Ist es sicher, dich selbst zu piercen? Wir haben zwei Profis gefragt

Jacqueline Kilikita
·Lesedauer: 7 Min.

Unser Leben wirkt gerade so unberechenbar wie vielleicht nie zuvor. Der Lockdown scheint kein Ende zu nehmen – und um zumindest in irgendeinem Lebensbereich das Gefühl zu bekommen, alles selbst unter Kontrolle zu haben, experimentieren einige von uns gerade zu Hause mit ihrem Aussehen. DIY-Haarschnitte oder -farben, bunte Nageltrends, Tattoo-Pläne für später: Weil die entsprechenden Studios und Salons derzeit geschlossen sind, verlagern sich viele dieser Beauty-Rituale eben ins eigene Zuhause. Und während „Do it yourself“ natürlich eine tolle Idee ist, wenn’s ums Basteln oder Umgestalten der Wohnung geht, kann das Konzept ganz schnell schief gehen, wenn es am eigenen Körper angewandt wird. Besonders beliebt in dieser Kategorie momentan: DIY-Piercings, meist in Form von Piercing-Kits für zu Hause.

Wir haben mit Megan Catherall über diesen schmerzhaften Pandemie-Trend gesprochen, die seit über acht Jahren als Piercerin arbeitet. „Diese Körperverschönerung gibt uns ein gutes Gefühl“, erklärt sie. „Noch dazu ist sie etwas, worüber wir selbst bestimmen können, während uns andere Entscheidungen momentan abgenommen werden. Dich selbst zu piercen, ist aber sehr riskant. Du kannst dir dabei echten Schaden zufügen“, warnt sie.

Was sind DIY-Piercing-Kits und wie funktionieren sie?

Eine schnelle Googlesuche spuckt direkt Hunderte DIY-Ohren- und Nasen-Piercing-Geräte für zu Hause aus. Dazu zählen zum Beispiel kleine Ohrlochpistolen, die das Ohr mit nur einem Klick durchlöchern, und jede Menge Nadeln in verschiedenen Größen, abhängig von der jeweiligen Körperstelle. Diese Tools sind meistens ziemlich günstig; manche Pistolen kosten unter fünf Euro. Kombiniert mit der Lockdown-Langeweile ist es da kein Wunder, dass diese DIY-Kits gerade weggehen wie warme Semmeln. Dabei überwiegen die Risiken und Gefahren aber gegenüber jedem noch so süßen neuen Ohrstecker.

Wieso sind DIY-Piercings so gefährlich?

„Diese Online-Kits (in denen manchmal auch Desinfektionstücher und Wattepads enthalten sind) stellen das Piercen so harmlos dar, als könnte dabei gar nichts schiefgehen“, kritisiert Megan. „Meiner Erfahrung nach ist das aber überhaupt nicht der Fall.“ Vor allem die Piercing-Pistolen können viel Schaden anrichten, meint sie. „Die Stecker, die bei Mini-Pistolen normalerweise zum Einsatz kommen, sind meistens minderwertig und stumpf. Dasselbe gilt übrigens auch für größere, wiederverwendbare Pistolen“, erklärt Megan. „Wenn diese Stecker mit hoher Geschwindigkeit durch das Ohr geschossen werden, ist das eine stumpfe Gewalteinwirkung – das heißt, dass das Piercing nicht richtig heilen und vermutlich sehr lange wehtun wird.“ Und das ist wohl das Letzte, was du dir wünschst, während die Arztpraxen und Krankenhäuser ohnehin schon überlastet sind.

Auch Lola Slider stimmt Megan zu. Sie ist ebenfalls Piercerin und zusätzlich Mitglied der britischen Association of Professional Piercers. Lola vergleicht Piercing-Pistolen mit einem Büro-Tacker – sowohl in Hinsicht auf ihre Funktionalität und Hygiene, als auch auf die Ergebnisse. „Wenn du dich mit einer Pistole pierct oder piercen lässt, sorgt das für eine größere Wunde und damit auch für mehr Narbengewebe“, erklärt sie. „Das bedeutet konkret: stärkere Schmerzen, vermutlich auch Quetschungen und Blutungen. Lässt du dir einen Stecker ins Ohr schießen, der dann dort bleibt – im Gegensatz zum Piercen mit einer hochwertigen Einweg-Piercing-Nadel –, werden dabei Hautzellen von außen mit dem Stecker in die Wunde hineingezogen. Dort bleiben sie dann. Das heißt, dass dein Körper, bevor er mit der Heilung anfangen kann, erst einmal damit beschäftigt ist, diese toten Zellen abzustoßen, die dort nicht hingehören. Das sorgt dann wiederum für weitere Entzündungen.“

Und selbst, wenn das Schmuckstück diesen Schuss überlebt, sorgt der minderwertige Stecker, der meist in diesen Piercing-Kits enthalten ist, für weitere Irritation, warnt Megan. „Diese Stecker sind meist eine Kombination aus billigem Metall und sogenannten Schmetterlingsverschlüssen. Die liegen aber meist zu eng an und sind echte Bakterienfänger“, sagt sie. Und Lola ergänzt: „Insgesamt sind diese Pistolen ein echtes No-Go. In meinem Studio verwenden wir sie gar nicht – zu Hause haben sie also erst recht nichts zu suchen.“ Besonders interessant findet sie diesen Fakt: „Die meisten Leute geben offen zu, dass sie sich niemals den Nippel oder Bauchnabel mit einer Pistole piercen lassen würden, aber am Ohrläppchen oder der Nase fänden sie das okay. Die frage ich dann immer: Warum glaubst du, dein Bauchnabel oder Nippel könnte sich entzünden, aber deine Ohren oder Nase nicht? Warum sind dir diese Körperteile weniger wichtig?“

Und wie gefährlich ist das DIY-Piercen mit einer Nadel?

