So war das Jahr für Singles: Virtuelle Dates und Stress mit der Familienplanung

Style International Redaktion
·Lesedauer: 7 Min.

Die Corona-Krise hat alle Aspekte unseres Lebens verändert - von unseren Freundschaften, bis hin zu unseren Beziehungen und Jobs. COVID-19 und die Einschränkungen, um die Pandemie in den Griff zu bekommen, haben unser Leben auf den Kopf gestellt.

Der Lockdown hatte auf das Leben vieler Singles einen großen Einfluss. (Mit Model nachgestellt, Getty Images)
Der Lockdown hatte auf das Leben vieler Singles einen großen Einfluss. (Symbolbild: Getty Images)

Acht Monate, nachdem der britische Premierminister Boris Johnson den ersten landesweiten Lockdown ausgerufen hat, fühlen viele Singles mittlerweile die Auswirkungen davon, für den Großteil des Jahres die sozialen Kontakte auf ein Minimum zu beschränken.

“Menschliche Wesen sind nun einmal so gepolt, dass sie, unabhängig vom Persönlichkeitstyp, eine Bindung zu anderen aufbauen wollen”, erklärt Owen O’Kane, Psychotherapeut und Autor von “Zehnmal glücklicher”.

“Das bedeutet nicht, dass auch jeder in einer Liebesbeziehung sein muss. Viele entscheiden sich dagegen. Allerdings wissen wir aus Studien, dass ein Mangel an Körperkontakt mit anderen zu einer Steigerung der Ängste führen und die Stimmung beeinträchtigen kann.”

Genug vom virtuellen Dating

Mit dem ersten Lockdown im März sahen sich Singles plötzlich gezwungen, virtuell auf Partnersuche zu gehen, anstatt Menschen im wirklichen Leben zu treffen. Und das mit den ganzen unbeholfenen Momenten, die so ein Kennenlernen über Zoom mit sich bringen kann.

Der Lockdown hat die psychische Gesundheit vieler Singles beeinträchtigt. (Von Model nachgestellt, Getty Images)
Der Lockdown hat die psychische Gesundheit vieler Singles beeinträchtigt. (Symbolbild: Getty Images)

Selbst als der erste Lockdown aufgehoben wurde, blieb eine Dating-Welt zurück, die man kaum wiedererkennen, geschweige denn, sich in ihr zurechtfinden konnte.

Es überrascht also nicht, dass viele erstmal eine Pause einlegen und die Partnersuche auf später verschieben.

Fast ein Fünftel (18 %) der britischen Singles haben das Dating aufgrund der Pandemie vollständig aufgegeben. Die Zahl steigt bei den 25- bis 34-Jährigen sogar auf 23 %, wie eine YouGov-Umfrage von 2.608 befragten Singles ergab.

Ganze 60 % der britischen Singles gaben sogar an, dass sie nicht mehr aktiv auf der Suche sind.

"Der Lockdown war nicht einfach für Singles”

"Der Lockdown war nicht einfach für Singles, das kann man nicht abstreiten", so Rachel Llloyd, Beziehungsexpertin von eharmony.

"Es kann wirklich schwierig sein, Mitte bis Ende 30 zu sein und den Druck zu fühlen, sesshaft zu werden und eine Familie zu gründen. Und nicht nur Frauen fühlen sich so. Unsere Studie, die wir gerade mit "Relate” durchgeführt haben, ergab, dass auch Männer mit der sogenannten "biologischen Uhr" Probleme haben."

Dr. Elina Berglund, Mitbegründerin der Verhütungsapp "Natural Cycles" stimmt zu, dass der Lockdown und sein Einfluss auf das Daten für zusätzlichen Druck bei denjenigen sorgt, die sich eine Familie wünschen.

Romantik auf dem Rückzug: Japan wird zum Land der Singles

"Selbst unter normalen Umständen verspüren Single-Frauen oftmals Druck, bis zu einem bestimmten Alter oder vor einem bestimmten Lebensabschnitt ein Kind zu bekommen. Es steht also außer Frage, dass Frauen, die diesen Druck schon vor März gespürt haben, durch die Folgen der Pandemie noch mehr leiden", sagt sie.

