Tess Holliday und das polarisierende Erdbeerkleid: "Unsere Gesellschaft hasst dicke Menschen"

·Freie Journalistin
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Als das Plus-Size-Model Tess Holliday bei der Verleihung der Grammys 2020 ein verträumtes Erdbeerkleid im Cottagecore-Style trug, wurde sie von den einen gelobt und von anderen auf die Worst-Dressed-List gesetzt. Monate später ist das Kleid ein Renner – und das Model kritisiert die Hater genauso wie die Vertreter der Modewelt, die Menschen wie sie weitgehend ignorierten.

Tess Holliday auf der Grammy-Verleihung 2020 in einem Kleid, das für viel Furore sorgen sollte. (Bild: Getty Images)
Tess Holliday auf der Grammy-Verleihung 2020 in einem Kleid, das für viel Furore sorgen sollte. (Bild: Getty Images)

Die Grammy Awards im Januar 2020 waren eines der letzten großen Events vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie. Nichts trübte damals die heile Welt der Stars, die herausgeputzt über den roten Teppich liefen und sich und die Nominierten ausgiebig feierten.

Rosa, verspielt und mit ganz vielen Erdbeeren

Eine, die an diesem Abend auf jeden Fall auffiel, war das Plus-Size-Model Tess Holliday. Gehüllt in ein rosafarbenes Midi-Tüllkleid, mit Erdbeeren bedruckt, verspielten Puffärmeln und über der Brust mit zarten Schnürbändern versehen, zog sie die Blicke auf sich und erregte die Aufmerksamkeit von Modejournalisten, die die Outfits der Stars an solchen Abenden weit mehr interessieren als die Frage, wer mit welchem Preis nachhause geht.

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"An dürren Leuten finden es auf einmal alle gut"

Vor ein paar Tagen nahm Holliday noch einmal Bezug auf diesen Auftritt und ließ ihrem Frust über die damalige Resonanz auf ihre Kleiderwahl freien Lauf. Bei Twitter schrieb sie: "Ich finde es toll, wie mich dieses Kleid auf die Liste der am schlechtesten angezogenen Leute brachte, als ich es im Januar trug, aber jetzt, weil es ein paar dünne Leute auf TikTok anhatten, finden es auf einmal alle gut."

Und setzte in einem zweiten Tweet nach: "Um es zusammenzufassen: Unsere Gesellschaft hasst dicke Menschen, insbesondere dann, wenn wir gewinnen."

In den sozialen Medien ist das Kleid omnipräsent

Tatsächlich gingen die Verkäufe des Kleids der Designerin Lirika Matoshi in den vergangenen Monaten durch die Decke. In den sozialen Medien wimmelt es von Videos und Fotos, auf denen fröhliche Menschen das Kleid auspacken, anziehen und damit durch die Gegend hopsen, als wären sie so feengleich, wie es das Design vermuten lässt.

Das Kleid ist sogar so populär, dass Künstler es in ihren Bildern verewigen und diese ebenfalls teilen:

Manche User wiesen Holliday darauf hin, dass sie doch vor allem auf Best-Dreed-Listen aufgetaucht wäre:

Andere dagegen bestätigten ihren Eindruck – wie diese Userin, die schrieb: "Egal, wie viel Zeit und Energie ich auf mein Outfit verwende, werde ich dafür niemals so viel Lob bekommen wie ein hübsches, dünnes Mädchen in billigen Klamotten, die sie auf den letzten Drücker ausgesucht hat."

Der Vorwurf: Dicke Menschen werden von den Designern ignoriert

In weiteren Tweets sowie gegenüber dem "Insider" sagte Holliday, die Gesellschaft würde dicke Menschen behandeln, als wären sie unsichtbar und ihre Körper im Vergleich zu dünneren nicht gleichwertig. Die Begriffe "trendy" oder "modisch" würden im Zusammenhang mit dickeren Menschen gar nicht verwendet. Und das liege nicht zuletzt daran, dass große Designer und Modehäuser schicke Kleidung ausschließlich für dünne Menschen fertigten. Sie gehe davon aus, dass jeder, der diese Form der Exklusion heute noch betreibe, dies absichtlich tue.

"Cottagecore" liegt voll im Trend

Dafür, warum das Kleid einen derartigen Hype erfährt, gibt es mehrere Begründungen. Die erste ist ganz einfach die, dass "Cottagecore" der Trend des Sommers 2020 ist und das Kleid genau diesen Stil perfekt widerspiegelt. Zusammengesetzt aus den Begriffen "cottage" (Landhaus) und "core", abgeleitet von "hardcore", verkörpert er den Wunsch vor allem vieler Großstädter nach dem vermeintlich einfachen und harmonischen Landleben, das in Corona-Zeiten noch verheißungsvoller erscheint als in den vergangenen Jahren. Laut "Glamour" sagt auch die Designerin über ihr Kleid, "es erinnere die Menschen an bessere Zeiten". Obwohl die das Design Monate vor dem Auftreten der Pandemie entworfen hätte, hatte sie schon damals im Sinn, dass sich die Trägerin "hoffnungsvoller" fühlen sollte.

Teuer, aber nicht unerreichbar

Andere erklären den Erfolg auch mit dem Preis des Kleides, der bei rund 500 US-Dollar liegt. Für viele ist das zwar zu teuer, um sich das Kleid wirklich zu kaufen. Dabei aber nicht so unerschwinglich wie manche Kleider von Gucci oder anderen Luxuslabels, die so unerreichbar sind, dass sich nicht mal das Träumen davon lohnt.

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