Meine offene Ehe zerbrach – aber half mir, meine Sexualität zu akzeptieren

·Lesedauer: 8 Min.

Ich hatte meinem Ex-Mann nie erzählt, dass ich auf Frauen stehe. Immer hatte mir der Mut gefehlt. Wir hatten nie über meinen Wunsch nach einer intimen Beziehung zu einer Frau oder die Anziehung gesprochen, die ich tief in mir vergraben hatte. Er wusste einfach davon – und das ist umso überraschender, weil selbst ich mir kaum darüber bewusst war.

Als er mich irgendwann darauf ansprach, war ich mir nicht sicher, ob ich queer, bisexuell, pansexuell, lesbisch oder einfach bicuriouswar. Nur eins war mir schon fast immer klar gewesen: Ich war nicht heterosexuell. Wo ich aufgewachsen war, gab es kaum LGBTQ+-Repräsentation, und danach hatte ich an einer privaten Baptisten-Universität studiert. Als Konsequenz hatte ich mich jahrelang mit der Angst herumgeschlagen, als „anders“ gesehen zu werden, und verdrängte meinen Wunsch nach einer Beziehung zu einer Frau – immer in der Hoffnung, dass es mich nicht stören würde, ihn nie ausleben zu können.

Als mein Mann dann eines Tages nach Hause kam und zu mir sagte: „Ich weiß, dass du nicht hetero bist. Ich weiß es seit Jahren“, war ich überrascht. Als ich die Worte aus seinem Mund kommen hörte, spürte ich, wie in mir eine glühend heiße Scham hochkochte und mich rot anlaufen ließ. Ich hatte plötzlich einen riesigen Kloß im Hals, als würde ich gleich in Tränen ausbrechen. Die Mauer, die ich in mir selbst aufgebaut hatte, war plötzlich niedergerissen worden. Plötzlich musste ich mich damit auseinander setzen, dass ich anders war – egal, ob ich mich nun als queer, lesbisch oder bisexuell identifizierte. Und obwohl ich es zu dem Zeitpunkt noch nicht wusste: Das Anderssein konnte sich eigentlich ganz gut anfühlen.

„Ich glaube, es ist superwichtig, dass du das ein bisschen erkunden kannst“, sagte mein damaliger Mann. „Wenn du das auch möchtest, denke ich, dass wir unsere Ehe öffnen sollten.“

Anfangs war ich total dagegen. Ich hatte die typischen Sorgen: Ich könnte das einfach nicht, ich würde eifersüchtig werden, und so weiter. Unter all diesen Einwänden lauerte aber eine ganz bestimmte Angst: Vielleicht würde ich dadurch etwas über mich selbst lernen, dem gegenüber ich daraufhin nie wieder die Augen würde verschließen können. Ich schlug mich ein wenig mit der Idee herum, ließ mich aber letztlich von dem Gedanken beruhigen, dass es ja keine dauerhafte Sache sein musste; wenn es mir nicht gefiel, konnte ich einfach aufhören. Langsam redete ich mir also ein, dass ich es mir zumindest schuldig war, es mal auszuprobieren – um herauszufinden, wie es sich anfühlte und ob ich diesen Teil von mir selbst vielleicht ausleben konnte, ohne dadurch irgendetwas zu verlieren. Nach mehreren Monaten Hin und Her beschlossen mein damaliger Mann und ich also, der ethischen Nicht-Monogamie eine Chance zu geben.

Als ich Sierra kennenlernte, hatte ich erst exakt ein Date mit einer Frau hinter mir. Ich war, wie Urban Dictionary es bezeichnet, eine „Baby Gay“ – ganz frisch geoutet. Ein unromantisches Swipen durch eine App führte mich schließlich zu einem Chat mit einer der schönsten Frauen, die ich je gesehen habe.

