Istanbul: Dieses bewegende Kunstwerk ist ein Aufschrei gegen Femizid

Angelika Zahn
Freie Journalistin

Sie werden oft vertuscht und verharmlost: Deshalb will Vahit Tuna mit seiner Kunst auf die Frauenmorde in der Türkei aufmerksam machen.

Dieses Kunstwerk prangert Frauenmorde in Istanbul an (Bild: Getty Images)

440 Paar schwarze Damenschuhe, an die Wände zweier Hochhäuser im quirligen Stadtteil Kabatas geheftet, bringen derzeit Passanten in Istanbul zum Stehenbleiben und Innehalten. Hinter der Aktion, die ein halbes Jahr lang zu sehen sein wird, steckt der Künstler Vahit Tuna, der damit auf Gewalt gegen Frauen in der Türkei hinweisen will. Denn die Zahlen sind erschreckend: Mindestens 440 Frauen sind im Jahr 2018 von Männern ermordet worden ­– für jede von ihnen steht ein Paar der Schuhe. Und das sind nur die offiziell veröffentlichten Daten: Die Dunkelziffer dürfte sehr viel höher sein.

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Die Organisation “Terre des Femmes-Menschenrechte für die Frau“ prangert an, dass Frauenmorde, sogenannte Femizide, in der Türkei immer noch verheimlicht oder fälschlicherweise als Suizid bezeichnet werden. Diesen namenlosen, ermordeten Frauen, von denen die Öffentlichkeit nichts weiß, möchte Vahit Tuna mit seinem Kunstwerk posthum eine Bühne geben. “Isimsiz“ (“Namenlos“) hat er seine Schuh-Installation genannt, mit der er aufrütteln möchte: Im Interview mit der türkischen Zeitung T24 sagte er, er wolle die Menschen für das Thema sensibilisieren.

“Istanbul Konvention“ wird nicht eingehalten

Eigentlich ratifizierte die türkische Regierung ja bereits im Jahr 2014 die sogenannte “Istanbul Konvention“, ein “Übereinkommen des Europarats zur Verhütung und zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen und häusliche Gewalt“. Insgesamt 33 Staaten haben das Dokument unterschrieben, darunter auch die Türkei.

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Allerdings hapert es gewaltig an der Umsetzung: “Um den Verpflichtungen des Abkommens nachzukommen, fehlt es der Regierung an Willen. Es gibt innerhalb der Regierung Kräfte, die die Gleichstellung der Geschlechter nicht akzeptieren und daher Druck machen", kritisiert Frauenrechtlerin Sehnaz Kiymaz Bahceci in einem Interview mit der “Deutschen Welle”.

Eine Tatsache, die sich türkische Aktivistinnen nicht länger gefallen lassen wollen. Nach der Ermordung von Emine Bulut, die von ihrem Ex-Mann vor den Augen ihrer Tochter in aller Öffentlichkeit niedergemetzelt worden war, protestierten Frauen in vielen Städten in der Türkei mit den Worten “Ich will nicht sterben!“. Das waren die letzten Worte der jungen Frau, die in dem Video, das ihren Tod zeigt, zu hören waren und das im August 2019 auf Twitter für Entsetzen sorgte.

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