"Eine kürzlich von Natural Cycles durchgeführte Umfrage ergab, dass fast die Hälfte der britischen Frauen (43 %) zustimmen, dass die Lockdown-Einschränkungen einen negativen Einfluss auf Partnerschaften haben. 60 % gaben an, dass sie 2020 eher zögerlich Sex mit Leuten hatten, die einem anderen Haushalt angehören. Beides macht es nicht gerade einfacher, ein Kind zu bekommen."

Folgen für die Psyche

Die ganzen Zukunftsängste haben auch Folgen für das mentale Wohlbefinden. Das besonders, wenn du zu den 40 % der Singles gehörst, die sich laut eharmony während dem Lockdown einsam fühlen.

O’Kane sagt, dass es nicht überrascht, dass viele Singles - besonders die, die allein leben - von Problemen in einem Jahr berichten, in dem unsere sozialen Kontakte schwer eingeschränkt waren.

Singles leiden unter Einsamkeit. (Von Model nachgestellt, Getty Images)
Singles leiden unter Einsamkeit. (Symbolbild: Getty Images)

"Die größten Probleme scheinen Einsamkeit, Isolation, Ängste, Traurigkeit, das Gefühl des Gefangenseins und die ungewisse Zukunft zu sein", sagt er weiter. "Der Prince’s Trust hat kürzlich berichtet, dass sich 46 % der jungen Leute im Hinblick auf die Zukunft hoffnungslos fühlen."

Laut O’Kane ist es wichtig zu verstehen, dass der Lockdown nicht nur das normale Leben unterbrochen, sondern auch ganz besonders die Chemie des Gehirns vieler Menschen beeinträchtigt hat (und infolgedessen ihre Stimmung). Besonders Singles sind davon betroffen und es hängt alles mit körperlicher Nähe zusammen.

Ohne Face-to-Face-Kommunikation sinkt der Serotonin-Spiegel

"Ein Mangel an Berührungen kann zu einer Senkung des Dopamin- und Oxytocinspiegels führen. Das sind Hormone, die uns ein Gefühl von Zufriedenheit vermitteln", erklärt er.

"Bei einem Mangel an ‘echter’ Kommunikation von Angesicht zu Angesicht kann das Serotonin – auch als "Glücksstoff" bekannt – in den Keller schießen. Ohne die Freiheit, andere Menschen zu treffen oder Dates zu haben, kann auch der Endorphinspiegel sinken. Das schlägt auf die Stimmung und kann sogar zu einem Gefühl der Hoffnungslosigkeit führen."

Liebeslust statt Corona-Frust: Diese Dating-App wird in der Corona-Krise am meisten gesucht

Viele Singles haben auch genug von Bildschirmen, denn auf Dauer sind Zoom und andere Plattformen kein ausreichender Ersatz für ein richtiges Zusammentreffen mit anderen Menschen, so O’Kane.

"Das Gefühl der Ungewissheit hat in manchen Fällen auch zu einem Anstieg des Hormons Cortisol geführt, was wiederum eine verstärkte Stressreaktion bewirkt", fügt O’Kane hinzu.

"Kurzum: Der Lockdown schränkt nicht nur den Körper ein, sondern erstickt auch die Seele vieler Menschen."

Gibt es auch gute Seiten?

Für Singles war das Jahr allerdings nicht nur schlecht. Tatsächlich hatten die Kontakteinschränkungen für einige auch Vorteile.

"In schweren Zeiten finden wir häufig auch eine gute Seite und sehen viele Dinge klarer", sagt Lloyd. "Vier von zehn (39 %) der Singles glauben, dass sie durch den Lockdown wieder eine bessere Kontrolle über ihre eigene Zeit haben. Und, was noch erstaunlicher ist: Über ein Viertel (29 %) sagt, dass sie durch den Lockdown festgestellt haben, dass sie allein glücklicher sind.