Ich erinnere mich selbst heute noch lebhaft an ihr Foto. Sie war ziemlich groß und trog ein kurzes, schwarzes Kleid, das ihr bis knapp über die Knie fiel, kombiniert mit schwarzen Dr. Martens. Ihre Haut hatte einen Kakaoton, und ihre schönen, dunklen Locken umrahmten das Schmunzeln ihrer Lippen. Auf ihrem letzten Foto trug sie dasselbe Outfit und lachte herzhaft, während ihre Haare im Wind wehten. Es war keine Liebe auf den ersten Blick, aber definitiv ein sofortiges Swipen nach rechts. Und zum Glück swipte sie auch mich nach rechts.

Wir schrieben miteinander und vereinbarten ein Treffen in einem Café voller Pflanzen, wo sie gerne hinging. Ich war genauso nervös wie vor jedem ersten Date – aber diesmal fühlte sich etwas anders an. Nach ein paar Stunden wanderten wir vom Coffee Shop zu ihrem liebsten Irish Pub, wo sie mir über einem Guinness von der Nacht erzählte, in der sie sich direkt nebenan mit ihrer besten Freundin betrunken ein Tattoo hatte stechen lassen. Sie ging ganz offen damit um, dass sie zuletzt mit einem Mann zusammen gewesen war, und mit einem breiten Lächeln erklärte sie mir, wie sie gelernt hatte, ihre eigene Sexualität zu akzeptieren.

Sie war geduldig und ganz lieb, als ich ihr wiederum gestand, dass ich noch nie was mit einer Frau gehabt hatte. Es war ja nicht so, als hätte ich es nie gewollt, erklärte ich, aber ich hatte einfach nie gewusst, dass ich es könnte – ein Gefühl, das viele queere Frauen in Beziehungen mit Männern kennen, wie ich heute weiß.

Während wir in der Bar saßen, schoss mir der Wunsch durch den Kopf, ich hätte Sierra schon früher kennengelernt. Es fühlte sich an, als wäre ich endlich gefunden worden – als würde mich zum ersten Mal jemand sehen.

Es wurde spät, und schließlich bot ich Sierra an, sie nach Hause zu fahren. Sie bat mich darum, kurz an einer Tankstelle anzuhalten, damit sie sich eine Packung Zigaretten holen konnte. Klar – ich war dankbar für alles, was unseren Abschied ein bisschen hinauszögern würde. Daraufhin saßen wir vor ihrem Haus im dunklen Auto, und sie sagte, sie wolle noch nicht gehen. Ich auch nicht.

Mein damaliger Mann lag zu dem Zeitpunkt schlafend in unserem Bett. Er wusste, dass ich erst spät nach Hause kommen würde. Er wusste genau, wo ich war.

Sierra und ich küssten uns erst ganz langsam, dann intensiv. Wir versuchten einander so nah wie möglich zu sein, als wussten wir schon, dass es unsere vorerst letzte Chance sein würde; ein paar Tage darauf reiste sie nach Brasilien, wo sie sich in eine Frau verliebte und sie heiratete. Aus einem einmonatigen Trip wurde ein viel längerer, und es sollten fast zwei Jahre vergehen, bevor wir uns wiedersahen.

Während sie fort war, experimentierte ich weiter rum. Das Treffen mit Sierra gab mir den Mut für viele weitere Dates – die meisten schön, manche nicht so. Als ich zum ersten Mal mit einer Frau Sex hatte, war das, als sei ich endlich erwacht. Die Hand einer Frau zu halten, fühlte sich natürlich und locker an. Ich hatte den Mut, ich selbst zu sein.

Währenddessen nutzte mein Mann nur wenige Gelegenheiten, unsere offene Beziehung auszukosten. Oft litt er unter Eifersucht, und in Momenten der tiefen Trauer sagte er Dinge wie: „Vielleicht bist du auch einfach nur eine Lesbe.“ Ich wusste zwar, dass ich nicht lesbisch war – aber auch, dass sich diese neuentdeckten Beziehungen zu Frauen für mich extrem wichtig und erfüllend anfühlten. Er und ich hatten irgendwann keinen Sex mehr, und wir stritten uns oft. Ich fühlte mich mehr denn je wie ich selbst, und er sich verletzter den je. Das zogen wir zwei Jahre lang so durch.

