Selbstständig, gerade 30, große Pläne – und schwanger: Was ich in dieser Zeit gelernt habe

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Selbstständig, weiblich, gerade 30, große Pläne: Während viele in meinem Alter darunter vor allem Kinder verstehen, war ich von der Idee so weit weg wie der Mond vom Mars. Mein Kopf war voll mit Startup gründen, Team aufbauen, Welt bereisen. Bis zum Mai 2021: Der Elektriker bohrte in der Küche, mein Freund gab Anweisungen – und ich starrte im Badezimmer auf den Schwangerschaftstest. Hießen die Striche "Baby"? Oder war das Ding kaputt? Mein Freund holte drei weitere Streifen, und die bestätigten: Ab jetzt wird alles anders! Jetzt, wenige Tage vor dem errechneten Geburtstermin, halte ich inne: Was habe ich in der Schwangerschaft gelernt? Über mich, übers Business – und den Umgang mit Situationen, auf die kein Buch der Welt vorbereitet?

Erkenntnis 1: Wer im kalten Wasser landet, lernt alleine zu schwimmen

Von Nachfragen, ob ich “eine Beleghebamme habe” bis hin zur Position der Plazenta: In vielen Fällen musste ich googeln, warum das überhaupt relevant sein soll. Die ersten drei Monate waren nicht nur geprägt von einer hormonellen Achterbahn, sondern fühlten sich obendrein an wie ein neuer Studiengang: alles aufregend, hundert neue Vokabeln – und um mich herum Frauen, die wissensmäßig schon vier Semester weiter schienen. Ganz einfach, weil sie ab Tag eins entsprechende Literatur verschlangen.

Hatte ich in den ersten Wochen als angehende Mutter schon versagt? Muss man sowas als Frau nicht zwangsläufig wissen? Rückblickend habe ich verstanden, dass mich angelernte Theorie nicht automatisch zur besseren Mutter machen wird. Vielmehr gilt es darauf zu vertrauen, dass wir die richtigen Fragen zum richtigen Zeitpunkt stellen und die Antworten darauf intuitiv entdecken. Ähnlich im Job: Grandiose Theoretiker sind nicht unbedingt erfolgreiche Unternehmer. Und wer viele Bücher liest, "performt" nicht automatisch besser im Daily Business.

Erkenntnis 2: 99 Prozent der Sorgen sind nicht unsere, und sollten es nicht werden

Es gibt eine Sache, vor der sich wohl kaum eine Schwangere schützen kann: Gut gemeinte Ratschläge von anderen. Sei es vom Umgang mit Corona bis hin zu Reisen ins Ausland. Jeder weiß es besser, oder hat mindestens eine Meinung dazu. Insbesondere Horror-Storys zur Entbindung stehen hoch im Kurs der ""ungefragten Aussagen" und haben in meinem Fall bereits als Teenager dafür gesorgt, dass ich regelrechte Angst davor hatte, überhaupt schwanger zu werden.

Was ich inzwischen gelernt habe: Der einzige Weg sich vor der Panik anderer zu schützen, ist eine gewisse Portion Ignoranz und Humor. Hätte ich denen nämlich geglaubt, wäre "das letzte Trimester einfach nur anstrengend gewesen" (war es nicht), hätte ich mir unbegründet Sorgen um Schlaflosigkeit gemacht (habe selten besser geschlafen) oder hätte "mich während der Pandemie völlig isoliert" (die letzten Wochen in Gesellschaft waren ein Segen). Kurzum: Hätte ich denen geglaubt, wäre meine Schwangerschaft deutlich stressiger gewesen – und das auch noch völlig zu Unrecht!

Auch hier gibt’s Parallelen zum Business: Wer sich vor einer Gründung nur über Risiken und Nebenwirkungen Gedanken macht und sich über negative Erfahrung anderer definiert, wird diesen Schritt mit Sicherheit erst gar nicht wagen. Nicht umsonst hat Bestseller-Autor und Motivationstrainer Dale Carnegie ("Sorge dich nicht – lebe!") schon in den 1940ern festgestellt, "dass 99 Prozent aller Dinge, über die ich mir Sorgen machte oder vor denen ich Angst hatte, nie passierten."

Erkenntnis 3: Alte Rollenmuster sind präsenter, als wir glauben

Es war und ist bis heute ein subtiler innerer Konflikt: Wie viel Mama bin ich ab sofort, und wie viel Job "darf" sein? Wenn ich auf die vergangenen neun Monate zurückschaue, waren diese neben grenzenloser Vorfreude auf das Baby vor allem geprägt von viel Arbeit: Das Erste, das ich in Angriff genommen hatte, war das Aufstellen eines Business-Plans für die kommenden 24 Monate. Darauf folgten der Launch meiner Storytelling-Kohorte für Startups, Vorträge quer durch Deutschland und Podcast-Interviews im Akkord. Damit nicht genug, war ich omnipräsent in sozialen Netzwerken und feierte Premiere als Business-Angel.

Weil mich all das als werdende Mama aus der Komfortzone holte, schrieb ich zum Jahresrückblick einen Post darüber auf LinkedIn – der sogar viral ging. Neben überwiegend positiven Reaktionen überraschten mich dennoch einige Kommentare wie "Solltest du dich nicht lieber auf dein Kind konzentrieren, statt nur ans Business zu denken?", oder "Ich finde es übertrieben und selbstdarstellerisch zu so einer intimen Zeit wie der Schwangerschaft über das Geschäft zu schreiben." Interessant dabei: Solche Sätze kamen nie von Frauen. Für die ist es offenbar klar, dass wir als Mütter unsere Kinder lieben können – und gleichzeitig unseren Job.

Erkenntnis 4: Zeit hat man nur, wenn man sie sich nimmt


Als Selbstständige in den Mutterschutz gehen, ist eine Sache. Diesen auch ernst zu nehmen, eine andere. Während im zweiten Trimester die Startup-Maschinerie pausenlos auf Hochtouren lief, sehnte ich mir gegen Ende nur noch das Ziel herbei: Füße hochlegen, Bauch streicheln, stundenlang spazieren, die letzten Wochen genießen. Klingt so verlockend und wird doch völlig unterschätzt: Denn Nichtstun wurde plötzlich zur Herausforderung. Je näher der Entbindungstermin rückte, desto länger wurde die To-do-Liste.

Manchmal hatte ich das Gefühl, ich stehe jeden Morgen auf, absolviere im Akkord Dinge, gehe ins Bett, stehe wieder auf. Um am nächsten Tag wieder von vorne anzufangen. Dabei realisierte ich etwas Entscheidendes im Leben: Das Problem war nicht der Mangel an Zeit, den ich habe, sondern die Erlaubnis an Freiheit, die ich mir selbst gab, diese auch zu genießen. Obwohl ich keine Deadlines mehr hatte und theoretisch "frei" war, gelang es mir nicht, nicht produktiv zu sein. Im Umkehrschluss bedeutet das allerdings auch: Wenn wir in der Lage sind, zu genießen und Pausen zu machen, spielen die Umstände keine Rolle. Um zu genießen, um abzuschalten und zu sein, müssen wir nicht schwanger werden, in den Mutterschutz gehen oder ein halbes Jahr Sabbatical nehmen. Zeit hat man nur, wenn man sie sich nimmt.

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