Neuschwanstein: Die Inspiration für Disneys Märchenschloss

Jeder kennt und liebt das Bild des Schlosses, das vor jedem unserer Lieblings-Disneyfilme auf dem Bildschirm oder der Leinwand erscheint – es ist ein himmelhohes, fantasievolles Bauwerk, umgeben von jede Menge Feuerwerk. Die wenigsten kennen jedoch die dunkle Geschichte, die hinter den dicken Mauern des echten Schlosses, das Walt Disney für seine Version inspirierte, geschah.

Schloss Neuschwanstein ist eines der majestätischsten Bauwerke Deutschlands, ja ganz Europas – und es ist keineswegs nur ein Werk der Fantasie. Vor vielen Jahren ließ der bayrische König Ludwig II. das Schloss erbauen. Er nutzte das Schloss als Rückzugsort, um in seine exzentrischen Fantasien zu fliehen. An seinem Lebensende wurde er für geisteskrank erklärt und entmündigt, bevor er unter mysteriösen Umständen ums Leben kann. Bis heute lässt sein Leben und Sterben viele Fragen offen. 

Wer schon mal in Disneyland war, weiß, dass das Schloss, um das herum das Feuerwerk stattfindet, das Dornröschen-Schloss ist. Es weist eine unverkennbare Ähnlichkeit mit dem Schloss in Bayern auf. Und tatsächlich: Walt Disney hatte das Schloss besucht.

Bevor er sein Disneyland erbaute, soll Walt Disney mit seiner Frau durch Europa gereist sein. Dabei soll er auch einen Stopp am wunderschönen Schloss Neuschwanstein eingelegt haben. Er war wohl so beeindruckt von dem Bauwerk, dass er es als Model für das Dornröschen-Schloss, das Herz des Disneylands und jetzt das Logo der allgegenwärtigen Walt Disney Pictures, nutzte.

Neuschwanstein ist ein dramatisches, romanisches Schloss mit hoch aufragenden Märchentürmen. Es steht zwischen München und der österreichischen Grenze.  

Das Schloss, das jetzt auf einem Felsen in den Alpen ruht, entstand im späten 19. Jahrhundert nach den Vorstellungen eines jungen Ludwig II. Er wollte wohl ein Schloss bauen, dass die Heimat seiner Kindheit, Schloss Hohenschwangau, noch übertraf.

Ludwig wurde 1845 geboren und interessierte sich mehr für Kunst als für das Regieren. Er wurde bekannt für sein dramatisches Flair und entwickelte schon früh eine Besessenheit für den deutschen Komponisten Richard Wagner. Als sein Vater plötzlich verstarb, wurde Ludwig an die Macht gebracht. Damals war er 18 Jahre alt. Zu seinen ersten offiziellen Amtshandlungen gehörte es, sein musikalisches Vorbild Wagner zu einem Opernfestival nach München einzuladen.

Er war nicht nur ein bisschen von Wagner besessen. Und Wagner war ähnlich fasziniert. "Heute wurde ich zu ihm geführt. Er ist leider so schön und geistvoll, seelenvoll und herrlich, dass ich fürchte, sein Leben müsse wie ein flüchtiger Göttertraum in dieser gemeinen Welt zerrinnen", schrieb der Komponist. "Von dem Zauber seines Auges können Sie sich keinen Begriff machen: wenn er nur leben bleibt; es ist ein zu unerhörtes Wunder!"

Und angeblich schrieb Ludwig seiner kurzzeitigen Verlobten: "Die Substanz unserer Beziehung war immer ... Richard Wagners außergewöhnliches und zutiefst bewegendes Schicksal."

Auf dem Thron hatte er es jedoch nicht leicht, seine Regierungszeit war schwierig. Zwei Jahre nachdem er König wurde, erlitt Bayern eine erschütternde Niederlage im Deutschen Krieg von 1866. Historiker gehen davon aus, dass dies der Moment war, an dem Ludwig beschloss, sich in ein Fantasiekönigreich in den Alpen zurückzuziehen. Natürlich widmete er es Wagner.

Die mittelalterliche Architektur diente als Liebeserklärung an Wagners Arbeit. Die Wände dekorierte er mit Fresken, die Szenen aus den Legenden darstellten, auf denen der Komponist seine Opern basierte. Es war ein mehr als ehrgeiziges Projekt. Ludwig wünschte sich anscheinend 200 gut ausgestattete Räume, einen Saal für Opernaufführungen, kunstvoll geschmückte und ummauerte Gärten und sogar ein "Ritterbad", das an das Taufbad auf der Wartburg angelehnt war und dem Ritterkult huldigen sollte.

Es war eine mittelalterliche Fantasie – mit modernen Rohrleitungen. Trotz all dieser nostalgischen Referenzen war das Schloss für damaligen Zeiten hochmodern, es enthielt Elektrizität, Spültoiletten und eine Zentralheizung. 

