Paartherapeut verrät: So vermeidet ihr eine Eskalation im Streit

Antonia Wallner
Freie Autorin

Streiten gehört in jeder Beziehung dazu. Doch manche Paare kommen aus dem verbalen Kampf gar nicht mehr heraus und zerstören damit früher oder später ihre Bindung. Doch wie lässt sich das vermeiden? Indem die Beteiligten richtig streiten. Voraussetzung dafür ist eine ganz bestimmte Fähigkeit: das Mentalisieren.

Wenn wir streiten, reagieren wir oft instinktiv. Und meistens falsch. (Bild: Getty Images)

Tief in unserem Innern sind wir alle noch Steinzeitmenschen. In bestimmten Situationen können wir nicht mehr rational entscheiden, sondern gehorchen nur noch unseren nackten Instinkten. Das passiert viel häufiger im Alltag, als wir denken. Etwa, wenn wir mit einer wichtigen Bezugsperson streiten.

Wir brauchen eine Bezugsperson zum Überleben

Das liegt daran, dass wir Menschen im Vergleich zu den Tieren ziemlich schwache Lebewesen sind. Ohne Bezugsperson können wir nicht überleben. Als Säugling können wir nicht selbständig essen und trinken. Als Kind und als Teenager sind wir entscheidend auf unsere Eltern angewiesen. Und selbst als Erwachsener brauchen wir als hoch soziale Wesen, obwohl wir uns in der Regel selbst versorgen können, immer noch mindestens eine feste Bezugsperson. Für die meisten ist diese Person der Partner. In einem heftigen Streit wird das Verhältnis dann so stark bedroht, dass wir instinktiv reagieren.

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“Der Partner ist unsere primäre Bindungsperson“, sagt Psychologe und Paartherapeut Christian Rösler im Interview mit ‘Business Insider‘, “wir haben das Gefühl, ohne ihn oder sie nicht überlebensfähig zu sein.“ Wer schon einmal einen handfesten Beziehungsstreit hatte, erkennt das Muster: Wir steigern uns in einen Erregungszustand hinein, der unser Gehirn ausschaltet. “Wir können dem anderen nicht mehr richtig zuhören und reagieren mit Angriff, Flucht oder Totstellen“, meint Rösler. Heißt konkret: Wir brüllen zurück, verlassen abrupt den Ort des Geschehens oder aber reagieren gar nicht mehr. Können wir denn überhaupt etwas dagegen tun?

Durch Mentalisieren überlisten wir unsere Instinkte

Können wir tatsächlich. Der Schlüssel, um unsere Instinkte auszutricksen, liegt in einem Verhalten, das der Experte “Mentalisieren“ nennt. Zufriedene Paare haben das beim Streiten verinnerlicht und können so ihre Beziehung sogar bereichern. Der Begriff kommt aus der Bindungstheorie und bezeichnet die Fähigkeit, die eigenen Emotionen spüren, differenzieren und einordnen zu können. Doch es geht nicht nur um einen selbst, sondern auch darum, die Gefühle des Partners nachzuvollziehen und sich quasi in sein gegenüber hineinzuversetzen.

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Konkret heißt das: Solche Paare versuchen, die Emotionen des anderen zu verstehen, statt kopflos in Angriffsposition zu gehen. “Zufriedene Paare, in denen beide gut mentalisieren können, gehen ihre Streits nachher noch einmal durch“, sagt Roesler zum “Business Insider“. Laut dem Experten haben besonders die Menschen Probleme mit dem Mentalisieren, die in ihrer Kindheit Bindungsängste hatten, weil etwa die Eltern gewalttätig waren. Ein Tipp, damit die Instinkte nicht die Oberhand gewinnen: Reden! Wenn man sich vom Partner verletzt fühlt, wenn mal wieder die Spülmaschine nicht ausgeleert wurde oder die Wohnung im Chaos versinkt. Denn wer sich die Probleme von der Seele redet, fühlt sich fast immer besser.

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