Süchtig nach Onlineshopping: Ich habe 25.000 Pfund Schulden

Ellen Falconer

Wenn du an einen Shopaholic denkst, fällt dir vielleicht zunächst der Hollywoodfilm mit Isla Fisher ein. Oder deine witzige Kollegin, deren Tisch immer mit Paketen von Amazon und ASOS übersäht ist. Aber für Menschen, die wirklich shoppingsüchtig sind, sieht die Wahrheit nicht ganz so lustig aus.

Shoppingsucht, fachsprachlich Oniomanie genannt (vom altgriechischen onios, was „käuflich“ bedeutet), wird nicht als eigenständige Krankheit geführt, sondern zu den „nicht stoffgebundenen Abhängigkeiten“ gezählt. Es beschreibt das zwanghafte Verlangen danach, einzukaufen – unabhängig davon, wieviel Geld den Betroffenen tatsächlich zur Verfügung steht oder ob sie überhaupt etwas brauchen. Der Kauf dient dazu, sich von negativen Gefühlen abzulenken und ein kurzzeitiges Glücksgefühl auszulösen.

In Deutschland sind schätzungsweise 600.000 bis 800.000 Menschen kaufsüchtig. Genau wie andere Süchte, geht auch Kaufsucht oftmals mit Schulden, schweren Depressionen, Schuld- und Schamgefühlen sowie zerstörten Beziehungen einher. Und obwohl dir Shopping vielleicht trivial vorkommt, kann es genauso schwierig sein, davon wegzukommen wie von anderen Süchten. In der Welt, in der wir leben, gehört Einkaufen zum Leben dazu. Es ist sehr schwer, der Versuchung zu widerstehen, wenn sie überall auf einen lauert.

Grace* kommt aus Schottland, ist 29 Jahre alt und arbeitet im Finanzsektor. Sie sagt, sie hatte schon immer ein Problem damit, ihr Konsumverhalten zu kontrollieren. Als sie ihren Job bei einer Bank verlor, geriet ihr Kredit jedoch außer Kontrolle. Sie hatte 2007 angefangen, für die Bank zu arbeiten und war davon ausgegangen, diesen Job auf Lebenszeit zu behalten. Heute weiß sie, dass das „ein bisschen naiv“ war. Aber vor der Finanzkrise war die Realität eben eine andere. „Damals war es ziemlich einfach: Finde eine große Firma, die stabil ist, such’ dir etwas, in dem du gut bist und leg einfach mal los. Das habe ich gemacht. Als ich dann die betriebsbedingte Kündigung erhielt, war das ein riesiger Schock für mich, mit dem ich nicht gut umgehen konnte. Ich fiel in ein ziemliches Loch und meine finanzielle Situation begann, sich deutlich zu verschlechtern.“

Sie hatte von 19 bis 25 in der Bank gearbeitet und ihr Konto immer mal wieder überzogen, um sich schöne Urlaube oder dekadente Partywochenenden leisten zu können. Aber normalerweise war sie innerhalb einiger Monate immer wieder ins Plus gekommen. Das Ganze war also eigentlich keine große Sache.

Wie bei jeder anderen Sucht auch, arbeiten Menschen mit Kaufsucht gegen ihre negativen Emotionen an, indem sie ihnen ein kurzzeitiges Hochgefühl durch den Kauf entgegensetzen. Das lässt aber schnell nach, wenn die Süchtigen zu Hause ankommen und ihnen klar wird, dass sie zu viel Geld ausgegeben haben.

