Warum Nordkorea jahrelang das höchste Gebäude des Landes vor der Welt versteckte
Die Grenzen Nordkoreas waren seit der Covid-Pandemie für westliche Touristen geschlossen. In der vergangenen Woche ist eine erste Reisegruppe wieder in das von Diktator Kim Jong-un geführte Land eingereist. Das Regime kontrolliert genau, was die Urlauber zu sehen bekommen sollen.
Im Moment ist die Hauptstadt Pjöngjang noch tabu. Falls sich das irgendwann wieder ändert, dann dürftet ihr an einem Gebäude nicht vorbeikommen: dem "Hotel der Verdammnis". Gemeint ist das Ryugyŏng-Hotel. Es ist 330 Meter hoch, hat 105 Stockwerke und rund 3000 Zimmer. Damit ist es das höchste Gebäude Nordkoreas.
Trotzdem hat die sozialistische Diktatur jahrelang versucht, dass niemand von dem Hotel weiß. Sie bearbeitete zum Beispiel Bilder so, dass der Wolkenkratzer davon verschwand. Das Ryugyŏng-Hotel galt als Schandfleck der Nation. Doch das war nicht immer so: Anfangs tauchte es sogar auf offiziellen Briefmarken auf.
Das ist die Geschichte hinter dem Megahotel, das zum Phantom wurde.
Höher, größer, besser: Kräftemessen mit Südkorea
Die Geschichte des nordkoreanischen Riesenhotels beginnt im Jahr 1987. Die nordkoreanische Führung war neidisch auf die Südkoreaner, die 1988 die olympischen Spiele ausrichten sollten. Dafür ist in Seoul unter anderem ein 249 Meter hoher Wolkenkratzer gebaut worden. Das 63-Building war zum damaligen Zeitpunkt das größte Gebäude außerhalb Nordamerikas.
Die Schmach, dass der Erzfeind eine international so hohe Anerkennung erhielt, wollte der damalige Diktator, Kim Jong-sung, nicht auf sich sitzen lassen. Kurzerhand beschloss der die Ausrichtung einer eigenen Version der olympischen Spiele.
1989 fanden die sogenannten "Weltfestspiele der Jugend und Studenten" statt. Diese fanden in unregelmäßigen Abständen als Prestige-Events in unterschiedlichen sozialistischen Ländern statt. Der Fotograf Thomas Billhardt war 1989 persönlich vor Ort und beschreibt sie dem MDR als eine Propagandaveranstaltung: „Es war der Schock meines Lebens.“
Für die Pseudo-Olympiade nahm Nordkorea etwa vier Milliarden US-Dollar (etwa 3,81 Milliarden Euro) in die Hand, um die Hauptstadt des totalitären Regimes herauszuputzen.
Zu dem Ziel, die von den Südkoreanern ausgerichteten Spiele zu übertreffen, gehörte dann auch, ein noch höheres Hotel zu bauen. 1987 startete der Bau des Ryugyŏng-Hotel. Es sollte Platz bieten für einen großen Teil der 10.000 zu den Spielen 1989 anreisenden Gäste. Die "Washington Post" berichtet zudem, dass Extravaganzen, wie eine Bowlingbahn, ein Club und sogar fünf sich drehende Restaurants an der Spitze eingebaut werden sollten. Laut "Stern" hat das Gebäude eine Nutzfläche von 360.000 Quadratmetern.
Aus all den glorreichen Plänen wurde jedoch nichts. Das Ryugyŏng-Hotel ist das "verdammte Hotel", weil es bis heute noch nie einen einzigen Gast beherbergt hat.
Deshalb wurde das Prestige-Projekt zum "Hotel der Verdammnis"
Das Hotel erreichte zwar rechtzeitig zum Beginn der "Weltfestspiele" seine 105 Stockwerke, allerdings stand es vollkommen leer. Als die Spiele im Juli 1989 stattfinden, steht ein riesiger Betonklotz in der Mitte Pjöngjangs. Nur der Rohbau des Megahotels konnte vervollständigt werden. Die Fertigstellung wurde auf 1992 verschoben.
Eines war im Plan des Regimes dabei mit Sicherheit nicht einberechnet: Dass 1991 die Sowjetunion kollidiert. Damit verlor der sozialistische Bruderstaat prompt seine wichtigste Finanzquelle. Dem Projekt ging das Geld aus und 1993 wurde die Arbeit eingestellt.
Das war der Moment, als das Schicksal des Prestige-Hotels, das besser als das 63-Building Südkoreas sein sollte, besiegelt wurde. Es wurde zum „Hotel der Verdammnis“. Für die Nordkoreaner war das Gebäude lange vor allem eines: "Es war das Hotel mit dem ikonischen Kran", so Simon Cockerell, Mitarbeiter eines in Peking ansässigen Unternehmens für Nordkorea-Reisen, zur "Washington Post".
Jahrelang befand sich ein einsamer Kran auf der Spitze des unfertigen Gebäudes. Er stand dort quasi sinnbildlich für das Scheitern des Baus und damit auch das Scheitern der Volksrepublik Nordkorea.