Der Grundstein für den Bau wurde 1869 gelegt. Ludwig soll Wagner berichten zufolge erklärt haben, dass er innerhalb weniger Jahre einziehen wollen würde. Aber als er schließlich fünfzehn Jahre später in den ersten komplettierten Teil des Schlosses einzog, waren die Bauarbeiten immer noch nicht vollendet.

Doch in jener Zeit zog Ludwig sich immer mehr zurück. Es heißt, er hätte den ganzen Tag geschlafen und sei nachts durch das Schloss gewandert. Er soll Musiker und Künstler engagiert haben, die Privatkonzerte und Opernaufführungen gaben. Ansonsten ließ er niemanden in das Schloss. Das Gerücht besagt, er sei in den verschneiden bayrischen Wintern angeblich zu Schlittenfahrten aufgebrochen – auf einem ausgeklügelten Schlitten und in einem mittelalterlichen Kostüm. Er hatte sich eine komplett eigene Realität errichtet, die zu seiner opernhaften Fantasie passte.

Währenddessen bröckelte die echte Welt um ihn herum. König Ludwig II. bezahlte das Schloss aus seinem Privatvermögen, das allerdings bei Weitem nicht ausreichte. 1885 war er so hoch verschuldete, dass die Bank drohte, seinen Besitz zu beschlagnahmen und Bayern für bankrott zu erklären.

Am 12. Juni 1886 wurde König Ludwig schließlich für unfähig erklärt, die Regierungsgeschäfte weiter auszuführen. Er wurde nach Schloss Berg gebracht und für geisteskrank erklärt.

Nur einen Tag später, am 13. Juni 1886 wurde Ludwig tot aufgefunden. Er war erst 40 Jahre alt. Angeblich ertrank er im seichten Wasser des Starnberger Sees. Es hätte ein überzeugender Selbstmordfall sein können, wäre nicht sein Psychiater tot neben ihm aufgefunden worden. Was war schief gelaufen?

Es heißt, sein Arzt habe ihn zu einem Spaziergang mitgenommen. Sie wurden zuletzt gegen 18.30 Uhr zusammen gesehen. Ein paar Stunden nach ihrer erwarteten Rückkehr wurden sie stattdessen beide im hüfthohen Wasser des Starnberger Sees ertrunken aufgefunden. Die Uhr des Königs war angeblich um 18:54 Uhr stehen geblieben.

Es gibt diverse seltsame Begebenheiten rund um den Fall. Laut Katarina von Burgs Buch "Ludwig II of Bavaria: the man and the mystery", hätte die Autopsie ergeben, dass ein Ertrinken eigentlich ausgeschlossen sei, da sich kein Wasser in seinen Lungen finden ließ. Auch wies der Körper seines Leibarztes im Kopf- und Halsbereich Zeichen von Strangulationen auf.

Auch Ludwigs Geisteskrankheit wird noch diskutiert. Der prominente deutsche Gehirnforscher Heinz Häfner etwa zweifelt stark an der Behauptung, es hätte klare Beweise für Ludwigs Verwirrtheit gegeben. Vielleicht war Ludwig trotz allem ein besserer König als sein Vater, denn laut Häfner erledigte Ludwig seine Regierungsgeschäfte deutlich schneller als sein Vorgänger und arbeitete auch noch bis zum Tag seines mysteriösen Todes. Er hatte aber auch Gegner. Ludwig verärgerte seine Verwandten und trieb sein Land beinahe in den finanziellen Ruin. Außerdem stellte er die bayrische Monarchie bei jeder ihm sich bietenden Gelegenheit bloß.

Zudem gab es starke Zweifel an seiner Sexualität. Er war von Natur aus exzentrisch und während seiner Regierungszeit hörten die Flüstereien hinter seinem Rücken nicht auf, da er bekanntermaßen Beziehungen zu Männern unterhielt. Er verschob wiederholt seine Hochzeit, bis er sie endgültig absagte.

Sein Tod ließ viele Fragen offen. Das passte wiederum zu ihm, denn er liebte gute Rätsel. Eines seiner Lieblingszitate war: "Ein ewig Rätsel will ich bleiben mir und anderen."

Außer dem Rätsel um seinen Tod ließ er allerdings noch viel größere Schulden zurück – und das Schloss war noch lange nicht fertig gestellt.

Heute ist das Schloss ist mit rund 1,3 Millionen Besuchern pro Jahr nach wie vor eines der beliebtesten Reiseziele in Europa. Es ist, wie so oft, die Ironie der Geschichte: Die Burg, die zum finanziellen Ruin des Königs beigetragen hat, ist heute eine der profitabelsten Touristenattraktionen des bayerischen Staates, die die Kosten schon vielfach wieder eingespielt hat. 

Werden Sie Disney jemals wieder mit denselben Augen ansehen?