"Es ist toll, dass so viele Singles Zeit zum Nachdenken hatten und jetzt besser wissen, was sie in ihrem Liebesleben wollen – oder was sie nicht wollen."

Zombieing: Dieser Dating-Trend ist noch gruseliger als Ghosting

Und obwohl stimmt, dass es die Kontakteinschränkungen schwerer machen, Menschen von Angesicht zu Angesicht zu treffen, heißt das nicht, dass alle Singles die Suche endgültig aufgegeben haben.

"Während der Anfangsphase des Lockdowns im April und Mai war die Kommunikation online um ein Drittel höher. Das durchschnittliche Video-Date dauerte eine Stunde. Das zeigt vor allem Frauen (oder Männern), die gerne einen Partner oder eine Partnerin finden möchten, dass man trotzdem noch sicher daten kann", sagt Lloyd.

“Es wird bald besser”

Es ist also nicht alles verloren für diejenigen, die ihre biologische Uhr immer lauter ticken hören.

"Obwohl es wichtig ist, zu verstehen, dass die biologische Uhr kein Mythos ist, stehen dir durch weitreichende wissenschaftlichen Erkenntnisse verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung – egal wo dich dein Leben hinführt", versichert Dr. Berglund.

Sie rät, schon jetzt alles für den Moment vorzubereiten, wenn du bereit bist, ein Kind zu haben.

"Dazu gehört auch ein Arzttermin, damit du eventuelle Tests besprechen oder herausfinden kannst, welchen Einfluss eventuelle Vorerkrankungen haben können", sagt sie.

Dating kann weitergehen: Tinder bringt Video-Funktion "Face to Face" an den Start

Sie rat auch dazu, deine Hausaufgaben in Sachen Familienplanung zu machen. "Das heißt nicht nur, den Empfängnisvorgang zu verstehen, sondern auch deinen eigenen Körper besser kennenzulernen, damit du weißt, wann deine fruchtbaren Tage sind."

O’Kane hat auch ein paar ermutigende Worte für diejenigen, die dieses Jahr ganz besonders schwer fanden.

"Für viele von uns ist das Leben gerade alles andere als perfekt, aber vergiss nicht: Obwohl du nicht beeinflussen kannst, was auf der Welt passiert, kannst du zumindest deine Reaktionen darauf beeinflussen", sagt er.

"Es wird bald besser."

Eine ganz neue Art des Datings. (Von Model nachgestellt, Getty Images)
Eine ganz neue Art des Datings. (Symbolbild: Getty Images)

In Zeiten von COVID-19 als Single glücklich sein

Für diejenigen, die dieses Jahr schwierig fanden, hat O’Kane ein paar Hilfen zusammengestellt, mit denen du positiver in die Zukunft blicken kannst:

Perspektiven sind wichtig. Es fühlt sich vielleicht so an, als ob dein ganzes Leben gerade eine Zwangspause einlegt, inklusive möglicher Beziehungen. Aber das ist nur eine begrenzte Zeit und es wird wieder genügend Gelegenheiten geben, wenn das Leben normaler ist. Das Leben wird zurückkehren.

Reflektiere und nutze diese Zeit weise, um herauszufinden, was du im Leben möchtest und sogar, was du dir von einem neuen Partner oder einer neuen Partnerin erhoffst.

Pflege Beziehungen zu anderen wo und wenn du kannst - selbst wenn es nur virtuell möglich ist. Eingeschränkter Kontakt mit anderen ist besser als gar kein Kontakt.

Sport hilft dabei, die Glückshormone wieder ansteigen zu lassen. Gehe also raus und mache etwas innerhalb deiner Möglichkeiten.

Blicke nach vorne. Die Forschung sagt uns, dass es zu einem gewissen Grad die Stimmung aufhellt, in die Zukunft zu blicken. Dadurch wird der Rückgang an Endorphinen und Enkephalinen, den Wohlfühlhormonen, wieder repariert.

Marie Claire Dorking

VIDEO: Facebook Dating geht in Deutschland an den Start