Maggie King ist Therapeutin in einem Therapiezentrum von UK Addiction Treatment und sagt, dass es eine deutliche Verbindung zwischen mentaler Gesundheit und Sucht gibt. „Wie bei jeder anderen Sucht auch, arbeiten Menschen mit Kaufsucht gegen ihre negativen Emotionen an, indem sie ihnen ein kurzzeitiges Hochgefühl durch den Kauf entgegensetzen. Das lässt aber schnell nach, wenn die Süchtigen zu Hause ankommen und ihnen klar wird, dass sie zu viel Geld ausgegeben haben. Sie fühlen sich dann schlecht und vielleicht sogar schuldig, weil sie ihr Problem nur verschlimmert haben. Das sind negative Gefühle, gegen die es wieder anzukämpfen gilt.“

Grace sagt, ihr emotionaler Zustand hat auf jeden Fall einen Einfluss auf ihr Kaufverhalten. „Entweder sitze ich gelangweilt zu Hause und fange dann an, zu schauen, was es in den Onlineshops so an neuen Sachen gibt. Oder ich bin irgendwie traurig und versuche, mich besser zu fühlen, indem ich Dinge zu kaufe. Auch wenn ich wütend bin, versuche ich, mich durch Onlineshopping davon abzulenken. Nachdem ich damals die Kündigung bekommen hatte, kaufte ich alles Mögliche, um mich nicht damit auseinandersetzen zu müssen.“ Und was kaufte sie damals zur Ablenkung? Kleidung, Schuhe, Schmuck und Reisen.

Nachdem sie ihren langjährigen Job in der Bank verloren hatte, ging es unbeständig weiter für Grace. Sie hatte verschiedene Arbeitsstellen mit unterschiedlich hohen Einkommen. Mittlerweile lebt sie mit ihrem Verlobten in einem Haus, das ihr gehört und hat einen Job angenommen, bei dem sie von zu Hause aus arbeiten kann. Auf die Frage, wie tief sie aktuell in den Schulden steckt, die Hypothek für das Haus ausgenommen, kann sie zunächst nichts sagen. Nachdem sie ihre Finanzen einige Sekunden im Kopf überschlagen hat, seufzt sie irgendwann: „25.000 Pfund“. Diese Zahl erstreckt sich über diverse Bankkredite, mehrere Kreditkarten, die sie mit Hilfe von Bestandsumbuchungen zinsfrei bekommen hat, sowie einer gesonderten Kreditkarte, mit der sie tatsächlich Geld ausgibt.

Aktuell muss Grace jeden Monat mindestens 800 Pfund zurückzahlen. Obwohl sie immer sicherstellt, mehr als das Minimum zurückzuzahlen, gibt sie zu, dass sie alle vier Wochen erneut auf der Kippe steht, den Betrag nicht zusammenzubekommen. Gerade zu besonderen Anlässen wie zum Beispiel Weihnachten hat sie massive Probleme, ihr Geld beisammen zu halten.

„Klar bin ich enttäuscht von mir selbst. Aber um ehrlich zu sein, überrascht mich die Summe nicht, da sie einfach nur mein bisheriges Verhalten widerspiegelt. Als ich beispielsweise halb so viel verdient habe wie jetzt, hatte ich 10.000 Pfund Schulden, die ich auch abbezahlt bekommen habe. Ich habe es schon mehrmals in meinem Leben geschafft, schuldenfrei zu sein. Die Befriedigung, keine Schulden zu haben, ist für mich jedoch nicht so groß wie die, die ich durchs Shopping bekomme. Es macht einfach mehr Spaß, in den Urlaub zu fahren, als schuldenfrei zu sein“. Trotzdem macht es ihr Sorgen, dass sie keinen Notgroschen zurückgelegt hat. Finanzexpert*innen raten in der Regel dazu, mindestens drei Monatsgehälter als Ersparnis zurückzulegen, um auf unerwartete Situationen vorbereitet zu sein. Grace hat gerade mal 1.000 Pfund gespart.

