Retourkutsche – Chanel, der Bumerang und die kulturelle Aneignung

Lisa Trautmann

Ich gebe zu, der Titel dieses Artikels ist etwas polemisch, was aber volle Absicht ist. Damit eine Konversation entsteht, man sich Gedanken macht und etwas zum Diskutieren hat. Der Begriff “Kulturelle Aneignung“ stammt aus der Critical Whiteness-Bewegung der USA (also Weiße, die ihr Weißsein und die damit verbundene Überheblichkeit gegenüber anderer Ethnien, kritisch hinterfragen) und beschreibt die Aneignung traditioneller Gegenstände anderer Kulturen aus kapitalistischen Beweggründen. Zusammengefasst: Unsere kapitalistische Gesellschaft bedient sich an den religiösen, ethnischen, artistischen oder spirituellen Gegenständen von Minderheiten, um sie zu vermarkten.

Kulturelle Aneignung findet sich durch die Bank weg in allen Bereichen des Lebens. Und wenn man anfängt, darauf zu achten, sieht man sie plötzlich überall. Das Holi-Festival? Eigentlich ein religiöses Fest aus Indien. Dreadlocks? Stolzes Befreiungssymbol der Afroamerikaner. Tunnels im Ohr? Ein Schmuck aus der Kultur der Aborigines. Und hier wären wir schon beim nächsten Aufreger, nämlich Chanel. Genau genommen geht es um einen mit dem doppelten “C“ gebrandeten Bumerang, den das französische Modehaus für 1.260 € zum Kauf anbietet. Abgesehen davon, dass kein Mensch auf der Welt einen Bumerang von Chanel braucht, geht es hier vor allem um kulturelle Aneignung. Chanel nutzt eine von den Aborigines seit Jahrtausenden verwendete Waffe, um damit Cash zu machen. Die Aborigines wurden nun nicht wirklich zuvorkommend behandelt und sind nach wie vor eine benachteiligte Minderhat in Australien.

Einige mögen sagen, dass Bumerangs doch schon immer als Sportgerät verkauft werden, auch in unserer westlichen Kultur. Das stimmt natürlich, doch handelt es sich in diesem Falle auch um kulturelle Aneignung. Dass nun aber ein Modehaus erster Güte (übrigens bereits zum zweiten Mal) eine Tradition einer Minderheit vermarktet, ist eben noch mal eine Schippe oben drauf. Meiner Meinung nach hat kulturelle Aneignung in der Mode nichts verloren. Es liegt in der Sache der Natur, dass die Herkunft der Anleihen selten hinterfragt wird und das Produkt am Ende ohne jeden Bezug zu seiner Tradition steht und diese somit ignoriert und lächerlich gemacht wird. Wie etwa, wenn Modemarken ihren Festivallook mit einer indianischen Federkrone im Lookbook präsentieren oder wenn ein Designer seine Models in traditionellen Inuit-Gewändern über den Laufsteg schickt.

Durch die wachsende Vermischung der Bevölkerungen und Ethnien dieser unserer Erde bleibt eine Vermischung der Kulturen natürlich nicht aus und es ist auch eine tolle Sache, dass Kulturen aufeinander treffen und daraus ganz neue, spannende Dinge entstehen können. Es geht aber darum, immer zu hinterfragen und zu differenzieren. Wenn ein Restaurant in Mitte Sushi mit Guacamole anbietet, ist das weder eine Beleidigung der südamerikanischen oder asiatischen Kultur, sondern einfach ziemlich lecker. Wenn aber Modemarken plump bisweilen heilige Symbole vermarkten oder sich bei (etwa kolonial oder religiös) unterdrückten Minderheiten bedienen, ist das einfach nur frech und geldgeil. Und es ist leider so, dass gerade die Mode hier gerne nicht nur unglaublich skrupellos sondern auch ohne Rücksicht auf Verluste zu Werke geht.

Man muss seine Umwelt nicht mit seiner Political Correctness in den Wahnsinn treiben, es lohnt sich aber schon, immer mal das Oberstübchen anzuschaltet und zu überlegen, was man da gerade vor sich sieht. Komplett losgelöst von der Diskussion um kulturelle Aneignung möchte ich gerne noch einwerfen, dass man nicht alles besitzen muss, worauf das Logo einer sehr teuren Marke gedruckt ist.

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