Protest gegen fehlende Schutzausrüstung: Hausärzte ziehen blank

Willy Flemmer
Freier Autor für Yahoo

Arztpraxen in Deutschland stoßen in der Coronakrise an ihre Grenzen. Hausätzten fehlt Schutzausrüstung wie Masken, Desinfektionsmittel und Co. Aus Protest dagegen lassen sie ihre Hüllen fallen.

Deutsche Hausärzte haben angesichts fehlender Schutzausrüstung "blanke Bedenken". (Bild: blankebedenken.org)

Politiker tun, was sie in Krisenzeiten tun müssen. Dazu zählt auch die Gemüter der Bürger beruhigen. Einer der Beschwichtigungssätze lautet ungefähr so: Das deutsche Gesundheitswesen ist gut auf die Corona-Pandemie vorbereitet. Das sehen die Hausärzte anders. Sie beklagen immer lauter, dass ihnen Schutzausrüstung fehlt. Nun protestieren sie gegen den Missstand mit einer programmatischen Aktion: Sie ziehen buchstäblich blank.

"Blanke Bedenken" heißt denn auch das Motto, unter dem sie ihren Protest bekunden. "Wir sind Ihre Hausärztinnen und Hausärzte. Um Sie sicher behandeln zu können, brauchen wir und unser Team Schutzausrüstung" schreiben die Mediziner in dem eigens für ihre Protestbewegung eingerichteten Online-Kanal blankebedenken.org. "Wenn uns das Wenige, was wir haben, ausgeht, dann sehen wir so aus."

Ärzte haben "blanke Bedenken"

"So", das heißt nackt zeigen sie sich auf den Bilden, die sie auf der Seite veröffentlicht haben. Die Aussage: Angesichts der prekären Versorgungslage sind die Hausärztinnen und Hausärzte der Corona-Pandemie schutzlos ausgeliefert. Obszön sind die Fotos nicht geraten, einfallsreich und verspielt bedecken die Abgebildeten vielmehr die sensiblen Körperstellen zumal mit Attributen, die zugleich einen Kommentar zum Ausdruck bringen.

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Ob Gesundheitsminister Jens Spahn die Protestbewegung registriert hat? (Bild: blankebedenken.org)

Eine Ärztin hält beispielsweise einen Pappkarton vor sich mit der Aufschrift: "Ist das ausreichend?" Eine andere Medizinerin fragt auf einem Schild: "Ich hab gelernt Wunden zu nähen – warum muss ich jetzt Masken nähen können?" Ein weiteres Bild zeigt einen Arzt, der sein Gesicht mit einem Kleeblatt aus Papier statt einer Gesichtsmaske bedeckt hat. Darauf prangt das Bild von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn.

Letztere Aktion ist symbolträchtig. Sie wie die gesamte Protestbewegung ist eine Aufforderung an die Politik, die Hausärzte in der Krisensituation zu unterstützen. "Die Nacktheit soll symbolisieren, dass wir ohne Schutz verletzlich sind", sagt Hausarzt Ruben Bernau der Ärztezeitung. Wie viele seiner Kollegen klagt auch er über fehlende Schutzausrüstung wie Kittel, Mund- und Nasenschutz sowie Desinfektionsmittel.

Angst- und Inspirationsquellen

Bleibt eine Unterstützung aus, fürchten die Mediziner hierzulande wohl ähnliche Zustände wie in Frankreich und Italien. Dort stiegen die Raten der an COVID-19 erkrankten und verstorbenen Ärzte deutlich an, weil es in Gesundheitseinrichtungen zu Kapazitätsengpässen gekommen war.

"Blanke Bedenken" sei inspiriert von dem französischen Mediziner Alain Colombié aus der südfranzösischen Gemeinde Pomérols, heißt es auf blankebedenken.org. Der Hausarzt hatte sich "aus Protest in seiner Praxis ausgezogen, um auf unzureichende Unterstützung in Hauspraxen aufmerksam zu machen."

Die deutschen Hausärzte fordern von der Politik jedoch nicht nur Hilfe. Als Experten wollen sie darüber hinaus selbst am Ideenwettbewerb für den Kampf gegen Corona teilnehmen. "Ein sinnvoller Pandemie-Plan muss unbedingt die Expertise und Erfahrung von Hausärztinnen und Hausärzten mit einfließen lassen", sagt Ärztin Sandra Blumenthal in einem Statement. Und auf blankebedenken.org heißt es: "Wir sind Profis auf unserem Gebiet: hausärztliche Versorgung. Also fragen Sie als erstes uns!"

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Politiker sollen den Hausärzten in der Coronakrise nicht nur helfen, sondern im Kampf gegen die Pandemie auch ihren Rat einhole. (Bild: blankebedenken.org)

Ihr Anliegen bekräftigen die Mediziner auch mit einer Online-Petition, die sie auf blankebedenken.org geschaltet haben. Ihr Motto: "Hausärzt*'innen sind da". "Wir sind da. Auch in der Krise. Wenn man uns lässt", schreiben die Ärzte. Ihre Petition haben sie an die Gesundheitsministerinnen und Minister der Länder gerichtet.

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