Non-Visual-Porn: Diese kostenlose Plattform regt die Fantasie an

Natalie Gil

Dass besonders kostenlose Pornos oft extrem Frauen verachtend sind, weißt du sicher. Sie zeigen haarlose, perfekt ausgeleuchtete 90-60-90-Körper, die mit der Realität nicht viel zu tun haben. Sie zeigen Frauen, die ihre eigenen Bedürfnisse komplett zurückstellen und stattdessen alles dafür tun, ihren in der Regel männlichen Partner glücklich zu machen. Peinliche Momente, eigenartige Geräusche oder Probleme zum Orgasmus zu kommen gibt es nicht.

Zwar gibt es mittlerweile auch realistischere Filme – zum Beispiel von der Regisseurin Erika Lust und Plattformen wie CrashPadSeries und Pink Label TV. Doch Mainstream-Pornos, die darauf ausgerichtet sind, den heteronormativen Male Gaze zu befriedigen, sind immer noch sehr weit verbreitet.

Diesem überholten Konzept sagt Quinn den Kampf an. Die Plattform, die erst seit April live ist, widmet sich voll und ganz der eigenen Vorstellungskraft. Statt bewegten Bildern findest du hier ausschließlich hör- und lesbare Erotik – sprich sexy Audiodateien und aufregende Kurzgeschichten. Gegründet wurde Quinn von Caroline Spiegel, der Schwester von Snapchat -CEO Evan Spiegel. Ihr Ziel? „Frauen ein entspanntes, ästhetisch-ansprechendes Porno-Erlebnis zu bieten. Es dreht sich alles um Lust und gute Vibes“, so Spiegel.

Schließ die Augen und hör dir heiße Stories an oder lies Geschichten und Fantasien, die von anderen Nutzer*innen eingereicht wurden. Wenn du willst, kannst du auch deine eigenen Erfahrungen teilen. Ob romantisch oder stürmisch, Masturbation oder Girl on Girl: Alle Beiträge werden bestimmten Kategorien zugeordnet, so dass du sie ganz einfach nach deinen persönlichen Interessen filtern kannst. Besonders für ASMR -Fans könnten die Audiobeiträge, in denen du anderen beim Sex zuhören kannst, aufregend sein.

Courtesy of Quinn

Die Idee für die Plattform hatte die 22-jährige Caroline Spiegel übrigens erst vor sechs Monaten und benannt hat sie sie nach dem „Dreamgirl“ ihres besten Freundes. „Ich möchte, dass mehr Frauen regelmäßig unglaubliche Lust empfinden können und glücklicher sind.“ Die kostenlose, Open-Source-Site wurde von Frauen designt und alles, was von Nutzer*innen eingereicht wird, wird erst geprüft, bevor es online geht. Um in einer Welt leben zu können, in der es erotisches Material gibt, das alle Geschlechter anspricht, „sollten [sowohl Männer als auch Frauen] Pornos machen“, so Spiegel.

Die Gründerin hat sich bewusst für ein nicht-visuelles Konzept entschieden, weil sie der Meinung ist, dass viele Frauen visuelle Stimulierung nicht so ansprechend finden wie Männer. Eine Studie der Emory University aus dem Jahr 2004  unterstützt das – genauso wie die Ergebnisse der Untersuchung A Billion Wicked Thoughts: What the World's Largest Experiment Reveals about Human Desire. Trotz der generellen Tendenz ist Spiegel aber natürlich bewusst, dass wir alle verschieden sind: „Einen einzigen Audiobeitrag der allen Frauen gefällt, gibt es nicht. Wenn du mir da widersprichst, dann würde ich mich freuen, wenn du ihn bei uns einreichst!“.

Courtesy of Quinn

Auch heute noch hindert viele Frauen die schwierige Beziehung zum eigenen Körper daran, ihre sexuellen Bedürfnisse zu befriedigen. Caroline Spiegel ist eine von ihnen. Sie litt an Magersucht und einer daraus folgenden sexuellen Funktionsstörung. Nachdem sie ihr Studium (wegen der Essstörung) abgebrochen hatte, wurde ihr bewusst, wie wichtig Sex ist: Es war diese typische ‚Du schätzt erst, was du hattest, wenn du es bereits verloren hast‘-Situation.

Caroline Spiegel, founder of Quinn Courtesy of Quinn

„Sex hilft dabei, sich verbunden mit dem Partner oder der Partnerin zu fühlen. Er wirkt sich auf unser Selbstgefühl und unsere Beziehungen aus und sorgt für Leidenschaft, Lacher und manchmal auch für peinliche Momente. Als er auf einmal kein Teil meines Lebens mehr war, wurde ich sehr, sehr traurig.“

Und die Pornoindustrie machte Spiegels leben auch nicht gerade leichter. Ganz im Gegenteil: Sie sorgte dafür, dass sie sich „eingeschüchtert und unwohl“ in ihrer Haut fühlte. „Irgendwann fragte ich meine Freundinnen, was sie am meisten anturnt und fand heraus, dass sich viel um Emotionen, Geschichten und eine tiefe Verbindung dreht. So entstand die Idee für Quinn“.

