Rennen um den CDU-Vorsitz: Der Yahoo-Kanzlercheck

Einer dieser Männer könnte der nächste Kanzler werden (Montage: Reuters/dpa/AFP)

Auch wenn es in der CDU gewaltig kriselt und die Grünen einen Höhenflug erleben: Die Wahrscheinlichkeit, dass auch der nächste Kanzler aus der Union kommt, ist groß. Darum darf mit Spannung erwartet werden, wen die Partei am 25. April zum Vorsitzenden kürt - denn die CDU wird alles daran setzen, dass der neue Chef dann auch ab 2021 Angela Merkel beerbt.

Die Bewerber um den Posten haben mittlerweile Stellung bezogen: Gesundheitsminister Jens Spahn, der 2018 noch gegen Annegret Kramp-Karrenbauer und Friedrich Merz angetreten war, hat sich zurückgezogen und an die Seite von NRW-Ministerpräsident Armin Laschet gestellt. Merz versucht dagegen erneut sein Glück, neu im Rennen ist Stehaufmännchen und Dauer-Talkshowgast Norbert Röttgen. In der Kanzlerfrage darf man unterdessen auch CSU-Chef Markus Söder nicht außen vorlassen, der sich zu möglichen eigenen Ansprüchen bedeckt hält, aber deutlich macht, dass er Gehör finden muss.

Wir haben darum einige unserer Autoren um ihre Einschätzung gebeten: Wer wäre realistisch betrachtet der beste Parteichef und/oder Kanzler?

Konstantin Delles (Editor Yahoo Nachrichten): Armin Laschet (mit Vize Jens Spahn)

Armin Laschet und Jens Spahn haben sich gegen Friedrich Merz und Norbert Röttgen verbündet (Bild: Reuters/Annegret Hilse)

In einer Zeit, in der schon zum zweiten Mal ungewohnte Personalquerelen die CDU plagen, setzt der Kompromiss zwischen Armin Laschet und Jens Spahn parteiintern ein wichtiges Zeichen. Die beiden etabliertesten Vertreter im Rennen haben ihre Rivalitäten beigelegt und demonstrieren eine geschlossene Front gegen die querschießenden Wiedergänger Merz und Röttgen. Während Laschet den liberalen Flügel repräsentiert, spricht sein Vize-in-spe zumindest den Teil des konservativen Lagers an, der nicht den kompletten Rollback zur Vormerkelzeit anstrebt. Laschet regiert NRW ohne Visionen aber auch ohne Reibereien und würde somit wohl auch als Kanzler für eine unaufgeregte wie innovationsarme Fortsetzung der Merkel-Linie stehen. In Sachen Stabilität wäre das Team für die CDU wohl die beste Lösung, für die Bundesrepublik zumindest nicht die schlechteste.

Etwas anders sieht es womöglich außenpolitisch aus: Dass Laschet sich regelmäßig für ein besseres Verhältnis zu Russland ausspricht, ist realpolitisch vernünftig. Dass er immer wieder für eine Akzeptanz des syrischen Diktators Assad als vermeintlichen Stabilitätsfaktor wirbt, kann dagegen nur als zynisch betrachtet werden - zwar muss der Westen diese bittere Pille nun vielleicht tatsächlich schlucken, doch Laschet plädierte bereits 2014 dafür, dass man “Assad mal Assad sein lassen” solle. Es bleibt zu hoffen, dass im Falle einer Kanzlerschaft ein Koalitionspartner hier andere Akzente setzen würde, oder vielleicht Kontrahent Röttgen das Außenministerium übernimmt. Ganz aktuell steht unterdessen Tandempartner Spahn im Fokus: Der COVID-19-Ausbruch in Deutschland kann sich für den Gesundheitsminister als Bewährungsprobe, aber auch als Fallstrick erweisen - aus Expertenkreisen wird bereits teils scharfe Kritik an seinem Krisenmanagement laut. Angesichts der schnellen Ausbreitung des Virus dürfte das Urteil bis zum CDU-Parteitag gefallen sein.

