Studie zeigt: Corona-Opfer hätten noch lange gelebt

Sterben an den Folgen des Covid-19-Virus wirklich nur Menschen, die ohnehin nicht mehr lange gelebt hätten? Eine Recherche von NDR-Journalisten zeichnet ein anderes Bild und widerspricht damit Gegnern der Corona-Maßnahmen.

Die Lebenserwartung von verstorbenen Corona-Patienten wäre deutlich höher gewesen, als oft behauptet wird. (Symbolbild: Getty)

Die Debatte um die Corona-Beschränkungen nimmt Züge an, die zu denken geben, da mitunter der Eindruck zu entstehen droht, dass das Coronavirus halb so wild wäre. Einen Anteil daran haben auch manche Politiker. So ließ es sich Thüringens Kurzzeit-Landesoberhaupt Thomas Kemmerich von der FDP nicht nehmen, am Wochenende ohne Maske bei einem Protest gegen die Corona-Beschränkungen mitzulaufen. Und in der “Anne Will”-Talkshow vom gestrigen Sonntag zeigte sich FDP-Politiker Wolfgang Kubicki gewohnt markig: Wer Angst habe, solle doch zuhause bleiben.

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Für besonders viel Wirbel sorgte vor zwei Wochen der Grünen-Politiker Boris Palmer, indem er im “SAT.1 Frühstücksfernsehen” ohne wissenschaftliche Basis behauptet hatte: “Wir retten in Deutschland möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären." Abgesehen von den moralischen Implikationen so einer Aussage wirft dies die Frage auf: Stimmt das eigentlich?

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Im Schnitt fast ein Jahrzehnt verlorene Lebenszeit

Ein Team aus NDR-Journalisten hat dazu die Statistiken analysiert. Die Ergebnisse sprechen eine deutliche Sprache. Denn die meisten der Patienten, die mit dem Coronavirus verstorben sind, hätten noch viele Jahre zu leben gehabt. Anhand der bundesweiten Daten kam die Analyse zu dem Schluss, dass die männlichen Patienten im Schnitt noch 10,7 Jahre zu leben gehabt hätten, bei den weiblichen Todesopfern wären es 9,3 Jahre im Durchschnitt gewesen. Als Grundlage benutzen die Journalisten dafür die durchschnittliche Lebenserwartung in Deutschland, gegenüber den Mittelwerten beim Alter der 6115 verstorbenen Corona-Patienten. Die Zahlen beziehen sich auf die Patienten, die vom Robert-Koch-Institut (RKI) bis zum 29. April erfasst wurden.

Interessant ist an dem Ergebnis, dass es regional große Diskrepanzen gibt. In Bremen zum Beispiel verlor ein männlicher Corona-Patient im Schnitt über 15 Jahre, ein weiblicher dagegen knapp über sieben. In einem einzigen Bundesland ist das Verhältnis umgekehrt, dort hätten Frauen, die am Coronavirus verstarben, noch fast 14 Jahre durchschnittliche Lebenszeit gehabt und Männer 12,3 Jahre. Diese Unterschiede können aber durch die stark schwankenden Gesamtzahlen der Bundesländer und die insgesamt relativ kleine Datenbasis gerade in bevölkerungsärmeren Bundesländern erklärt werden.

Britische Forscher errechnen Lebenserwartung

Eine Forschergruppe der Glasgower Universität hat den Verlust von Lebensjahren von Covid-19-Opfern basierend auf Daten aus Großbritannien und Italien für eine Studie analysiert. Das Ergebnis zeigte durchschnittliche Lebenserwartungen von 14 Jahren bei Männern und 12 bei Frauen. Auch die Auswirkungen von Vorerkrankungen berechneten die schottischen Wissenschaftler in ihr Modell mit ein. Dadurch reduzierte sich die ursprüngliche Lebenserwartung der verstorbenen Patienten aber nur um ein knappes Jahr im Durchschnitt. So reduzierte sich die errechnete Zahl um etwa ein Jahr.

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Selbst, wenn man also die aus der britischen Studie stammenden Auswirkungen von Vorerkrankungen auf Deutschland überträgt, liegt der durchschnittliche Verlust von Lebensjahren bei Frauen bei 8,5 und bei Männern immer noch bei 9,9 Jahren. Gegenüber dem NDR sagte Clemens Wendtner, Chefarzt der Abteilung für Infektiologie an der Uniklinik in München-Schwabing: "An vielen Begleiterkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes oder Demenz stirbt man heute ja nicht unbedingt früher.” Viele Patienten hätten auch mit Vorerkrankungen dank der modernen Medizin noch eine lange Lebenserwartung gehabt. Auch zu Boris Palmers Aussagen hat Wendtner, der bereits über 700 Corona-Patienten behandelt hat, eine klare Replik: "Statements wie die von Boris Palmer sind eine absolute Verharmlosung des Geschehens.“

Die britische Studie und die Analyse der deutschen Journalisten zeigen also, dass keineswegs in der Mehrzahl Menschen sterben, die nur noch wenig Lebenszeit vor sich gehabt hätten.

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