Traurig und unzufrieden: Krank durch Avatar 2?

Nach dem Besuch des neuen Avatar-Films berichten Menschen wie beim ersten Teil von merkwürdigen psychosomatischen Symptomen. Steckt dahinter eine echte Krankheit?

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Viele sind von "Avatar: The Way of Water" überwältigt. Manche sogar so überwältigt, dass ihnen ihr eigenes Leben sinnlos erscheint. (Foto: Getty Images)

"Avatar: The Way of Water" scheint nicht nur eine schädliche Wirkung auf japanische Filmproketoren zu haben, bei denen der technisch aufwändigen Film mehrfach zu Überhitzung geführt hat. Auch für die Psyche mancher Menschen ist der Blockbuster offenbar kaum zu bewältigen.

Wie der Guardian berichtet, trat das Phänomen schon nach der Veröffentlichung des ersten Avatar-Films 2009 auf: Nachdem Menschen den mittlerweile erfolgreichsten Film der Geschichte gesehen hatten, brachen sie teils in Tränen aus, fühlten sich leer und unzufrieden. Post-Avatar-Depression-Syndrom (PADS) setzte sich damals als inoffizieller Begriff dafür durch. Offenbar hat Teil zwei – "Avatar: The Way of Water" – den gleichen Effekt wie sein Vorgänger.

Post-Avatar-Depression-Syndrom: Fans sind traurig und unzufrieden

Überraschenderweise ist der Grund für die extremen Reaktionen aber nicht, um was für einen katastrophal schlechten Film es sich besonders beim zweiten Teil des geplanten Vierteilers handelt. Nicht die überfrachteten, sich teils wiederholenden Plotstränge, die klischeetriefenden Figuren und die zahlreichen rassistischen Elemente, die Regisseur James Cameron in seinem teuren Effektfeuerwerk versteckt, sind die Auslöser, die Zuschauer*innen zum Weinen bringen.

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Offenbar handelt es sich bei PADS um ein Gefühl, das besonders die nach wie vor zahlreichen Fans der Filme betrifft. Denn die Unzufriedenheit bezieht sich nicht auf die Qualität der Blockbuster, sondern auf das eigene Leben.

Wie auf Twitter zu bei den jüngst "Erkrankten" zu lesen ist, geht es eher darum, dass Betroffene ihren Alltag als zu eintönig und wenig mit der Natur verbunden empfinden. Twitter-User Uncle Grenk bringt es so auf den Punkt:

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„Post-Avatar-Depression soll nicht real sein? Wieso weine ich dann, nachdem ich 'Way of Water'-Fancams auf Tiktok gesehen habe? Und es ist nicht einmal neun Uhr morgens an meinem ersten Tag zurück bei der Arbeit.“

Der Guardian zitiert einen anderen Fan der Filme:

„Als ich heute aufgewacht bin, nachdem ich gestern zum ersten Mal Avatar gesehen hatte, erschien mir die Welt plötzlich…grau. Es war, als hätte mein gesamtes Leben, alles, was ich bisher getan und wofür ich gearbeitet seinen Sinn verloren. Es wirkt einfach so… sinnlos. Ich sehe keinen Grund mehr… weiterzumachen. Ich lebe in einer sterbenden Welt.“

Avatar-Depression: PADS ist keine echte Krankheit – trotzdem ist es real

Die Arbeit, der Alltag in einer kapitalistischen Gesellschaft, die Zerstörung des Planeten stehen dem einfachen, natürlichen Leben der fiktiven Na’vi gegenüber und verursachen wohl ein schmerzhaftes Empfinden der eigenen Sehnsüchte nach einer anderen Form der Lebensgestaltung.

Wie stark das harte und entbehrungsreiche Leben indigener Völker dabei ausgerechnet von denen romantisiert wird, die mit ihrer Kultur diese Lebensweise nach und nach vernichten, spielt für PADS-Betroffene zunächst keine Rolle. Dass ausgerechnet ein komplett computeranimierter Film, in dem nicht ein einziger natürlicher Grashalm abgebildet wird, diese Sehnsucht nach Natur und Authentizität auslöst, macht das Phänomen aber besonders bemerkenswert.

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Wie Experten dem Guardian gegenüber angaben, handelt es sich bei PADS nicht um eine tatsächliche Krankheit, die man mit einer Depression verwechseln dürfe. Vielmehr seien diese Gefühle völlig normal.

Spannend an PADS ist allerdings, dass wir offenbar in einer Welt leben, in denen schmerzhafte Sehnsüchte nach Realitätsflucht in idealisierte Naturwelten genug Nahrung finden, um viele Menschen nach einem Kinobesuch ernsthaft zu belasten. Egal wie man also zu den Filmen steht: offenbar haben sie den Nerv der Zeit getroffen.

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