So wirkt sich das Coronavirus auf den Fußball aus

Die weltweite Ausbreitung des Coronavirus COVID-19 hat auch den Fußball in ein anhaltendes Chaos gestürzt. Täglich werden Spiele verschoben, Zuschauerverbote erlassen und sogar Ligabetriebe eingestellt. Yahoo Sport beleuchtet die Auswirkungen.

Nur der Startschuss für eine lange Periode? Leere Ränge in Paris. (Bild: Getty Images)


Was bedeutet ein Geisterspiel für einen Fußballklub?

Klammert man die emotionalen Negativaspekte eines Spiels ohne Fans einmal aus, dann bedeutet ein Geisterspiel vor allem eins: extreme finanzielle Einbußen. Wie viel Geld den Vereinen pro Spieltag genau entgeht, hängt von der Kapazität des jeweiligen Stadions und der tatsächlichen Zuschaueranzahl ab. Der Betrag dürfte im Schnitt im siebenstelligen Bereich liegen, der BVB bezifferte die Verluste in einer Mitteilung der AG auf 2,5 bis 3 Millionen Euro pro Spieltag. Barcelonas Klubchef Josep Maria Bartomeu sprach gar von 6 Millionen Euro, die den Katalanen pro Heimspiel vor leeren Rängen durch die Lappen gehen.

Während das für Großverdiener wie Dortmund oder Barcelona zwar schmerzhaft, aber dank immenser Einnahmen aus anderen Quellen (Marketing, Merchandise, etc.) verkraftbar ist, treffen Geisterspiele besonders kleinere Vereine, für die der Ticketverkauf einen wichtigen Teil in der Finanzplanung darstellt, hart. Der ehemalige DFL-Geschäftsführer Andreas Rettig forderte bereits bei Sport1 einen Ausgleichsfond für die Vereine: "Hier sind wir nun bei der vielbeschworenen Solidargemeinschaft. Einen Verein mit dem sportlichen und wirtschaftlichen Problem alleine zu lassen, ist in höchstem Maße unsolidarisch."

Laut einem Beitrag des Deutschlandfunk sind in den speziellen Versicherung gegen Veranstaltungsausfälle Schäden durch "Epidemien und Seuchen" in den meisten Fällen ausgeschlossen. Darunter würde auch die aktuelle Lage rund um das Coronavirus fallen.

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Wird der Ligabetrieb in Europas Topligen regulär zu Ende gespielt?

Diese Frage ist schon jetzt mit nein zu beantworten. So hat Italien, das in Europa am schlimmsten vom Virus betroffene Land, den Spielbetrieb bis Anfang April komplett ausgesetzt. Pläne, wie und wann die Serie A zu Ende gespielt werden soll, gibt es offiziell noch nicht. Ein denkbares Szenario ist, dass die Vereine ab April (sofern die Situation unter Kontrolle ist) die Liga durchgehend in englischen Wochen zu Ende spielen. Auch soll der Verband darüber nachdenken, zu einem geeigneten Zeitpunkt mit Playoffs zwischen den aktuell vier besten Teams den Meister und zwischen den vier schlechtesten Teams die Absteiger zu ermitteln.

Auch ein kompletter Abbruch der Saison mit Tabellenführer Juventus als neuem Meister oder gar keinem Meister ist denkbar. Dieses Szenario gibt es bereits in Deutschland in der DEL, wo die Saison vor den Playoffs abgebrochen wurde. Dort wird es keinen Meister geben.

Derart radikale Einschnitte gibt es in den anderen Topligen aktuell noch nicht. Bislang sind vorgeschriebene Geisterspiele wie in Frankreich, Portugal und wohl bald auch Deutschland zumindest kurzfristig weiter die plausibelste Lösung. Im Fall eines Abbruchs des Ligabetriebs wäre auch sportlich Chaos vorprogrammiert, es könnte ohne Entscheidungen im Auf- und Abstiegskampf zu skurrilen Modellen kommen. Die Bild rechnet beispielsweise vor, dass die Bundesliga in diesem Fall in der kommenden Saison mit 20 oder 21 Mannschaften, also ohne Absteiger aber mit den Aufsteigern aus Liga zwei starten könnte. Derartige Szenarien wird die DFL wohl mit allen Mitteln verhindern wollen.

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In Italien wurden früh Geisterspiele angesetzt, inzwischen pausiert die Liga ganz. (Bild: Getty Images)

Wie sieht es mit Verschiebungen aus – und ist deswegen die EM 2020 in Gefahr?