So nahm es die nordkoranische Führungsriege wohl auch wahr. Jedoch hatte sie nicht einmal mehr genug Geld, um die riesige Betonkonstruktion abzureißen. Es blieb also nur eine Möglichkeit: Sie versuchte das Hotel zu verstecken. Auf offiziellen Fotografien tauchte es nicht mehr auf.
Das Versteckspiel kann dabei allerdings nur der westlichen Öffentlichkeit gegolten haben. In Pjöngjang selbst lässt sich das bereits aus vielen Kilometern sichtbare Gebäude wohl kaum übersehen.
Über 15 Jahre Stillstand: Dann will eine deutsche Hotelkette einziehen
Für viele Jahre geschah dann erstmal gar nichts. Der Betonklotz rottete vor sich hin. Ironischerweise hatten die Nordkoreaner eine südkoreanische Delegation um Hilfe gebeten, so die "Washington Post". 2005 plante die südkoreanische Hafenstadt Incheon die Ausrichtung der Leichtathletik-Asienmeisterschaften. Nordkorea sollte teilnehmen. Die Bedingung der Nordkoreaner dafür war, dass Incheon die Fertigstellung des Ryugyŏng-Hotel bezahlt. Der Deal scheiterte jedoch.
2008 bewegte sich dann doch noch wieder etwas in der riesigen Ruine. Es kam tatsächlich noch zu Renovierungsarbeiten. Orascom, ein ägyptisches Hotelunternehmen, nahm sich des Megahotels an. Sie statteten den Rohbau mit Glas aus und bauten die Spitze fertig. Der "Los Angeles Times"-zufolge sei das im Rahmen eines 400 Millionen US-Dollar Rundfunk-Deals passiert.
Eines Tages im April 2009 geschah dann etwas Denkwürdiges. „Es war ein sehr nebliger Tag, und man konnte nicht einmal die Spitze des Gebäudes sehen. Aber man konnte sehr laute Hubschraubergeräusche hören. Sehr laut, und das ist in Pjöngjang nicht üblich. Etwa eine Stunde später lichtete sich der Nebel, und auf dem Hotel war kein Kran mehr zu sehen. Alle starrten ihn nur an“, erzählt Cockerell der "Washington Post".
Er habe sich zu dem Zeitpunkt in Pjöngjang aufgehalten. Nach über 15 Jahren war der Kran, der wie die Krische auf der Torte von Pjönjangs Schandfleck war, auf einmal weg. Richtig fertiggestellt wurde das Hotel jedoch trotzdem nicht. Es blieb leerstehend.
Frischer Wind aus Deutschland: Das Ryugyŏng-Hotel öffnet doch noch?
Frischer Wind wehte dann noch einmal 2012 um Nordkoreas höchste Baute. Und der kam ausgerechnet aus Deutschland. Die Hotel-Gruppe Kempinski begab sich in Verhandlungen mit den Nordkoreanern. Dem Spiegel-Archiv ist zu entnehmen, dass sie ein Hotel mit 150 Zimmern eröffnen wollten.
Doch auch dieser Deal scheiterte. Zu den Gründen äußerte sich eine Sprecherin von Kempinski damals gegenüber der "Bild" so: „Wenn Sie sich die politische Situation in Nordkorea anschauen, wissen Sie die Antwort.“
An dieser hat sich bekanntlich bis heute nicht viel geändert. Zur aktuellen Situation des Hotels finden sich jedoch kaum Berichte. Seit der Corona-Pandemie sind Einblicke in die nordkoreanische Diktatur noch schwieriger geworden. Dass westliche Touristen erst seit der vergangenen Woche wieder einreisen dürfen, spricht jedoch nicht dafür, dass das Ryugyŏng-Hotel seine 3000 Hotel-Zimmer inzwischen füllen oder fertig bauen konnte.
Zumindest versucht die nordkoreanische Führung nicht mehr das Hotel zu verstecken. Seit der Fertigstellung der Glasfassade scheint es offenbar ansehnlich genug zu sein, um große propagandistische Lichtshows darauf stattfinden zu lassen.
Die Zukunft des Hotels ist ungewiss. Der Pakt zwischen Nordkorea und Russland könnte dem Land einige finanzielle Vorteile bringen. Es ist jedoch zweifelhaft, ob das dem wirtschaftlich stark angeschlagenen Land ausreichen würde, um das Gebäude nutzbar zu machen. Ein solches Vorhaben würde wohl bis zu zwei Milliarden US-Dollar (etwa 1,9 Milliarden Euro) kosten, entnimmt die Nachrichtenagentur Reuters südkoreanischen Medien. Das entspricht in etwa zehn Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung Nordkoreas.
Zudem ist das Megahotel rein aus Beton und ohne Stahlkonstruktion gebaut worden. 2014 kollabierte ein Gebäude dieser Bauart in Nordkorea und kostete hunderten das Leben, so die Deutsche Welle. Das "Hotel der Verdammnis" wird wohl weiterhin verdammt bleiben.