Sido macht Nasenspraysucht öffentlich: Das sagt ein HNO-Arzt zu den Gefahren und Alternativen

Ann-Catherin Karg
Freie Journalistin

Ist bei Schnupfen und Erkältung die Nase dicht, greifen viele Menschen zu Nasenspray. Länger als eine Woche am Stück sollte man es nicht benutzen, sonst droht eine Abhängigkeit, wie sie gerade der Rapper Sido bekannt gemacht hat. Im Gegensatz zu anderen Süchten wie Drogen oder Alkohol klingt das harmlos, kann aber durchaus ernste Folgen haben.

Seit 15 Jahren greift Sido immer wieder zu Nasenspray - mit dieser Sucht ist der Rapper nicht allein. (Bild: Getty Images)

Der Rapper Sido ist süchtig nach Nasenspray. Schon seit 15 Jahren greift der 39-Jährige mehrfach täglich zu dem Medikament, wie er in einer Instagram-Story mitteilte. Damit ist er nicht allein: Groben Schätzungen zufolge greifen in Deutschland etwa 100.000 Menschen pro Jahr regelmäßig zu Nasensprays und das völlig unabhängig davon, ob sie aktuell erkältet sind oder nicht. Dr. Michael E. Deeg, HNO-Arzt und Pressesprecher des Deutschen Bundesverbands der Hals-Nasen-Ohren-Ärzte e.V., schätzt die Dunkelziffer als enorm hoch ein und trifft in seiner Praxis regelmäßig auf Menschen, die Nasensprays teilweise schon seit Jahren täglich benutzen.

Langfristig schwillt die Nasenschleimhaut durch die Sprays an

"Normalerweise sollte man ein abschwellendes Nasenspray nicht länger als eine Woche anwenden", sagt der Mediziner gegenüber Yahoo Style. Bei einem längeren Zeitraum besteht das Risiko der Gewöhnung an die Sprays, die laut dem Arzt "bei weitem nicht so harmlos sind, wie viele Menschen meinen", und die seiner Meinung nach auch nicht frei verkäuflich sein sollten.

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Denn die Sprays lösen nach einer Weile einen Gewöhnungseffekt aus, der dafür sorgt, dass die Nasenschleimhaut, die durch die Sprays zunächst abschwillt, langfristig reaktiv anschwillt. Folglich tendieren die Konsumenten dazu, die Sprays immer häufiger anzuwenden, um genug Luft durch die Nase zu bekommen.

Welche Schäden kann eine zu lange Anwendung verursachen?

Nach längerer Anwendungsdauer trocknet die Nasenschleimhaut aus und ist gereizt. "Manche Menschen finden schon nach einer Woche mit Nasenspray nach dem Schnäuzen Blut im Taschentuch", sagt Dr. Deeg. "Bei jahrelangem Missbrauch kann es sein, dass die Nasenschleimhaut erheblichen und dauerhaften Schaden nimmt."

Von einer Atrophie spricht man, wenn die Schleimhaut sehr dünn geworden ist und die Flimmerhärchen auf der Oberfläche kaputt gegangen sind. In der Nase kann dann kein Sekrettransport mehr stattfinden, der Schleim bleibt in der Nase liegen, trocknet aus, es bilden sich Krusten und Verborkungen. Im schlimmsten Fall, der aber sehr selten eintritt, kann das zu einer sogenannten Stinknase führen. Eine laut Dr. Deeg "atrophische Form der Schleimhauterkrankung der Nase, wo durch zusätzliche bakterielle entzündliche Prozesse Zersetzungsprodukte auftreten, die einen üblen Geruch verursachen. Man selbst merkt das nach einer Weile nicht mehr, aber die Umwelt merkt das, das ist wirklich unangenehm." Die entzündlichen Prozesse ließen sich zwar behandeln, eine kaputte Schleimhaut aber nicht mehr vollständig intakt setzen.

Eine mittelbare Folge der Atrophie kann auch ein Defekt in der Nasenscheidewand sein. Entfernt jemand immer wieder selbständig Krusten in der Nase, können dadurch Löcher entstehen, die dann operativ wieder verschlossen werden müssen.

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Nach längerer Anwendung kann das Nasenspray genau das Gegenteil bewirken: die Schleimhäute schwellen an. (Bild: Getty Images)

Was kann man gegen die Sucht tun?

Wer sich das Nasenspray nach nicht allzu langer Sucht endgültig abgewöhnen will, kann es einfach weglassen. Ein bis zwei Wochen müsse man trotz des sehr unangenehmen Gefühls durch die geschwollenen Schleimhäute durchhalten, sagt Dr. Deeg, dann sei die Sache ausgestanden. Ansonsten sollte man die Dosis zunächst reduzieren, indem man weniger häufig sprüht und zu niedrigeren Konzentrationen zum Beispiel in Kindernasensprays greift. Parallel kann man auch ein Cortisonnasenspray mit leichter Abschwellwirkung anwenden.

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Was sind sinnvolle Alternativen?

Alle abschwellenden Nasensprays enthalten im Prinzip dieselben Wirkstoffe und haben dasselbe Potenzial, auf Dauer zu Gewöhnung zu führen und die Schleimhaut zu schädigen. Wer einen akuten Infekt hat, der nach einer Woche meistens so weit im Griff sein sollte, dass man das Spray dann wieder absetzen kann, kann natürlich trotzdem zu einem abschwellenden Spray greifen. Als Alternativen nennt Dr. Deeg Cortison-haltige Nasensprays, saline Nasensprays oder Nasenduschen, die ebenfalls mit Salzlösungen durchgeführt werden.