Warum der Schritt zur Kurzhaarfrisur als dicke Frau schwierig war

Marie Southard Ospina

Als ich die Strähnen auf den grauen Fliesen erblickte, überrollte mich auf einmal eine Welle der Panik. Die Friseurin hatte meine Haare, die gerade noch auf meinen Schultern lagen, auf Höhe meiner Ohren abgeschnitten – und ich wusste, sie war noch lange nicht fertig. Ich hatte gesagt, ich hätte gern eine Kurzhaarfrisur mit rasierten Seiten und einem kurzen Söckchen auf dem Kopf. Ich bin eine dicke Frau und hatte es mir bisher nie erlaubt, mir die Haare so kurz zu schneiden. Obwohl es die Body-Positivity-Bewegung seit Jahren gibt, geistert dieses Ideal von Schönheit immer noch in den Gedanken meines dicken Körpers umher. Werde ich mich mit der Kurzhaarfrisur weniger feminin fühlen? Werden mich die Leute noch gemeiner behandeln, noch wertender? Gefährde ich durch den Schnitt meine weibliche Identität?

Ich weiß nicht mehr genau, wann es geschah, aber irgendwann zwischen Kindheit (als ich realisierte, dass ich meinen “Babyspeck” wohl niemals loswerden würde) und Erwachsenenalter (als ich mich aktiv dazu entschied, Frieden mit meinem Körper zu schließen) verinnerlichte ich die Idee, dicke Frauen müssten hyperfeminin sein. Als ob ein makelloses Make-up oder Vintage-Kleider die Körpergröße ausgleichen müssten oder von ihr ablenken würden. Als ob wir dann als Individuen wahrgenommen werden würden, die sich nicht komplett aufgegeben haben und sich wenigstens ein bisschen Mühe geben, was ihr Äußeres angeht. Wenn wir das machen, werden wir netter behandelt. 

Ich hatte mich in der Vergangenheit schon mal in einen schulterlangen Schnitt reinquatschen lassen und weiß noch genau, wie befreiend sich das damals anfühlte. Als hätte mir jemand eine spürbare Last von den Schultern genommen. Allerdings ging ich mit dieser mittellangen Frisur immer noch auf Nummer sicher. Ich entsprach immer noch dem gängigen Bild von Femininität. Die Leute fühlten sich immer noch wohl in meiner Nähe. Zwar mochten sie mein Gewicht nicht, aber wenigstens meine feminine Lockenfrisur.

Bei meinem neuen Kurzhaarschnitt sah die Sache dagegen anders aus. Zumindest am Anfang. In der Sekunde, in der ich den Rasierer auf meiner Kopfhaut spürte, begann ich zu überlegen, was Femininität für mich bedeutet und ob sie überhaupt wichtig ist. Ich fragte mich, ob ich mich wirklich wohl in meinem Körper fühlte oder ob ich das nur tat, wenn ich mein Gewicht durch mein Styling kompensierte. Ich dachte darüber nach, welche Art von Aufmerksamkeit dafür sorgte, dass ich mich gut fühle und welche mich runterzieht. Wie würden die Reaktionen der anderen aussehen, wenn ich den Salon verlasse und wie würde ich damit gehen?

Auch wenn ich nicht der Meinung bin, dass dicke Frauen und Femmes lange Haare haben müssen, um “salonfähig“ oder schön zu sein, wurde ich genau mit diesem Konstrukt konfrontiert, als ich mich endlich zu einer Kurzhaarfrisur durchgerungen hatte. Eine Freundin, die auf dem Stuhl neben mir saß und sich ebenfalls ihre Locken abschneiden ließ, hatte mich dazu ermutigt, den Schritt zu wagen. Und auch die Idee, mich dem negativen Körperbild, das eventuell doch noch in meinem Kopf herumspukte, zu stellen, ermutigte mich auch. Also saß ich da und beobachte, wie meine Haare auf den Boden fielen. Und da realisierte ich, ich hatte sie all die Jahre als eine Art Schutzschild verwendet – eine Angewohnheit, die viele dicke Frauen haben.

