So kommst du über Kommentare hinweg, die dich seit Jahren beschäftigen

·Lesedauer: 8 Min.

Die 28-jährige Abbi hat eine Freundin, die sie seit der Uni kennt. Die beiden haben einen sehr ähnlichen Sinn für Humor und sind im Laufe der Jahre ganz schön zusammengewachsen. Diese Freundin ist immer jemand gewesen, dem Abbi vertrauen und mit dem sie reden konnte, wenn es ihr nicht gut ging.

Vor drei Jahren sprach Abbi mit dieser Freundin darüber, ob sie zu ihrem Ex zurückkehren sollte oder nicht. Diese erwähnte daraufhin ganz beiläufig, dass Abbi ein bisschen „naiv“ und „zu dramatisch“ sei. Abbi nahm das Ganze nicht weiter ernst, da sie wusste, dass dieser Kommentar nicht böse gemeint war (sie kehrte nicht zu diesem Ex zurück und das war ihrer Meinung nach ohne Frage die richtige Entscheidung). Diese Bemerkung hat aber die Art und Weise, wie sich Abbi seit diesem Zeitpunkt selbst sieht, völlig verändert. Seitdem hat sie das Gefühl, dass sie sich zurückhalten und alle ihre Entscheidungen hinterfragen muss, vor allem in der Anwesenheit dieser Freundin. Früher konnte sich Abbi fallen lassen, wann immer die beiden Zeit miteinander verbrachten. Jetzt denkt sie zweimal darüber nach, bevor sie etwas sagt, und beißt sich manchmal sogar auf die Zunge.

Abbi möchte das Ganze hinter sich lassen und nicht mehr daran denken müssen, aber das fällt ihr wirklich schwer. Das hat vor allem damit zu tun, weil sie dieser Freundin vertraut. Außerdem glaubt Abbi, dass diese wahrscheinlich Recht mit ihrem Kommentar hatte. Aber die Tatsache, dass andere Leute sie so sehen, wie es ihreFreundin beschrieb, ist ihr unangenehm. Was soll sie also am besten tun, um die Sache ruhen lassen zu können?

Dr. Sheri Jacobson, eine Psychotherapeutin im Ruhestand mit über 17 Jahren klinischer Erfahrung und Gründerin von HarleyTherapy.com kann hier weiterhelfen.

Dr. Sheri Jacobson: Zuallererst möchte ich hervorheben, dass jede Beziehung ihre eigene Dynamik hat und dass es keine feste Regel gibt, was als akzeptabel gilt und was nicht. Für manche Menschen sind Scherze und Witze über den anderen in Beziehungen völlig in Ordnung, während das für andere überhaupt nicht ok ist. Das Ganze kommt wirklich auf die Art der jeweiligen Beziehung an.

Als Faustregel gilt jedoch, dass eine Bemerkung, die sich auf den Charakter und die Persönlichkeit einer Person und nicht auf deren Verhalten und Handlungen bezieht, in der Regel für viel mehr Schaden sorgen kann. Das liegt daran, dass wir alle unsere Makel haben: Wir alle machen manchmal Fehler und verhalten uns so, wie wir es eigentlich nicht sollten. Wenn diese Verhaltensweisen aber unserer Persönlichkeit zugeschrieben werden, kann es schwieriger sein, sie zu ändern, und wir fühlen uns im Allgemeinen stärker auf den Schlips getreten. Als „Lügner:in“ oder „eifersüchtige Person“ bezeichnet zu werden, ist etwas ganz anderes als zu sagen: „Das war eine Lüge“ oder „Du bist eifersüchtig auf diesen Typ“. Ersteres ist kränkender und lässt viel weniger Raum für Veränderungen.

All das hat mit unseren grundlegenden Überzeugungen zu tun, die wir in Bezug auf uns selbst, die Welt und andere Menschen haben. Wenn du also im Kern glaubst, dass du ein:e Lügner:in oder ein schlechter Mensch bist – oder in Abbis Fall „naiv und zu dramatisch“ –, kann das zu einer negativen Gedankenspirale führen, was wiederum negative Gefühle verursachen kann. Das scheint bei Abbi passiert zu sein.

Wie du damit am besten umgehst, hängt, wie ich bereits erwähnte, von den akzeptierten Normen innerhalb der jeweiligen Beziehung sowie von deiner Interpretation der Ereignisse ab. Eine Person könnte z.B. als „Drama-Queen“ bezeichnet werden und sich in keiner Weise gekränkt fühlen, weil sie erkennen kann, dass die andere Person sie nicht gut genug kennt, und die Sache deshalb auf sich beruhen lassen kann. Wenn ein Kommentar aber an eine Grundüberzeugung rührt, kann das eine Reihe negativer Gedanken in Hinblick auf dich selbst auslösen. Vielleicht denkt Abbi ja tief drinnen auch, dass sie zu dramatisch ist.

In diesem Fall gibt es zwei Möglichkeiten: Du kannst das Problem von innerlich oder äußerlich lösen. Wenn du die erste Möglichkeit bevorzugst, solltest du dich Folgendes fragen: „Was hat dieser Kommentar zum Vorschein gebracht? Was hat er bei mir ausgelöst?“ In diesem Fall kann sich auch eine kognitive Verhaltenstherapie als nützlich erweisen, bei der es darum geht, zunächst bestimmte Gefühle nachvollziehen zu können. „Warum ist etwas ein Problem für dich? Bist du traurig? Wütend? Deprimiert? Schämst du dich?“ Am besten fängst du damit an, dir einzugestehen, was du tatsächlich empfindest. Dann suchst du zusammen mit einem Therapeuten oder einer Therapeutin nach den Gedanken, die dahinter stecken. Warum lösen die Worte „naiv“ oder „zu dramatisch“ diese bestimmte Emotion aus? Warum ist das wichtig? Für gewöhnlich sind es wiederkehrende negative Gedanken, die diese Emotion auslösen. Vielleicht bezeichnete dich ein Elternteil oder ein:e Lehrer:in früher als „leichtgläubig“ und du fühltest dich deswegen immer furchtbar. Möglicherweise hast du Angst, dass du im Leben nicht vorankommst, weil dich immer irgendjemand ausnutzt.