Es stellte sich irgendwann raus, dass er mir die offene Ehe nicht angeboten hatte, weil er wirklich der Meinung gewesen wäre, er wolle das selbst; sein Vorschlag entsprang seiner Verzweiflung. Er hatte mir das nur ermöglicht, um mich zufrieden zu stellen – und genau deswegen scheiterten wir daran. Ethische Nicht-Monogamie ist nichts für jede:n. Trotzdem hatte ich mich vorher nie so frei und liebesfähig gefühlt wie während dieser Zeit. Mit oder ohne meine Ehe wusste ich, dass sich dieser Lifestyle für mich gut anfühlte und meinen Werten entsprach – und er stellte schließlich fest, dass es ihm eben nicht so ging.

Die Entscheidung, unsere Ehe nach sieben gemeinsamen Jahren zu beenden, war einvernehmlich. Da war kein Hass oder Groll, sondern eher die tiefe Überzeugung, dass wir beide ein Leben voller Glück und Erfüllung verdienten – und das würden wir zusammen nicht finden. Ich habe gelernt, dass das nicht alle verstehen können. Müssen sie aber auch nicht.

Ich weiß heute: Ich bin eine bisexuelle Frau, und ja, ethische Nicht-Monogamie passt mir sehr gut. Der Weg hierher war chaotisch, kompliziert und schmerzhaft. Ohne all das wäre ich aber nicht die, die ich heute bin – die Frau, die sich selbst ehrt und respektiert. Dafür bin ich dankbar.

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Einen Tag, nachdem mein Mann und ich beschlossen hatten, uns scheiden zu lassen, traf ich mich mit Sierra. Seit unserem letzten und ersten Date waren zwei Jahre vergangen. In der Zwischenzeit waren wir in Kontakt geblieben, und ich wusste, dass sie mit ihrer Frau eine offene Ehe führte, während ich immer noch versuchte, mich selbst komplett zu akzeptieren.

Wir trafen uns frühmorgens am Strand. Mit einem Kaffee in der Hand kickten wir unsere Schuhe weg und spazierten im Sand. Es war Juni – also Pride Month. Ich musste Sierra nicht viel erklären; ich wusste, dass sie verstehen würde, an welchem Punkt ich war und was ich mir wünschte: mein Leben voll auszukosten, stolz auf mich selbst zu sein, meine Freiheit und meine Queerness zu genießen. Vor allem wollte ich aber mir selbst und der Welt gegenüber ehrlich sein.

Wir legten uns mit dem Rücken in den Sand, schauten zum Himmel hoch und drehten uns dann einander zu. Die Wellen des Ozeans schwappten über den Sand, und ich begriff, dass ich mich schon seit Jahren nicht mehr so entspannt gefühlt hatte. Unsere Wangen taten vom Lächeln weh. Mit einem mir unerklärlichen Mut brachte ich mich dazu, ihr eine Locke hinters Ohr zu schieben und ihre Hand zu ergreifen. Mein Kopf war völlig klar, als ich mit meinen Fingern über ihren Ehering strich. Während sich der Strand immer weiter füllte – mit Kindern, Familien, Paaren und Jogger:innen –, hatte ich das Gefühl, mit Sierra ganz allein zu sein.

Später setzten wir uns auf eine Parkbank und sie erzählte mir von ihrer Beziehung zu ihrer Mutter. Ich beobachtete, wie sich ihre Lippen beim Sprechen bewegten, ergriff ihre Hand und dachte mir: Halte diesen Moment für immer fest – selbst wenn du nicht sie für immer festhalten kannst.

Kurz danach packte ich meine Sachen und zog in eine andere Stadt. Sierra und ich telefonierten noch ab und zu, flüsterten uns Ich liebe dich und Ich vermisse dich zu. Sierra gab mir den Mut zum Leben, zum Sein. Und heute kann ich mir selbst in die Augen schauen, ohne dabei zurückzuschrecken.

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