Yasmine M’Barek (freie Journalistin): Markus Söder

Markus Söder kann im Bierzelt poltern, trifft aber auch den richtigen Ton, wenn Diplomatie gefragt ist (Bild: Reuters/Michael Dalder)

Markus Söder hat die CSU trotz herber Rückschläge nach der endlosen Ära Seehofer wieder fest in der Hand und die Partei in Bayern klar von der AfD abgegrenzt. Er ist nicht nur Redner, sondern zieht seine Vorhaben konsequent durch. Nachdem er sich nach dem Wahldrama 2018 als Ministerpräsident gefestigt hat - was unter anderem durch erhöhten Zuspruch der Bayern bestätigt wurde - fährt Söder eine klare Linie zwischen Patriotismus und Realpolitik. Söder ist zentraler Akteur bei jeglichen Entscheidungen der Union, auch in der Debatte rund um den Kanzlerkandidaten statuiert er ein Exempel und pocht etwa im ZDF-Interviewformat “Was nun, Herr Söder?“ auf sein Mitspracherecht. Ähnlich wie Merkel bleibt Söder konstant in seiner Attitüde. Er gehört zu den wenigen in der Union, die konstruktiv die Linie Merkels weiter verfolgen könnten, und das hat Deutschland bitter nötig. Er wird gemäßigter beim Thema Migration, versucht, den Grünen das Thema Klima zu nehmen, und hat meistens alle Bürger im Blick, selbst wenn er auf politischen Aschermittwochen den hohen Wert seiner CSUler hervorhebt - Mitgliederbindung halt.

Pragmatisch und kompromissbereit bahnte sich Söder seinen Weg vom Rivalen Seehofers zum politischen Stabilitätsanker Bayerns. Seine Stellung war auch Ergebnis der geschwächten Position der Union, keine Frage. Aber durch seine vernünftige Art, innerparteiliche Konflikte im Schach zu halten und nicht gegen eigene Leute zu schießen (etwa im Skandal um Verkehrsminister Scheuer), vermittelt Söder den Eindruck, auch in schwierigen politischen Lagen solide regieren zu können. Davon zeugt auch seine Stärke, auch CDUler für sich zu gewinnen. Er hätte im Gegensatz zu Strauß und Stoiber realistische Chancen, für die Union nach dem Kanzleramt zu greifen. Sein Talent für eine gekonnte Inszenierung, das er aktuell durch gut getimte Einwürfe während der CDU-Show beweist, würde ihm auch international dienlich sein. Dass die CDU gerade neben der scheidenden Kanzlerin keine Führungsgrößen hat, wird Söder immer größer machen. Wenn nicht jetzt, könnte es in der übernächsten Legislatur 2025 einen Kanzler Söder geben.

Jan Rübel (freier Journalist): Norbert Röttgen

Norbert Röttgen will sich zurück in die erste Reihe der Politik kämpfen (Bild: Reuters/Michele Tantussi)

Norbert Röttgen deckt die wichtigsten Facetten der CDU ab, daher ist er am ehesten für eine Kanzlerkandidatur geeignet: Er ist konservativ in der Innenpolitik und innovativ beim Umweltschutz. Röttgen setzt auf eine Außenpolitik des Ausgleichs und der europäischen Einigung. Und in Wirtschaftsfragen gilt er als wirtschaftsfreundlich mit einem sozialen Gewissen. Er hat also alles, was die anderen Unionsanwärter nur in Teilen haben. Außerdem ist er der Kandidat aus der Union mit dem größten Intellekt. Ein Schaden fürs Land wird das nicht sein.

Moritz Piehler (freier Journalist): Markus Söder

Jetzt, wo sich die möglichen Kandidaten für eine AKK- beziehungsweise Merkel-Nachfolge aus der Deckung getraut haben, muss eventuell auch Markus Söder seine Abwarte-Taktik überdenken. Bisher hat sich der starke Mann der CSU vornehm zurückgehalten und der Schwesterpartei das teilweise unwürdige Gehampel um die Position an der Spitze überlassen. Am Ende könnte Söder daraus als großer Gewinner hervorgehen. Tatsächlich wäre ein CSU-Kandidat kein Novum, zweimal bewarben sich bereits christsoziale Politiker für die Kanzlerschaft. Allerdings scheiterten sowohl 1980 Franz Josef Strauß als auch 22 Jahre später Edmund Stoiber. Söder könnte jetzt im Führungschaos der CDU den nächsten Versuch wagen. Dafür spricht, dass sich Söder einerseits mit leichten Kurskorrekturen - in Sachen Klimaschutz beispielsweise - auf die Mitte zubewegt hat. Auch seine klare Absage an eine Öffnung nach rechts hin zur AfD deutet auf sein Ambitionen hin. Er machte gar die “bürgerliche Identität der Union” von dieser Frage abhängig. Es war auch ein deutliches Abwatschen der rechtskonservativen “Werte-Union”.

