Shitstorm für Alyssa Milano: Wenn moralische Entrüstung der eigenen Sache schadet

Alyssa Milano erntete einen Shitstorm. (Bild: Getty Images)

Schauspielerin Alyssa Milano hat es gewagt, Empathie zu zeigen – und wurde prompt dafür abgestraft. Wie kann das sein?

Eine Kolumne von Carlos Corbelle

Alles begann mit einem Tweet: “Meine Transgender-Schwestern! An diesem Weltfrauentag feiere ich EUCH!”, schrieb Milano am besagten Weltfrauentag. Als sie kurz darauf von einem Twitter-User namens Kirk gefragt wurde, ob sie selbst Transgender sei, antwortete sie: “Ich bin Trans. Ich bin eine Person of Color. Ich bin eine Immigrantin. Ich bin lesbisch. Ich bin ein schwuler Mann. Ich bin Invalide. Ich bin alles. Und das bist du auch, Kirk. Hab keine Angst vor dem, was du nicht weißt oder verstehst. Niemand will dich verletzen. Wir sehnen uns alle einfach nur nach unserem persönlichen Glück.”

Was folgte, war ein Shitstorm zahlreicher User, die Milano in erster Linie dafür anprangerten, Attribute diskriminierter Gruppen für sich in Anspruch zu nehmen, zu denen sie gar nicht gehört. Dabei kam die Kritik ausgerechnet von Leuten, die in der Sache derselben Meinung wie Milano sind, denen es also auch um Gleichberechtigung und ein Ende jedweder Diskriminierung geht. Die Schauspielerin, die sich immer wieder lautstark für Equality einsetzt, wollte sich mit ihren Tweets offensichtlich solidarisch zeigen und betonen, dass es uns alle angeht, wenn Menschen diskriminiert werden – ganz gleich, ob wir zur Gruppe der Diskriminierten gehören oder nicht.

Dennoch entschuldigte sich Milano in den folgenden Tagen MEHRMALS per Twitter bei denjenigen, die sie mit ihren Worten verletzt haben könnte. Weil sie gleichzeitig ihren Standpunkt weiterhin verteidigte, nahm der digitale Spießrutenlauf jedoch trotzdem kein Ende, jede weitere Rechtfertigung Milanos – die nicht müde wurde zu betonen, dass es ihr bloß um eine Solidaritätsbekundung und nicht etwa um eine Vereinnahmung ging – wurde gegen sie verwendet.

An wen die Worte eigentlich gerichtet waren

Natürlich muss überall dort, wo der tatsächliche Versuch einer Vereinnahmung marginalisierter Gruppen stattfindet, Kritik geübt werden. Die moralische Entrüstung angesichts eines rhetorischen Stilmittels, das ganz offensichtlich nicht wörtlich gemeint ist, sondern ein Ausdruck von Empathie sein soll, richtet sich hier jedoch gegen die falsche Person.

Was dagegen übersehen oder ignoriert wurde – übrigens nicht nur von den Twitter-Usern, sondern auch von einigen US-Medien, die sich ebenfalls über Milano empört haben – ist derjenige, an den die viel kritisierten Worte der Schauspielerin zunächst gerichtet waren. Besagter User Kirk, der sie nach ihrem Weltfrauentag-Tweet fragte, ob sie denn auch Transgender sei, stänkert auf seinem Twitter-Account gerne mal gegen offene Grenzen, doppelte Staatsbürgerschaft und vergleicht die politische Linke der USA mit den Nazis. Mit derlei Statements gilt es, sich auseinanderzusetzen. Solchen Leuten muss man mit starken Worten entgegentreten. So wie es auch Alyssa Milano versucht hat.

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