„Während des Studiums habe ich meine Haare so lang wachsen lassen wie nie zu vor. Ich versteckte mich hinter ihnen, weil ich verzweifelt war und mich schlecht fühlte, weil ich die Kilos, die ich durch meine Essstörung verloren hatte, wieder drauf hatte“, erzählt Ragini Nag Rao, eine Plus-Size-Modebloggerin. „Als Kind hatte ich von langen Haaren geträumt, doch jetzt, wo ich sie hatte, benutzte ich sie als Mauer, hinter der ich mich vor der Welt verstecken konnte.“

Viele dicke Frauen und Femmes fühlen sich unter Druck gesetzt, besonders, wenn sie zu mehreren marginalisierten Gruppen gehören. „Ich hatte das Gefühl, meine langen Haare behalten zu müssen“, sagt Plus-Size-Model und Autorin, Lydia Okello. „Als Schwarze, dicke Frau war ich lange der Überzeugung, Begehrtheit würde direkt mit traditionellen Schönheitsidealen zusammenhängen. Lange, gepflegte “gute“ Haare waren da ein ganz großes Thema.“

Ihren ersten Pixie ließ sich Ragini mit 18 schneiden. Sie liebte ihn, weil sie sich durch ihn wie eine Ikone der 60er fühlte. Zwischendurch hatte sie auch immer mal wieder lange Haare, hinter denen sie sich versteckte; manchmal auch unbewusst. „Es ist wie ein Reflex, etwas, das ich mir angeeignet habe, weil ich schon immer dick bin.“ Doch vor ein paar Monaten kam sie an einen Punkt, an dem sie beschloss, ihren exzentrischen Look zu feiern – soziale Akzeptanz hin oder her. „Der Kurzhaarschnitt half mir dabei, meinen Ruf als verrückte, heiße Frau zu festigen“.

Weil ich meine Haare zu meinem Panzer machte, wurden sie irgendwann Teil meiner Identität – was allerdings nicht gerade gut für mich war. Warum? Weil ich dachte, ich würde meine Weiblichkeit und meine Stärke verlieren, wenn ich meine Haare verliere. Tief im Inneren glaubte ich, ich müsste mich noch mehr dummen Kommentaren stellen müssen, sobald ich eine androgynere oder maskulinere Frisur trage – sei es in den sozialen Medien oder im echten Leben. Ich wusste, dass es da draußen ein paar Menschen gibt, die mich nur deshalb akzeptieren, weil ich mir Mühe gebe, süß und fraulich auszusehen. Und ich hatte Angst, in Zukunft noch mehr zur Zielscheibe für fettphobische Kommentare und Blicke zu werden, als ich es ohnehin schon war. Leider war meine Angst begründet. 

Seit ich mir die Haare abschneiden lassen habe, starren mich deutlich mehr Leute an als früher. Sie tuscheln hinter meinem Rücken, nennen mich „fette Schlampe“. Weniger geworden ist dagegen der Male Gaze. Ich werde also entweder dumm angeglotzt oder aber komplett ignoriert. Beides kann sehr verletzend sein. 

Ratnadevi Manokaran hat ähnliche Erfahrungen gemacht. Die Plus-Size-Influencerin und Mitgründerin des Modelabels The Curve Cult hat sich ihren Kopf im Alter von 23 Jahren rasiert. Damals empfand sie das als extrem befreiend. Doch je älter sie wurde, desto bewusster wurde ihr: Frauen – und besonders dicke Frauen – werden von vielen Männern gar nicht mehr beachtet, sobald sie sich die Haare abschneiden. 

Obwohl wir in einer vermeintlich modernen Welt leben, wurde vielen von uns beigebracht, die Aufmerksamkeit der Männer sei etwas Erstrebenswertes. Ratnadevi hatte beispielsweise lange das Gefühl, sich auf eine bestimmte Art und Weise verhalten und präsentieren zu müssen, um Männern zu gefallen. „Als ich mich für eine Kurzhaarfrisur entschied, war das, als würde ich damit sagen, ich hätte kein Interesse mehr daran, dass Männer mich attraktiv finden. Erst später wurde mir bewusst, dass ich die Entscheidung, zum Friseur zu gehen, für mich getroffen hatte – und nicht damit andere mich akzeptieren.“

Am Ende des Tages bin ich der festen Überzeugung, dass es gut ist, den eigenen Panzer abzulegen. Viele hinterfragen die Mauer, die sie selbst um sich gebaut haben, irgendwann nicht mehr. Dadurch vergessen sie letztendlich ihren eigenen Wert. Und wenn wir unseren Selbstwert nicht mehr kennen, fällt es unter Umständen schwer, Grenzen zu setzen, toxische Freundschaften zu erkennen und zu beenden, Nein zu sagen und für das zu kämpfen, was wir verdienen. Außerdem akzeptieren wir es dann schneller, wenn uns andere (oder wir selbst!) schlecht behandeln.

Vielleicht klingt das so, als würde ich etwas zu viel in einen einfachen Haarschnitt interpretieren. Keineswegs möchte ich behaupten, dass es lediglich eine Kurzhaarfrisur braucht und zack! hast du mehr Selbstwertgefühl. Doch sie kann ein Anfang sein, wie auch Okello findet: „Ich habe mich nie so schön gefühlt wie mit kurzen Haaren. Es gibt nichts mehr, hinter dem ich mich verstecken kann und nichts mehr, das ich verstecken müsste“.

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