Rezension: "Vom Ende der Klimakrise" von Luisa Neubauer und Alexander Repenning

Ben Barthmann
freier Sportjournalist

Deutschlands bekannteste Klima-Aktivistin Luisa Neubauer hat gemeinsam mit dem Soziologen Alexander Repenning das Buch “Vom Ende der Klimakrise” geschrieben. Entstanden ist ein Geflecht aus Wissenschaft, persönlichen Erfahrungen und einem dringenden Appell. Etwas dünn bleibt das Buch allerdings beim Titelthema - dem Ende der Klimakrise.

Luisa Neubauer (links neben Greta Thunberg) ist Deutschlands bekannteste Klima-Aktivistin. (Bild: Getty Images)

Ken Caldeira ist eine der vielen Personen, die Neubauer und Repenning in ihrem Erstwerk zitieren. Der US-amerikanische Atmosphärenwissenschaftler stellt zu Beginn des Semesters gerne eine Frage an seine Studenten. Was sei der größte klimaphysikalische Durchbruch seit den Achtzigern? Die Antwort ist seit Jahren die selbe: Es handelt sich um eine Fangfrage, denn einen echten Durchbruch gab es nie.

Sicherlich ein Durchbruch für das Klima war allerdings das Entstehen und Wachsen der Fridays-for-Future-Bewegung, die erst kürzlich im weltweiten Klimastreik am 20. September ihren Höhepunkt feierte. Weltweit protestierten laut - nicht bestätigten - Quellen 1,7 Millionen Menschen. Diese Bewegung hat, zumindest für den deutschsprachigen Raum, nun ein Manifest erhalten.

Neubauer und Repenning führen in ihrem Buch viele Fäden zusammen. Sie schreiben über das Klagen Noahs, als niemand seiner Warnung vor der kommenden Sintflut glauben wollte, sie schreiben aber auch vom Inselstaat Nauru, der Opfer des Kapitalismus wurde und in Folge dessen lange in Armut lebte.

Viele Belege aus der Wissenschaft, seltener Populismus

Es sind viele Beispiele aus Vergangenheit und Gegenwart, die eines verdeutlichen sollen: Die Klimakrise ist dringend, viel dringender als alles andere. Dabei beschreiten Autor und Autorin einen schmalen Pfad, was ihnen größtenteils gut gelingt. Ihre Thesen unterstreichen sie stets mit wissenschaftlichen Quellen, etwa 15 Prozent des Buches sind Literaturverweise, und heben sich damit angenehm von vielen anderen thematisch ähnlichen Büchern ab.

Nur selten treten Neubauer und Repenning daneben und verlieren sich kurz im Populismus. “Auf den Schulhöfen werden sich Kinder im Sommer die Füße verbrennen”, heißt es etwa zu Beginn des Buches - derartige Entgleisungen bleiben in der Folge allerdings selten. Von Panikmache ist das Buch weit entfernt.

Trocken wird es dabei nie. Das liegt auch an der abwechslungsreichen Schreibweise. Mal erklären die Autoren den wissenschaftlichen Stand der Dinge, mal erzählen sie aus eigener Perspektive, wie es in ihrem persönlichen Kampf gegen den Klimawandel steht. Neubauer-Kritiker dürfen sich hierbei sogar über eine Einordnung des Feindbilds “Langstrecken-Luisa” freuen. Diesen Begriff trägt die 23-Jährige mit sich, seit öffentlich wurde, dass sie ihren Instagram-Account von zahlreichen Reise-Fotos aus der halben Welt bereinigte.

Klima als gemeinsamer Nenner vieler gesellschaftlicher Themen

Das Buch versteht sich dabei im finalen Drittel auch als Appell an die Leser. Ursprünglich sollte es “Organisiert euch!” heißen, wie Neubauer und Repenning verraten. Sie fordern dazu auf, sich zu informieren, sich zusammenzuschließen, Freunde anzustecken und sich den Traum von einer Utopie zu erlauben.

Die persönliche Utopie der Autoren ist dabei arg links geprägt. Sie sprechen von “freiwilliger Selbstdeprivilegierung”, versehen die Idee einer Vermögenssteuer mit neuem Leben, träumen von einem System der “solidarischen Landwirtschaft”, in der den Produzenten die Abnahme ihrer Produkte garantiert wird und einer Kultur der “Tauschbörsen, Bibliotheken der Dinge und Reperaturcafés.”

Das gezeichnete Szenario rund um Vermögensabgaben und bedingungslosem Grundeinkommen dürfte manchen ohnehin schon etwas skeptischen Leser sicherlich abschrecken. Eine Stärke des Buchs ist aber die Verknüpfung der Klimakrise mit vielen anderen gesellschaftlichen Themen: Verantwortung, Kommunikation, Kapitalismus, Wohlstand, Gerechtigkeit.


Echte Lösungen müssen von anderer Stelle kommen

Hierbei liest sich allerdings stets die politische Richtung der Autoren heraus. Viele der Gedankenexperimente und vorgeschlagenen Maßnahmen werden arg einseitig skizziert. Ob das “Ende der Klimakrise” wirklich nur über diesen Weg zu erreichen ist, dürfte ein großer Teil der deutschen Wähler stark anzweifeln.

Das Buch will allerdings gar keine Diskussion führen und mehrere Seiten beleuchten. Es ist und bleibt eben das Werk von Aktivisten, die ihrer Stimme zusätzliche Kraft verleihen wollen. Zumal es gar nicht das Anliegen der Fridays-for-Future-Bewegung ist, Lösungswege aufzuzeigen.

Sie sehen sich vielmehr, mit Greta Thunberg an der Spitze, als Erinnerung an diplomatische Abkommen, die bereits vor Jahren getroffen wurden. Das Pariser Abkommen scheint allerdings wie seine Vorgänger zu scheitern. Deshalb kommt das Signal: Hört doch endlich den Wissenschaftlern zu.

Deren Problem liegt aber oft im Transport der Informationen. “Man mag es als Wissenschaftler*in unverständlich finden, dass Menschen nicht aufschrecken, wenn ihnen gesagt wird, das 95 Prozent der Moore in Deutschland trockengelegt sind. Den meisten Menschen sagt so etwas nichts, es berührt sie nicht und lässt sie weder die Dramatik der Lage verstehen, noch regt es sie zum Handeln an”, schreiben Neubauer und Repenning. Ihr Buch macht das schon deutlich besser.

“Vom Ende der Klimakrise“ (ISBN: 978-3-608-50455-2) von Luisa Neubauer und Alexander Repenning erschien im Tropen-Verlag. Seit dem 16. Oktober ist es für 18,99 Euro (UVP) im Handel erhältlich. Ein Hörbuch ist geplant.

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