Dass sie mittlerweile von zu Hause arbeitet, macht es für sie nicht besser. Die Versuchung, online zu shoppen, ist allgegenwärtig. „Vor sechs oder sieben Wochen saß ich gelangweilt zu Hause. Ich beschloss, mal im H&M-Onlineshop vorbeizuschauen. Ich ging auf Alle Artikel anzeigen und filterte dann auf die Farbe Schwarz. Ich klickte auf alle möglichen Dinge, die cool aussahen, packte sie in den Einkaufskorb und kaufte sie. Mir war bewusst, dass ich grade aus Langweile einkaufte. Aus diesem Grund habe ich die Sachen schlussendlich auch nicht abgeholt. Stattdessen habe ich die Bestellung gecancelt und alles ging wieder zurück ins Lager.“

Susan Rose ist Professorin für Konsumentenverhalten an der englischen University of Reading und erzählte Refinery29, dass Onlineshopping deswegen so beliebt ist, weil es den Kund*innen eine Reihe von Vorteilen bietet. In erster Linie ist es einfach und schnell. Ihre Untersuchungen haben jedoch ergeben, dass genau diese vermeintlichen Vorteile zu „problematischen Onlineshoppingverhalten“, wie sie es nennt, beitragen können. Onlinehändler haben jede Menge Geld in die Erforschung unseres Kaufverhaltens im Internet gesteckt, um uns das Einkaufen so einfach wie möglich zu machen. Während wir früher in verschiedene Läden gehen und jede Menge Wintermäntel anprobieren mussten, um den richtigen für uns zu finden, der nicht nur gut aussieht, sondern auch in unser Budget passt, umschifft Onlineshopping diese Hürden laut Prof. Rose elegant. Händler im Internet versuchen bewusst, den Kaufprozess ohne mentale Anstrengung für ihre Kundschaft zu gestalten.

„Nehmen wir Amazon One-Click: Diese Funktion ermutigt Konsument*innen dazu, nicht viel Zeit zu verschwenden, sondern stattdessen Produkte sehr schnell, nachdem sie angesehen worden sind, zu kaufen. Da wir zu schnelle Kaufentscheidungen treffen, besteht die Gefahr, dass diese Entscheidungen nicht besonders fundiert sind. Alles liegt wie auf dem Silbertablett zum Kauf bereit und wir umgehen den wichtigen Schritt, Informationen anzusehen und Produkte miteinander zu vergleichen. Wir werden von den Händlern quasi zum Kauf gedrängt.“

Eine weitere, zunächst praktisch erscheinende Funktion beim Onlineshopping ist laut Prof. Rose die Rückgabe- und Rückerstattungsregelung, da diese die Konsument*innen dazu bringt, mehr Geld auszugeben, als sie überhaupt zur Verfügung haben. Gäbe es das Sicherheitsnetz des 30-Tage-Rückgaberechts nicht, die wenigsten von uns würden sich wohl dazu entschließen, Produkte zu kaufen, die sie zuvor noch nie gesehen haben. So geht es auch Grace: „Es fühlt sich nicht so an, als würde ich echtes Geld ausgeben. Ich denke beim Onlineshopping ganz oft: Okay, jetzt habe ich Sachen im Wert von 200 Pfund eingekauft. Aber ich gebe ja mindestens drei Viertel davon wieder zurück. Wenn das Geld dann auf mein Konto kommt, fühlt es sich nicht so an, als hätte ich 50 Pfund ausgegeben, sondern eher so, als würde ich 150 Pfund geschenkt bekommen.“

Da wir im Internet zu schnelle Kaufentscheidungen treffen, besteht die Gefahr, dass diese Entscheidungen nicht besonders fundiert sind. Alles liegt wie auf dem Silbertablett zum Kauf bereit und wir umgehen den wichtigen Schritt, Informationen anzusehen und Produkte miteinander zu vergleichen. Wir werden von den Händlern quasi zum Kauf gedrängt.

In einer Studie aus dem Jahre 2014 untersuchte Prof. Rose, ob Frauen anfälliger für Onlineshoppingsucht sind als Männer. „In der Regel machen Frauen auch heute noch eher die Supermarktkäufe, treffen die meisten Entscheidungen, wenn es um Kleidung oder Haushaltsprodukte geht. Deswegen ist es tatsächlich so, dass sie anfälliger sind, shoppingsüchtig zu werden. Einfach, weil sie mehr in den Einkaufsprozess involviert sind und ihr Alltag mehr davon bestimmt wird. Männer tauchen in den Statistiken dafür häufiger auf, wenn es um Glücksspielsucht geht“, erklärt sie.