Das kann dazu führen, dass du dich noch intensiver mit jener grundlegenden Überzeugung beschäftigst, die dem Ganzen zugrunde liegt. Das kannst du tun, indem du dich immer wieder fragst: „Warum ist das wichtig?“ Lass uns das anhand des letzten Beispiels versuchen: „Ich wurde als ‚naiv‘ bezeichnet. Wenn das tatsächlich der Fall ist, werde ich deshalb im Leben nicht vorankommen.“ Warum ist das wichtig? „Ich möchte es wirklich zu etwas bringen. Wenn mir das nicht gelingt, bin ich ein:e Versager:in.“ Warum? Und was ist die Konsequenz daraus? Du kannst noch tiefer graben und entdeckst dann vielleicht eine andere grundlegende Überzeugung von dir wie „Ich bin nicht gut genug“ oder „Ich kann niemandem vertrauen“ oder „Die Welt ist ein unsicherer Ort“. Mit dieser Information lässt sich wirklich gut arbeiten. Es gibt viele Möglichkeiten, wie du solch tief verwurzelte und fest sitzende Überzeugungen verändern kannst, die ich etwas später beschreibe.

Du kannst versuchen, die Sache allein oder zusammen mit einem anderen Freund oder einer anderen Freundin mithilfe eines Tagebuchs oder einer Therapie zu verarbeiten. Mit einer außenstehenden Person zu sprechen, kann hilfreich sein, ist aber auch etwas aufwendiger als eine Therapie, in der du Schützenhilfe erhältst.

Die Alternative ist Konfrontation, die aber idealerweise auf zumindest etwas innere Arbeit folgen sollte. Wenn du in dich gegangen bist und viel über die Sache nachgedacht hast, aber immer noch nicht über die Sache hinweg bist, ist das meiner Erfahrung nach oft der Punkt, an dem sich Konfrontation als nützlich erweisen kann.

Wenn zwei Freund:innen auf einer Wellenlänge liegen, dann weiß die Person, die den Kommentar abgegeben hat, wahrscheinlich, dass sie einen wunden Punkt getroffen hat und entschuldigt sich, zieht sich zurück oder versucht, das Ganze mit viel mehr Positivem wettzumachen. Wenn das nicht passiert – wie es bei Abbi der Fall zu sein scheint –, kannst du das Thema ruhig auch noch Jahre später zur Sprache bringen. Du kannst z.B. Folgendes sagen: „Ich würde gerne über etwas sprechen, was vor langer Zeit passiert ist. Da es mich immer noch belastet, würde ich es gerne mit dir besprechen, damit wir es aufarbeiten können. Ich hoffe, das ist für dich in Ordnung.“ Wenn sich die andere Person darauf einlässt, solltest du erwähnen, was dich verletzt hat. Du kannst auch betonen, wie sehr du eure Freundschaft schätzt und dass du die Angelegenheit deshalb gerne klären möchtest.

Wie die Person darauf reagiert, spricht Bände. Wenn die Beziehung gesund ist, wird sie anerkennen, dass sie dich verletzt hat und sich vielleicht entschuldigen oder sagen, dass es nicht so gemeint war. Wenn die Person sich aber auf den Schlips getreten fühlt und abwehrend reagiert oder, schlimmer noch, noch mehr kränkende Kommentare zurückschleudert, dann zeigt das, dass die Beziehung nicht gesund ist, weil deine Gedanken und Gefühle nicht respektiert werden. In diesem Fall musst du dich entscheiden, ob es sich lohnt, diese Freundschaft weiterzuführen. Die Antwort darauf liegt letztlich bei dir.

Denk daran, dass alle Arten von Beziehungen Arbeit erfordern: Arbeit an uns selbst und zwischenmenschliche Arbeit, sei es intensives Zuhören, sich die Zeit zu nehmen, über schwierige Gefühle zu sprechen, sich manchmal gekränkt zu fühlen, sich zu entschuldigen, der anderen Person zu verzeihen, Dinge zu akzeptieren, etc. Obwohl diese Sachen nicht immer einfach sind, sollten die Vorteile in Freundschaften und Beziehungen überwiegen.

Die Arbeit an deinen Grundwerten einerseits und die Arbeit an der Beziehung in Frage kann dazu beitragen, dein Selbstvertrauen zu stärken, was in Abbis Fall nötig zu sein scheint.

Die Grundüberzeugung, die wir uns aneignen wollen, ist eine, die unser Selbstvertrauen und das Vertrauen in andere Menschen stärkt und für eine ausgewogene Sicht auf die Welt sorgt, und könnte folgendermaßen lauten: „Ich bin ok, die Welt ist in Ordnung und es ist weder alles gut noch alles schlecht. Was auch immer mir widerfährt, ich kann damit umgehen.“ Vergiss bei all dieser theoretischen Arbeit aber nicht die gelebten Erfahrungen. Leb also dein Leben in vollen Zügen und fürchte dich nicht vor negativen Kommentaren. Zeig deine verletzliche Seite und erlaub anderen Menschen, sich so zu verhalten, wie sie nun mal sind. Auch wenn es dabei zu verletzenden Momenten kommen sollte, weißt du ja jetzte bestens, wie du damit umgehen und darüber hinwegkommen kannst.

Dieses Interview wurde zur Verbesserung der Klarheit bearbeitet und gekürzt.

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