Warum dann nicht einfach pausieren und die Wettbewerbe zu Ende spielen, wenn die Gefahr einigermaßen gebannt ist? Hier kommt der generell bis zur Belastungsgrenze überladene Terminkalender im Fußball ins Spiel, in diesem Sommer in Form der Europameisterschaft. Diese steigt – Stand jetzt – zwischen Mitte Juni und Mitte Juli, was ohnehin nur wenige Wochen nach den letzten Ligaentscheidungen wäre. Eine blockweise Verschiebung in den Sommer ist also nicht möglich, zumal Ende Juli bis Anfang August – Stand jetzt – die Olympischen Spiele in Tokyo steigen. Und wiederum nur wenige Wochen später bereits die regulären Spielbetriebe für die nächste Saison starten.

Die EM abzusagen ist keine Option. Die NZZ berichtete kürzlich, dass die Verträge mit TV-Anstalten und Sponsoren die UEFA in dem Fall in den Bankrott schicken könnten. Eher mehrten sich zuletzt die Medienberichte, dass die nationalen Verbände eine Verschiebung auf nächstes Jahr bevorzugen würden. Das wurde aber von der UEFA gegenüber Sport1 dementiert: "Wir haben keinen einzigen Antrag der Nationalverbände auf Verschiebung des Turniers erhalten." Dennoch: Eine Verschiebung auf 2021 könnte früher oder später auf den Tisch kommen.

Der Modus der diesjährigen EM, die erstmals in zwölf verschiedenen Ländern ausgetragen wird, könnte immerhin dabei helfen, die Spiele in Gebiete zu verlegen, in denen ein geringeres Gesundheitsrisiko besteht. So wäre auch der finanzielle Schaden überschaubar, im Gegensatz zu einem Turnier in einem einzelnen Land, welches Stadien und Infrastruktur nur dafür aus dem Boden gestampft hat – wie beispielsweise bei der WM 2010 in Südafrika. Das soll, genau wie Geisterspiele bei der EM, das präferierte Szenario der UEFA sein. Erst als letzte Option sei einem Bericht der SportBild zufolge eine Verschiebung denkbar.

Wie wirkt sich das Corona-Chaos auf den Amateursport aus?

Der Amateursport ist hauptsächlich auf die Vernunft der Beteiligten angewiesen, solange es keine rechtlich bindenden Vorgaben seitens der Behörden gibt oder diese – wie im Fall Bayern, wo beispielsweise Veranstaltungen mit mehr als 1000 Zuschauern untersagt wurden – in den allermeisten Fälle nicht auf den Amateursport anwendbar sind.

Einzelne Verbände können hier nur an Vereine und Verantwortliche auf lokaler Ebene appellieren, Einzelfallprüfungen vorzunehmen, sich bei hohem Zuschaueraufkommen mit den Behörden in Verbindung zu setzen und beispielsweise Spieler, die in Risikogebieten im Urlaub waren, vorsorglich von der Mannschaft abzugrenzen. Die Verbände haben zudem freigestellt, ob es vor den Spielen zu einem Handshake der Mannschaft kommt, oder nicht.

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Was passiert, wenn sich ein Spieler infiziert?

Es braucht gar keinen infizierten Spieler, um ein Spiel abzusagen. So wurde die Partie in der Premier League zwischen Manchester City und dem FC Arsenal als Vorsichtsmaßnahme verschoben. Der Grund: Evangelos Marinakis, Besitzer von Arsenals Europa-League-Gegner Olympiakos Piräus, wurde positiv auf das Coronavirus getestet. Weil einige Mitarbeiter der Gunners Kontakt zum Griechen hatten, gehen laut offiziellem Klub-Statement nun Spieler, Betreuer und Mitarbeiter für 14 Tage in häusliche Quarantäne. 

Diese zwei Wochen Quarantäne sind ob der langen Inkubationszeit bei Covid-19 für Menschen, die direkten Kontakt mit einem positiv getesteten Patienten hatten, vorgegeben. Ein einzelner Fall, oder auch schon der Verdacht, innerhalb eines Teams oder im direkten Umfeld reicht also aus, um den Verein und dessen letzte Gegner aus dem Spielbetrieb zu nehmen. So geschehen auch bei Daniele Rugani von Juventus, der positiv auf das Virus getestet wurde. Während die Alte Dame national wegen der Spielpause ohnehin keine Partien zu bestreiten hat, würde der amtierende Meister kommende Woche in der Champions League auf Olympique Lyon treffen. Sehr gut möglich, dass diese Partie verschoben wird.  

In Deutschland ist Timo Hübers von Hannover 96 der erste Fußballprofi, der positiv auf das Virus getestet wurde. Da der Innenverteidiger sich aber laut Klub höchstwahrscheinlich auf einer Party ansteckte und seitdem keinen Kontakt zu Mitspielern hatte sowie sich direkt provisorisch in häuslich Quarantäne begab, stehen die Chancen gut, dass Hannover weiter normal am Spielbetrieb teilnehmen kann.