So fühlt es sich an, als dicke Frau ungeschminkt aus dem Haus zu gehen

Marie Southard Ospina

Ich sah sie, noch bevor sie mich gesehen hatten. Die Jungs auf der anderen Straßenseite. Als einer von ihnen einen Blick zu mir warf, begann mein kleiner Spießrutenlauf: Er stupste seinen Kumpel an und deutete mit dem Finger auf mich. Sie waren insgesamt zu sechst und allesamt wahrscheinlich noch Schüler. In diesem Moment fühlte ich mich nur noch bloß gestellt. Natürlich falle ich dank meinen 125 Kilogramm überall auf. Ich bin die Blicke anderer gewohnt. Aber an diesem Tag hätte ich mich am liebsten in irgendeiner Ecke verkrochen, bis die Jungs weggegangen wären. Dass ich mich so fühlte, lag an meinem Aussehen – da bin ich mir sicher. Ich hatte nur Leggings, Gummistiefel und einen dicken Mantel an. Und ich war ungeschminkt.

Das erste „Muh“ hörte ich, als ich zu ihrer Straßenseite gewechselt war. Es gab für mich keine Möglichkeit, ihnen aus dem Weg zu gehen. Irgendwann versuchte ich einfach, etwas schneller zu laufen und da hörte ich noch mehr “Muhs“ aus ihrer Ecke. Ihre Rufe wurden mit jedem Schritt von mir lauter und lauter… bis sie letztendlich in Gelächter ausbrachen. Selbst als ich mich in einen Shop rettete, konnte ich ihr Lachen noch hören.

Die meisten sichtbar dicken Menschen wurden schon mindestens einmal in ihrem Leben auf der Straße belästigt. Einige Leute nennen uns „fette Schlampe“, wenn wir angeblich zu viel vom Fußgängerweg für uns beanspruchen. Andere machen Grunzgeräusche, wenn sie mit dem Auto an uns vorbeifahren. Dicke mit Bauernhoftieren zu vergleichen, ist anscheinend immer noch ein richtiger Schenkelklopfer – ist ja egal, dass das nicht besonders originell ist…

Doch dann gibt es auch noch diejenigen, für die eine verbale Belästigung nicht ausreichend erscheint. Sie zeigen ihren Hass gegen Menschen wie mich mit vollem Körpereinsatz. Dabei ist sich an mich vorbeizudrängen und mich zu schubsen noch eher harmlos. Doch bei all der Schikane auf der Straße ist mir persönlich eine Sache aufgefallen: Ich werde seltener belästigt, wenn ich mir augenscheinlich Mühe mit meinem Aussehen gegeben habe.

Auch wenn ich knallroten Lippenstift oder eine dicke Schicht Foundation trage, ist mein Gesicht immer noch fett.

Ähnlich wie unsere Kleidung oder Haare, wirkt auch das Make-up als Schutzpanzer. Eine ästhetische Barriere, die dafür sorgt, dass wir uns selbstsicher und geborgen fühlen. Aber Fakt ist doch: Auch wenn ich knallroten Lippenstift trage oder mir eine dicke Schicht Foundation aufmale, ist mein Gesicht immer noch fett. Der Unterschied ist lediglich, diese Art von Fett ist angenehmer für die Gesellschaft. Sie vermittelt anderen, ich nehme mir die Zeit, mich hübsch zu machen, um etwas mehr wie die zu sein, die mich sonst als “fette Schlampe“ bezeichnen oder anmerken würden, dass ich mich “gehen lasse“. Für sie gebe ich mir Mühe. Ich halte mich an die gesellschaftlichen Schönheitsideale. Na ja, zumindest zum Teil.

Mit diesem Bewusstsein über die Welt in der wir Leben, habe ich beschlossen, ein Selbstexperiment zu starten. Ich wollte zwei Wochen lang ungeschminkt bleiben und sehen, wie die Menschen auf mich reagieren werden (und als zweifache Mutter war Make-up für mich sowieso schon immer ein zeitfressender Faktor). Nach diesen zwei Wochen konnte ich eine klare Bilanz ziehen: Ich wurde viel öfter von Menschen auf der Straße blöd angemacht oder beleidigt.

Für einige Leute ist es völlig normal, andere aufgrund ihres Körpergewichts zu beleidigen.

Zuerst hatte ich diesen Vorfall mit den Teenies auf der Straße. Ein paar Tage später ging ich mit meiner Tochter in den Park. Und während ich mit ihr auf einem Fußballfeld spielte, lief ein Mann an mir vorbei und nannte mich dabei einfach mal eine „fette Kuh“. Und noch ein paar Tage später, in einer Bar, beschimpfte mich eine Frau als „Fettsack“, weil sie gegen meinen Hintern gestoßen ist. Auch die Leute, die mich persönlich kennen und denen ich wichtig bin, fragten mich, ob es mir denn gut ginge, da ich so müde und ausgelaugt aussehe – und das, nur weil ich kein Make-up drauf hatte. 

Natürlich hätten all diese Vorfälle auch geschminkt passieren können. So ist das nunmal mit dem Fat-Shaming. Für einige Leute ist es völlig normal, andere aufgrund ihres Körpergewichts zu beleidigen. Aber es ist schon krass, wie häufig ich solche Sprüche während meines Experiments zu hören bekam. Die Gesellschaft teilt uns Dicke in zwei Kategorien: die guten und die schlechten Fetties. Die guten zeigen, dass sie abnehmen wollen. Vielleicht posten sie ein Foto aus dem Gym oder erklären jedem, dass sie gerade eine neue Diät versuchen. Manchmal zeigen sie das auch, indem sie sich besonders viel Mühe mit ihrem Aussehen geben, nur damit sie nicht als hässlich, undiszipliniert oder schluderig gesehen werden.

Natürlich sollten Menschen wie ich versuchen, gegen die Fettphobie Stellung zu beziehen. Aber in erster Linie müssen wir uns um uns selbst und unsere Psyche kümmern. Wenn du lieber die Kommentare ignorierst, um dich sicherer zu fühlen, dann ist das auch dein gutes Recht.

Noch interessanter als die Reaktionen anderer auf mein Aussehen, fand ich aber meine eigene Einstellung. Ich war überrascht, wie unheimlich unsicher ich mich ohne Make-up fühlte. Dabei ging es mir nicht um die Frage, ob ich “schön“ oder “wertvoll“ bin, sondern vielmehr fühlte ich mich wie eine Zielscheibe.

Ich weiß, der Fehler liegt nicht bei mir, sondern bei der Gesellschaft und ihrem Hass gegen Dicke.

An manchen Tagen kann ich die Beleidigungen einfach von mir abschütteln oder die Übeltäter*innen sogar damit konfrontieren. Manchmal will ich aber auch einfach Make-up tragen. Ich könnte von zu Hause aus arbeiten, von niemandem gesehen werden, aber schminke mich trotzdem. Nur. Für. Mich.

Doch es gibt auch Tage, an denen ich mit so viel Rückschlag nicht umgehen kann. Ich weiß, der Fehler liegt nicht bei mir, sondern bei der Gesellschaft und ihrem Hass gegen Dicke. Trotzdem möchte ich mich dann nicht damit beschäftigen müssen. Und vielleicht werde ich sogar etwas Rouge auftragen, damit sie mich in Ruhe lassen.

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