassen und auch nicht in vier. Ich wollte etwas, das an Michaelas und meine Verbindung herankam – so toxisch sie auch für uns beide gewesen war.

Nach Michaela kam lange Zeit nichts und danach kam Simone. Wir kannten uns lose über einen Bekannten, den sie im Fluc, einem Wiener Club, kennengelernt hatte. Sie war die Sorte Frau, die mir auf einer Party auffallen würde, wenn ich ein heterosexueller Mann wäre. Und sie machte mir Angst.

Foto: Ashley Armitage.

Es gibt diese Menschen, bei denen man spürt, dass etwas im Argen, im Verborgenen liegt und man es erst später, wenn überhaupt, verstehen wird. Wieso habe ich es nicht kommen sehen? Simone und ich hatten einen holprigen Start, ich hielt sie für furchtbar arrogant. In Wahrheit war sie die erste Intellektuelle, die ich näher an mich ranlassen sollte. Unsere Gespräche drehten sich um die Wichtigtuerei der Wiener und Berliner Kunstszene, über Filme, das für uns nicht nachvollziehbare Arbeitsleben unserer Eltern und natürlich um die Traumata, die wir unseren Ex-Freunden als Erbe einer gescheiterten Liebesbeziehung hinterlassen hatten und umgekehrt. Wir ähnelten uns auf erschreckende Weise. Nicht nur optisch, sondern auch in Hinblick auf unsere zwischenmenschlichen Verhaltensmuster – vermutlich war das der Todesstoß.

Nach einem knappen Jahr, in dem wir uns beinahe wöchentlich im Café Sperl oder Café Merkur zum Frühstück trafen und gemeinsam nach neuen Orten zum Arbeiten suchten, fing sie an, Fotos meines Ex-Freundes zu liken und hörte beinahe gleichzeitig damit auf, sich bei mir zu melden. Von einem Tag auf den anderen. Sie hing mit ihm ab, ohne es mir zu erzählen und hielt es für das Normalste der Welt – schließlich gäbe es keine offiziellen Richtlinien der Loyalität und wenn zwei erwachsene Menschen sich gut verstehen, wo wäre dann das Problem. Ich stimmte ihr zu, denn da war nichts mehr von meiner Seite aus. Außer der Vermutung, dass sie sich nach der Trennung sehr wohl auf eine Seite geschlagen hatte, ohne dies in ihrer eigenen moralischen Überlegenheit zu bemerken. Es gab alarmierende Anzeichen, die mich hätten warnen sollen. Wie sie nie über ihre alten Freundinnen und Freunde sprach, weil sie nicht existierten. Funkstillen im zurückgelassenen oberösterreichischen Zuhause.

Geschichten über Frauenfreundschaften sehen keine Brüche vor. Man ist und bleibt beste Freundinnen, im Idealfall für immer.

Als wir beide einen Sommer in Berlin verbrachten und es trotzdem „nicht schafften“ uns zu treffen, merkte ich, was falsch lief. Sie hatte keine Lust mehr auf mich, war bereits auf dem Sprung zu etwas Besserem, ohne den Mut aufzubringen, es mir zu sagen. Sie traf ständig andere Menschen, konnte aber keine zehn Minuten für einen Kaffee finden. Als ich sie darauf ansprach, resignierte sie und ließ mich mit dem beklemmenden Gefühl zurück, sich auf nichts und niemanden verlassen zu können. Selbst dann nicht, wenn die Chemie ganz offensichtlich stimmte und man sich in schummrigen Bars die Überbleibsel der Vergangenheit erzählte.

Geschichten über Frauenfreundschaften sehen solche Brüche nicht vor. Man ist und bleibt beste Freundinnen, im Idealfall für immer. Man bastelt sich süße Geburtstagskarten und lädt die andere einmal im Jahr zum Sektfrühstück in die Therme ein. Es ist nicht vorgesehen, dass man verstrahlt bis sieben Uhr abends gemeinsam nackt im Bett liegt und sich leise hasst, für die Dinge, die man sich angetan hat. Die kleinen Verletzungen des Alltags, die man sonst nur aus „richtigen“ Beziehungen kennt.

Als mich Simone verließ, ganz langsam, indem sie auf Zehenspitzen aus meinem Leben schlich und aufhörte, meine Posts und Fotos zu liken und schließlich sogar meine Nachrichten zu beantworten, fühlte ich einen Schmerz, der mich an Liebesbeziehungen erinnerte. Einen Schmerz, den man nur dann kennt, wenn man den anderen Menschen wirklich in sein Leben gelassen hat. Wenn der Mensch geht, nimmt er ein Stück deiner Geheimnisse mit. Deshalb ist es so schwer. Er nimmt dir erstmal das Vertrauen in zwischenmenschliche Stabilität, weil das Letzte, woran du dich nach dem Intermezzo erinnern wirst, die Unfairness seines Abgangs ist. Du fühlst dich emotional ausgebeutet. Du fragst dich, wie es sein kann, dass eine Person, der du alles anvertraut hast, mit denselben Mitteln gegen dich arbeitet, die sie noch vor wenigen Monaten ablehnte. Sich auf freundschaftliche Weise zu entlieben ist nichts, das man in der Schule lernt – jeder braucht seine eigenen Gehversuche.

Es tut mir leid, dass ich meine Gefühle in jemanden investiert habe, der es nicht wert war.

Kurz habe ich mich natürlich auch gefragt, ob es meine Schuld ist. Sein könnte. Dass ich hier und da, ja klar, hätte anders reagieren und handeln und sprechen können. Aber im großen Ganzen? Dann dachte ich an meine beste Freundin in London, die noch genauso da ist wie meine langjährige Schulfreundin in Wien, mit der ich 2005 in die erste Oberstufenklasse ging. Meine Cousine, die mich bestimmt besser kennt als Michaela und Simone zusammen. Dass da Ankermenschen sind, mit denen es offensichtlich zu klappen scheint. Neue wie alte. Vielleicht liegt das Grundproblem in der Inkompatibilität mancher zwischenmenschlicher Kombination. So, wie für manche bestimmte Farben oder Zutaten nicht zusammenpassen, gibt es Menschen, die sich beißen. Die sich abstoßen, die nicht nebeneinander existieren können, weil sie zu stark sind, oder zu ähnlich – in genau dieser Komposition. Da hilft kein Überanalysieren, kein erneutes Durchdenken bis ins letzte gesprochene Detail, kein abermaliges sich – endlich mal wieder – melden und pathetische E-Mails schreiben. Es ist vorbei.

Ich würde gerne behaupten, dass ich diese Art der Freundschaft nicht bereue. Aber ich tue es. Es tut mir leid, dass ich meine Gefühle in jemanden investiert habe, der es nicht wert war. Trotz all der Vorsicht, die ich walten lasse, wenn ich mich neuen Menschen nähere, ist es passiert. Ich kann nicht leben und dabei jeden Tag aufs Schlimmste hoffen. Ich bin offen, zumindest noch so weit, dass ich mit einer fremden Person auf ein harmloses Getränk gehen würde. Es fängt immer so an. Und wenn dort jemand sitzt, der mich in seinen Bann zieht, ist es ganz gleich, ob Mann oder Frau, Beziehung oder Freundschaft.

In jeder Beziehung entstehen Emotionen, und wo Emotionen entstehen, ist auch immer Raum für Enttäuschung. Raum für Abschied. Raum für Trennung. Das zerbrechliche Bewusstsein, sich im anderen Menschen täuschen zu können.

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