Es gibt viele Untersuchungen, die zeigen, dass Frauen mit Essstörungen oft eine Sexualangst oder Libidostörungen entwickeln und allgemein weniger Interesse an körperlicher Intimität haben. Die Frage ist, ob eine Plattform, die komplett auf Bilder und Videos verzichtet, Betroffenen dabei helfen kann, ihre Lust am Sex neu zu entdecken? Die Frauen, mit denen wir gesprochen haben, würden das jedenfalls bejahen.

Tilly Symonds ist 24 Jahre alt und macht eine Ausbildung zur Krankenschwester in London. Sie lebt seit sie 11 Jahre ist mit Anorexie und sagt, sie hatte noch nie einen „richtigen“ Freund. Wegen ihrer Essstörung sind One Night Stands das Einzige, womit sie klarkommt. „Ich wäre gern sexuell aktiv, aber mein eigener Körper ekelt mich an und ich kann mir nicht vorstellen, dass mich irgendjemand attraktiv findet“. Tilly sagt, visuelle Pornos, die „alles andere als hilfreich oder respektvoll gegenüber Frauen und ihren Körpern“ sind, haben sich negativ auf ihre Genesung ausgewirkt. „Die meisten Frauen sind so perfekt und total unrealistisch.“ Deswegen ist sie auch neugierig auf Quinn, weil hier der Fokus weg vom Körper und hin zur Fantasie geht. „Ich könnte mich auf den Sex an sich und die Gefühle konzentrieren, ohne von Gedanken wie ‚Ich sehe kein bisschen wie die aus‘ oder ‚mein Körper ist eklig‘ abgelenkt zu werden. Ich glaube, ich wäre direkt viel unbefangener.“

Die 30-jährige Holli Dillon wohnt ebenfalls in London und arbeitet als Performerin. Als Teenager litt sie sieben Jahre an Anorexie und manchmal erlebt sie auch heute noch Phasen von Dysmorphophobie und Angst, die sich häufig auf ihr Gewicht und ihr Sexualleben auswirken. „Ich habe oft Probleme, feucht zu werden und Sex fühlt sich manchmal eher wie eine Pflicht an und nicht wie etwas, das Spaß macht“, erzählt sie. „Die Scham, die mit einer Essstörung einhergeht ist ohnehin schon sehr groß. Zusätzlicher Druck durch das Thema Sex macht das Leben nur noch schwerer und enttäuschender.“ Holli hat irgendwann gegen Mainstream-Pornos entschieden, weil sie sie langweilten und nervten: „Es wirkte noch nicht mal so, als mochten die Frauen, was da gerade geschah“. Als sie anfing, ihre Orgasmen zu faken, begann sie nach der Suche nach alternativen Pornos, die sich mehr auf die Atmung oder eine Verbindung – wie beim Tantra – konzentrierten.

Hannah Stewart arbeitet für eine Wohltätigkeitsorganisation. Sie lebt in London, ist 25 Jahre alt und litt in der Vergangenheit an Essstörungen. Sie sagt: „Die Lust auf Sex zu verlieren, ist ein traurige Begleiterscheinung der Betroffenen, die viel zu selten thematisiert wird. Alles, was dabei hilft, ein erfüllteres Sexleben führen zu können, ist toll. Das bezieht sich nicht nur auf Menschen mit Essstörungen, sondern auch auf andere Gruppen, die häufig gar nicht in der Pornoindustrie vertreten sind – oder nur in Fetisch-Pornos, was meiner Meinung nach genauso schlimm ist, wenn nicht sogar schlimmer. Personen mit Behinderungen zum Beispiel. Oder Personen, die kleiner, größer, dicker oder dünner sind als der Durchschnitt“.

Abgesehen davon, dass Non-visual-Porn eine gesündere Alternative für Frauen mit Essstörungen darstellen könnte, bietet diese Art der Pornografie also noch weiteres Potential: Sie kann sehr viel inklusiver sein und die Bedürfnisse von Personen mit den verschiedensten Backgrounds, aber auch Wünschen befriedigen. So ist sie etwa ein sehr viel zugänglicheres Medium für Menschen mit Behinderungen, Hör- oder Sehschwächen, aber auch anderen marginalisierten Personen, die sich bisher nicht im Spektrum der Mainstream-Pornodarsteller*innen repräsentiert gesehen haben.

Wenn du an einer Essstörung leidest oder jemanden kennst, der oder die eventuell Hilfe benötigt, kannst du dich unter anderem bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung informieren oder beraten lassen – online oder telefonisch unter 0221 892031.

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