„Selbst mit einer Nadel ist das DIY-Piercing zu Hause keine gute Idee. Dafür gibt es einige Gründe“, sagt Megan. „Erstens: Wir bekommen unsere Profi-Nadeln von speziellen Zulieferern; daher sind Qualität und Funktionalität dabei garantiert. Dasselbe lässt sich von privaten Bestellungen aber nicht behaupten. Zweitens: Es ist total egal, wie reinlich du bist – deine Küche oder dein Bad können in Sachen Hygiene nicht mit einem Piercingstudio mithalten. Wir haben spezielles Reinigungs-Equipment, benutzen Handschuhe und haben gelernt, wie wir Entzündungen vorbeugen, um dich zu schützen.“

Um es kurz zu sagen: Zu Hause wird schnell mal gepfuscht – ob mit Absicht oder nicht. Das bestätigt auch Lola. „Als professionelle Piercerin weiß ich genau, wie viel Mühe ein sauberer Piercing-Arbeitsplatz erfordert. Alle Oberflächen müssen nach jedem Eingriff mit medizinischem Desinfektionsmittel gereinigt werden; nach jedem Körperkontakt zu Kund:innen müssen die Hände gewaschen (nicht desinfiziert) werden; und bei jedem Termin kommen mehrere Handschuhe zum Einsatz, um eine Kreuzkontamination zu verhindern.“ Sie fährt fort: „Alles, was Hautkontakt hat – zum Beispiel Werkzeuge zum Markieren der Piercingstelle –, darf nur einmal verwendet werden und sollte im Idealfall steril sein. Und all das, bevor die sterile Einwegnadel und der hochwertige Schmuck auch nur in die Nähe der Kund:innen kommen!“ In anderen Worten: Es ist wahnsinnig schwierig, dasselbe Hygienelevel zu Hause zu gewährleisten, ganz egal, wie sauber deine Wohnung ist.

Mal ganz davon abgesehen, dass nur ein:e Profi-Piercer:in weiß, wie Entzündungen und Narbenbildung effektiv vorgebeugt werden kann, lernt er:sie auch alles über die richtige Position des Piercings – und da kann mehr schief gehen, als du vielleicht denkst. „Es ist ganz egal, wie viele Videos du dir dazu ansiehst oder wie oft du selbst schon gepierct wurdest: Wenn du nicht genau weißt, was du da tust, kann so viel falsch laufen“, betont Megan. „Vor allem wissen Profis, ob deine Anatomie für dein Wunschpiercing überhaupt geeignet ist. Sie wissen, wo zum Beispiel Venen oder Knorpel verlaufen, die beim Piercen auf jeden Fall gemieden werden sollten. Sie wissen außerdem, wie tief sie mit der Nadel in die Haut gehen können und welche Steckergröße du brauchst.“ Und all das ist nicht trivial, wenn du ein Piercing haben möchtest, das nicht nur schön aussieht, sondern auch schnell verheilt.

Wie behandelt man ein entzündetes Piercing?

Megans oberste Regel ist simpel: Erlaub dir dabei kein eigenes Urteil. Wenn du dir Sorgen darum machst, wie dein Piercing aussieht oder sich anfühlt, solltest du dir auf jeden Fall eine professionelle Meinung einholen. „Wenn die Stelle entzündet ist, geh damit zu deinem Arzt oder deiner Ärztin, um dir Antibiotika verschreiben zu lassen“, rät Megan. „In dem Fall würde ich dir außerdem raten, den Schmuck nicht zu entfernen; die Entzündung kann sonst unter der Haut ‚gefangen‘ bleiben. Damit das Piercing gut verheilt, solltest du die Stelle zweimal am Tag mit einer Salzlösung reinigen.“ Zu dem Zweck mischt sich Megan gern eine eigene Lösung: Sie gibt 1/4 Teelöffel Salz in eine halbe Tasse kochendes Wasser. „Nimm dir ein sauberes Wattestäbchen, tunke ein Ende ins Wasser und streiche damit um dein Piercing herum, bevor du es mit der trockenen Seite abtrocknest. Dasselbe machst du dann auf der anderen Seite des Piercings mit einem neuen Wattestäbchen“, erklärt sie.

Insgesamt sind sich Piercing-Expert:innen aber vor allem in einem Ratschlag einig: So verlockend es im Lockdown auch sein mag, dich selbst zu piercen – bitte tu es nicht. „Ich habe schon selbst gesehen, was diese Kits für Schäden und Schmerz anrichten können“, seufzt Megan. „Wenn du also überlegst, ob du es machen solltest, sage ich dir: Tu’s nicht. Ich weiß, das ist frustrierend – vor allem jetzt, wo Piercing-Studios geschlossen sind –, aber wenn du dir nach der Pandemie ein schönes, gesundes Piercing stechen lässt, wirst du so froh darüber sein, damit gewartet zu haben.“ Und diese Freude teilen dann übrigens auch deine Piercer:innen, die sich wie Friseur:innen und Tätowierer:innen schon darauf freuen, endlich wieder arbeiten zu dürfen.

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