Dennoch stünde ein möglicher Kanzler Söder sicher für eine Union der konservativeren Sorte. Von Merkels strategisch geprägter und kompromissbereiter Politik der Mitte würde er sich deutlich entfernen. Während der Münchener Sicherheitskonferenz übte er sich jedenfalls bei Treffen mit den französischen und ukrainischen Präsidenten schon mal auf internationalem Parkett. Zeigt da einer: Ich kann Kanzler? Als weiteren Hinweis auf seine Ambitionen ließ der 53-jährige Söder jüngst seine Muskeln spielen, als er der CDU klar machte, dass sie zunächst ihren Vorsitzenden wählen sollte, bevor sie über Kanzlerkandidaten nachdächten. Die Botschaft des bayerischen Ministerpräsidenten dahinter war klar: An der CSU führt in der K-Frage kein Weg vorbei. Und vielleicht auch nicht an Markus Söder.

Tobias Huch (freier Journalist): Lieber nicht Friedrich Merz

Friedrich Merz polarisiert vielleicht zu sehr, um die CDU einen zu können (Bild: Reuters/Christian Mang)

Wäre wirtschaftspolitische Kompetenz das entscheidende Kriterium bei der Bestimmung des nächsten CDU-Vorsitzenden, dann führte fraglos kein Weg an Friedrich Merz vorbei. Doch ausschlaggebend ist nicht die fachliche Eignung in noch so wichtigen einzelnen Politikfeldern, sondern die Frage, ob der gewählte Kandidat auch das Zeug hat, die Partei zu einen. Ob er für möglichst alle Strömungen und Flügel innerhalb der Union als Integrationsfigur in Frage kommt, die vorhandene Gegensätze zumindest hinreichend zu befrieden vermag. Merz jedoch polarisiert, kämpft verbal mit harten Bandagen, kommuniziert grob und auch zuweilen unüberlegt. Bei seiner Anhängerschaft kommt dies gut an, aber gerade damit stößt Merz auch viele in der CDU ab. Sein Kampf um die Krone könnte sich daher schwieriger gestalten, als gedacht.

Armin Laschet wiederum hat bereits in NRW bewiesen, dass er sich darauf versteht, eine schlagkräftige Truppe zusammenzuschweißen. Er findet auch in schwierigen Momenten eher besonnene Worte, wozu auch seine Rolle als echter Landesvater beiträgt. Auch Norbert Röttgen ist ein erfahrener Politiker. Vor allem außenpolitisch ist er mit einem klaren Kompass ausgestattet. Über die Jahre hinweg hat er sich beachtlich profiliert und den einstigen Makel des NRW-Wahlverlierers längst abgestreift. Er hat großes Potential, verloren gegangene Wähler wieder zurückzugewinnen, ohne zugleich treue Stammwähler vor den Kopf zu stoßen. Das Rennen wird in jedem Fall spannend. Nicht vergessen werden darf jedoch: Es geht hier nicht um das Amt des Bundeskanzlers, sondern um die Wahl eines Parteivorsitzenden. Als FDP-Mitglied widerstrebt es mir, mich durch Festlegung auf einen Favoriten einzumischen. Zumindest eines lässt sich aber sagen: Bei dieser Wahl wird es nicht darum gehen, eine erneute Übergangslösung zu finden, sondern einen Vorsitzenden, der die CDU auf viele Jahre hinweg zielstrebig anzuführen vermag.

Jetzt sind Sie gefragt, liebe Leser: Wer wäre aus Ihrer Sicht die beste Lösung?