Wie Blogs zum Hochglanzmagazin wurden

“Zieh mal den Bauch ein, der guckt so komisch raus hier”. Ich stutze. “Na und”, sage ich empört, “das darf ja wohl so aussehen”. “Wie du meinst. Anders ist halt besser.”
Wir machen gerade Bilder für meinen Blog und ich fühle mich schlecht. Bis eben habe ich mich gut in den Sachen, die ich trage, gefühlt. Und das soll ja auch der Sinn der Sache sein. Sich wohlfühlen und dies zeigen. Sich zeigen wollen und sagen “Guckt mal, so kombiniere ich dieses und jenes Teil, ich trage schöne Sachen und mache Fotos davon, damit ihr Inspirationen für neue Outfits habt - und das, obwohl ich gar kein Model bin. Man muss nämlich nicht besonders dünn, reich oder hübsch sein, um sich gut anzuziehen und gut anzukommen. Viel Spaß beim Nachstylen!”

Das ist eine Lüge.

Und auch wenn es immer wieder betont wird, so entspricht es einfach nicht der Wahrheit. Du MUSST zwar nicht dünn, reich und schön sein - aber besser wäre es. 

“Anders ist halt besser.” Anders ist besser heißt in diesem Falle “So aussehen wie alle ist besser. Top gestyled. Alle die selbe Tasche. Chloé Faye, Chloé Drew, Gucci Dionysus. Alle die gleich gefärbten Haare - helle Highlights, Balayage, Longbob oder Beachwaves.”

Ich sehe nicht so aus. Ich würde aber gerne und das ist schon eine traurige Bekenntnis. Ich würde gerne aussehen wie alle, um noch mehr Erfolg zu haben.

Und jetzt im Chor: “Wir sind alle individuell!”

Aber ist das wirklich der Sinn des Bloggens? Dass man genau dann Erfolg hat, wenn man es geschafft hat, sich zu kleiden, wie es alle gerade tun? Wenn man sich endlich dazu durchgerungen hat, sich die Frisur zu machen, die gerade total in ist, dir aber gar nicht steht, du aber trotzdem Komplimente dafür bekommst, weil “das trägt man jetzt so”?
Nein, das ist es nicht. Das war es nie. Blogger waren ursprünglich das Sprachrohr der “normalen Menschen”, der Nicht-Stars, der Nicht-Reichen, die zeigen wollten, dass andere Meinungen genauso zählen, die zeigen wollten, dass Geld und Schön aussehen nichts miteinander zu tun hat, die zeigen wollten, dass H&M ebenfalls sehr schön ist - erst recht ein eigener Stil. Fashionblogger waren einfach ganz normale Mädchen und Jungs, die durch ihren Geschmack aufgefallen sind, Spaß an der Mode hatten und dieses auch mit anderen Menschen teilen wollten. Und zwar nicht mit einem eigenen Fotografen, sondern einfach ehrlich, direkt, “out of cam”.

Mittlerweile ist es eher ein “Ich zeig’ dir, was ich alles hab’!”
Das neue ZARA Kleid, was gerade jeder trägt, kostet mit 89,95€ ein wenig viel? Egal, ich kaufe es mir. Und dann lade ich es hoch, denn ich will zeigen, dass es kein Problem für mich ist, mir das zu kaufen, was genau jetzt ein Trendteil ist. Ich muss nicht auf den Preis achten, Geld spielt keine Rolle. Und sofort kriege ich doppelt so viele Kommentare wie sonst: “Wow, tolles Kleid”,  “Das Kleid will ich auch haben”, “Woher ist das Kleid? Das haben momentan alle und ich finde es soooo schön!!!”

Und das sind noch die harmlosen Preise. Die eben erwähnte Gucci Tasche kostet in der größten Größe 1600€. Und die kaufen sich jetzt auch alle, einfach weil “sie sie so schön finden”. Alle gleichzeitig. Dass es etwas mit diesem Schulhof-Ding zu tun hat, sagt niemand. “Mama, du MUSST mir das kaufen, so laufen gerade ALLE rum, willst du, dass ich uncool bin???” Nur damals ging es eben um eine Jacke für vielleicht 50€ und nicht um Luxusgüter für weit über 1000€.

Das an sich wäre ja auch okay. Wenn es nur endlich jemand zugeben würde. Dass man sich das kauft, um “dazuzugehören”. Um Erfolg zu haben. Natürlich findet man es auch schön - keine Frage. Aber die anderen eben auch, und darauf kommt es an. Man trägt kaum noch etwas so, dass es für einen selbst ist. Man zieht sich auch immer für die anderen an. Und trotzdem feiern wir alle Coco Chanel, die sich einfach Hosen anzog, als alle Röcke trugen, und wären auch gerne so. Während wir alle die selbe Hose tragen. Oder den  selben Rock. Hauptsache in.

Irgendwie traurig: Blogger, die, die ihren eigenen Stil zeigen wollten, haben jetzt das an, was alle tragen. Alle, die Geld haben, natürlich. Es gibt nur wenige Ausnahmen, aber meist sind die Instagram Accounts austauschbar. Überbelichtet, hier eine Chloé, da ein Ikea Schuhschrank, hier frisches Obst und ein MacBook. In einer Gesellschaft, wo Schuluniformen nicht erwünscht sind, weil man doch “bitteschön das anziehen will, was man möchte, weil man sich mit seiner Kleidung ausdrückt” ziehen wir alle freiwillig unsere Uniformen an, weil wir bitteschön mit unserer Kleidung ausdrücken wollen, dass wir dazugehören. 

Und ich gehöre auch dazu. #instagrammademebuyit. And everyone else.

Aber vorsicht: Nur, weil es immer mehr Hochglanzmagazinblogs gibt, heißt das nicht, dass sie auch dementsprechend behandelt werden - manche Firmen behandeln einen nämlich nicht einmal ansatzweise gut, wie ihr hier nachlesen könnt.