Ihr Verlobter ist weitaus sparsamer als Grace: „Er weiß, ich kaufe jede Menge Mist, aber er weiß nicht, wie tief ich in den Schulden stecke. Ich bin es, die das Haus will, den guten Fernseher und die teuren Lautsprecher, die schönen Kerzen und die Dekoartikel. Nicht, dass er sich diese Dinge nicht auch wünscht, aber er träumt nicht so sehr davon, wie ich es tue. Er weiß, ihm fehlt das Geld, um sie zu kaufen. In meinem Kopf ist es aber so: Wenn ich Zugang zu Geld bekommen kann, denke ich, ich hätte es auch und könne mir Dinge kaufen.“

Sie glaubt, ein Teil ihres Problems besteht darin, dass sie nicht nur für sich, sondern auch für andere Menschen einkauft. „Wenn ich etwas sehe, dass einem Familienmitglied oder Freund*innen gefallen könnte, kaufe ich es.“ Wenn beispielsweise ihr Verlobter eine neue Jeans braucht, geht sie los und kauft ihm eine, denn sie weiß, dass ihm das Geld dazu fehlt. „Ich verteidige alle Urlaube, die wir zusammen gemacht haben vor mir selber, indem ich mir sage, ich das Einkommen, um sie zu bezahlen. Selbst wenn es eigentlich gar nicht mein Geld ist. Ich will mit meinem Verlobten mal raus für einen Wochenendtrip oder für zwei Wochen in die Sonne. Also bezahle ich dafür“, erzählt Grace.

Es scheint, als sei sich Grace darüber bewusst, dass sie ihr Einkaufsverhalten krankhaft ist. Trotzdem schafft sie es nicht, es zu kontrollieren. „Ich habe zehn Jahre lang in der Finanzbranche gearbeitet, ich weiß schon sehr genau, wie ich diese Dinge handhaben sollte. In meinem Job bin ich für Millionen verantwortlich, die ich bis auf den Penny genau verwalte. Ich bin sehr gut im Umgang mit Zahlen und analysiere Statistiken. Aber wenn ich das mit meinen eigenen Finanzen mache – mir meine Ausgaben ansehe, gegenüberstelle, was reinkommt und was rausgeht, dann hat das für mich persönlich irgendwie keine Bedeutung.“ Obwohl Shoppingsucht noch keine anerkannte eigene Krankheit ist, sind sich die Experten einig, sie sollte wie jede andere Sucht auch behandelt werden. Die Suchttherapeutin Maggie King empfiehlt jedem, der wegen seines Einkaufsverhaltens beunruhigt ist, professionelle Hilfe aufzusuchen.

Grace hingegen glaubt, die kontrollierte Seite ihrer Persönlichkeit sei in der Lage, das Ruder zu übernehmen „und diesen seltsamen Teil meines Gehirns stummzuschalten, der ständig schöne, neue Dinge braucht.“ Dafür wendet sich aktuell eine Art Selbstüberlistung an: Sie hat alle gespeicherten Daten von ihrem Handy und ihrem Computer gelöscht, damit ihre Kreditkartendaten nirgendwo einfach so auftauchen. Außerdem hat sie sich eine neue Kreditkarte besorgt, die sie sofort in einer Schublade verschwinden lassen hat, bevor sie sich die Daten merken konnte. „So habe ich es schon einmal geschafft, weniger Geld auszugeben. Ich kann das wirklich nur empfehlen. Obwohl ich wahrscheinlich die Letzte bin, von der man irgendeinen Rat annehmen sollte.“

*Name wurde von der Redaktion geändert.

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