So setzt du dich bei der Arbeit besser durch, ohne dich unbeliebt zu machen

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Fran Hauser, Autorin von The Myth Of The Nice Girl, beschäftigt sich mit kniffligen Situationen im Berufsleben und bietet nützliche Ratschläge dazu. Im Folgenden beantwortet sie die Frage einer 38-jährigen Frau, die als Digital Editor tätig ist und sich Sorgen darüber macht, dass ihr Team möglicherweise ihre Liebenswürdigkeit ausnutzt.

Frage: Ich habe die Befürchtung, dass meine Freundlichkeit mein Team daran hindert, ihre bestmögliche Arbeit zu leisten. Im besten Fall nutzen sie sie aus – was ärgerlich ist (z.B. zu spät zur Arbeit kommen, sich früh rausschleichen). Im schlimmsten Fall befürchte ich, dass sie mein Feedback nicht wirklich annehmen und so ihre Leistung nicht verbessern. Wenn ich an frühere berufliche Phasen zurückdenke, in denen ich wirklich herausragend performt habe, lag das oft an wirklich gemeinen Vorgesetzten. Es geht doch nichts über die Angst davor, angeschrien zu werden, um Mitarbeiter:innen dazu zu motivieren, gute Arbeit zu leisten, stimmt’s? Ich weiß natürlich, dass das nicht stimmt, aber ich mache mir wirklich Sorgen, dass sie mich für zu schwach halten und mich nicht ausreichend respektieren. Das kann für niemanden gut sein. Hilfe!

Frans Antwort: Deine innere Stimme hat Recht: Kolleg:innen anzuschreien, mag vielleicht kurzfristig als Motivationstaktik funktionieren. Es ist aber eindeutig keine langfristige Lösung, um eine Atmosphäre in einem Team zu schaffen, die es allen erlaubt, gut und gerne zusammenarbeiten und leistungsfähig zu sein. Untersuchungen zeigen, dass ein positives Arbeitsumfeld zu höherer Produktivität und geringerer Fluktuation führt und sogar förderlich für die Gesundheit der Mitarbeiter:innen ist.

Mit Freundlichkeit kann man es aber auch übertreiben: Wenn du nicht ausreichend respektiert wirst und Dinge tust, um anderen zu gefallen, geht das Ganze zu weit. Dann wird diese Verhaltensweise nämlich zu einem Nachteil und sorgt für unnötige Belastung. Ich kenne das nur allzu gut: Einfühlungsvermögen ist meine persönliche Achillesferse. Ich neige von Natur aus dazu, mir so viele Gedanken darüber zu machen, wie ich auf meine Mitmenschen wirke, dass ich mich manchmal von diesem Impuls leiten lasse. Für mich ist es eine lebenslange Herausforderung gewesen, bei der Arbeit die perfekte Balance zwischen Liebenswürdigkeit und Durchsetzungsvermögen zu finden.

Mit der Zeit habe ich aber gelernt, dass es möglich ist, entgegenkommend und durchsetzungsfähig zu sein, mir Respekt zu verschaffen und sympathisch rüberzukommen. Mein erster Tipp: Mach dich nicht selbst fertig. Sei nachsichtig mit dir selbst, denn die meisten Frauen in einer Führungsposition, mit denen ich spreche, kämpfen mit genau dem gleichen Hin und Her. Die Tatsache, dass du um Hilfe bittest, ist ein guter erster Schritt.

Als Nächstes solltest du deinem Team zeigen, dass du zwar freundlich bist, aber auch über eine starke Führungspersönlichkeit verfügst. Damit dir das gelingt, kannst du folgende vier Strategien ausprobieren:

Lass schlechtes Verhalten nicht einfach so durchgehen. Wenn jemand wiederholt zu spät zur Arbeit kommt, könntest du sagen: „Nur damit es klar ist: Versteh meine Freundlichkeit nicht als Erlaubnis, bei der Arbeit schlechte Leistungen zu erbringen. Du hast pünktlich zu sein.“ So zeigst du, dass du dich nicht davor scheust, zu deinem freundlichen Wesen zu stehen, anstatt dich dafür zu entschuldigen. Gleichzeitig gibst du dem Mitarbeiter oder der Mitarbeiterin in Frage direktes Feedback. Betoniere die Tatsache, dass es sich hierbei um eine vertrauensvolle Beziehung handelt. Wenn jemand früher gehen muss oder zu spät kommt, vertraust du darauf, dass er oder sie trotzdem seine oder ihre Arbeit erledigen wird. Du erwartest aber auch, dass diese Person dir terminliche Herausforderungen mitteilt. Nutz die Gelegenheit, um herauszufinden, ob es noch etwas anderes gibt, das die Notwendigkeit einer Terminverschiebung verursacht (Empathie + Autorität).

Konzentrier dich auf die Unternehmensziele und die Leistung. Ich habe festgestellt, dass die motiviertesten Teams diejenigen sind, die auf ein Ziel hinarbeiten, an das sie auch tatsächlich glauben – oder zumindest verstehen, warum es wichtig ist. Halte doch eine Teamsitzung ab und besprich darin gemeinsame Ziele und Erwartungen sowie das WARUM dahinter. Du könntest sagen: „Ich leite andere nicht auf Basis von Angst, sondern basierend auf Erwartungen – und hier ist, was ich von euch erwarte.“ Sei offen für alle Fragen und Anregungen.

Schlüpf in die Mentor:innenrolle. Wenn es Mitarbeiter:innen gibt, die die Unternehmenserwartungen nicht erfüllen, solltest du das ansprechen. Besprich mit ihnen, was sie brauchen, um ihre Funktion besser erfüllen zu können, oder welche zusätzliche berufliche Entwicklung oder Weiterbildung du anbieten könntest. Indem du dich als Führungskraft, die sich wirklich um den Erfolg aller Teammitglieder bemüht – und nicht schlechte Leistungen entschuldigt oder ignoriert –, behauptest, kannst du unter Beweis stellen, dass du sowohl über Empathie verfügst, als auch hohe Erwartungen hast.

Überprüf die Art und Weise, wie du Feedback gibst. Wenn du das Gefühl hast, dass dein Feedback nichts gebracht hat, solltest du ein persönliches Gespräch mit dem Mitarbeiter oder der Mitarbeiterin in Frage einplanen, um über dessen oder deren Leistung zu sprechen. Es ist möglich, Rückmeldungen auf direkte und freundliche Weise mitzuteilen. Die Grundregeln: Sei rücksichtsvoll, aber offen. Sei außerdem bereit dazu, zuzuhören. Wirf den Ball an Mitarbeiter:innen zurück: Frag sie, was sie von ihrer Leistung halten. Besprich am Ende des Gesprächs die nächsten Schritte und bitte dein Gegenüber, dir in den nächsten Tagen eine E-Mail mit konkreten Handlungsschritten zu schicken. So kannst du feststellen, ob du dir mit deinem Feedback tatsächlich Gehör verschaffen konntest und es umgesetzt wurde.

Durch deinen Erfolg, dein Selbstvertrauen und deine Authentizität kannst du deinem Team beweisen, dass sich Freundlichkeit und Effektivität nicht gegenseitig ausschließen müssen. Außerdem stellst du so unter Beweis, dass es keinen Fußabtreter außerhalb deines Büros gibt.

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