Trinken wie Erwachsene – Der Alkoholguide für Erfahrene & Unerfahrene

Matthew Latkiewicz
Illustrated by Sydney Hass.

Wie schreibe ich ein gutes Bewerbungsschreiben? Was muss ich beachten, wenn ich neben dem Studium noch arbeite? Und wie hole ich das meiste aus meinem klitzekleinen WG-Zimmer raus? In unserer #EndlichErwachsen-Themenwoche pünktlich zum Semester- & Bewerbungsstart untersuchen wir alle Aspekte des Erwachsenwerdens und sprechen über das, was wir in der Schule nie fürs Leben gelernt haben – aber gerne gewusst hätten.

Sobald wir erwachsen sind, wird von uns ständig erwartet, Dinge zu tun, die uns nie jemand beigebracht hat. Manches kann man zwar in Kursen lernen – unsere Steuererklärung zu machen, ein Haus zu kaufen, die letzten überflüssigen Kilos abzunehmen. Aber beim Trinken sind wir aufs Ausprobieren angewiesen. Nur leider gehören zum Ausprobieren leider auch immer wieder Komplettausfälle und verkaterte Tage der Regeneration, vor allem, wenn man sich aus den Teenagerjahren mal in die Zwanziger hineinbegibt.

Sobald die Schule vorbei ist, fängt zudem noch mal eine ganz neue Ära des Trinkens an, wenn man nicht viel mehr tun kann, als sich an die Bar zu setzen und auf die Tische derer zu schielen, die dort schon eine Weile verbracht haben. Aber irgendwann ist es an der Zeit zu lernen wie ein erwachsener Mensch zu trinken. Es gibt ein paar Bereiche, an denen du gezielt arbeiten und mit denen du eine Menge wichtiger Lektionen lernen kannst. Klick dich hier durch ein paar wertvolle Tipps – du (und eine häusliche Bar) wirst es uns danken.

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Wie an Kaffee und die Filme von Jim Jarmusch muss man sich auch an Alkohol gewöhnen. Whiskey, Bier und Wein schmecken alle erstmal scheiße, weswegen Anfänger ihren Schnaps oft mit Softdrinks oder Säften mischen, bis er unseren an Süßigkeiten geschliffenen Gaumen schmeichelt (und/oder sie kippen sich wässriges Bier runter).

Außer Zucker fallen unerfahrene Alkoholkonsument*innen auch gerne auf Effekthascherei rein: Alkohol mit Goldflocken, Cocktails, die angezündet werden, geschichtete Shots, die aussehen wie eine Flagge. Die Liste ist endlos—ich hätte eine längere Tirade über Red Bull und koffeinhaltigen Alkohol in petto, für die weder ihr noch ich Zeit habt – aber ihr wisst schon, was ich meine.

Gewöhnt eure Geschmacksnerven an das bittere Zeug, das im Hals brennt. Die mildere Variante wären Longdrinks – also alles was in einem Collins-Glas (fragt Google!) serviert wird – oder ihr springt gleich ins kalte Wasser und bestellt euch einen Whiskey oder Tequila pur zu eurem Bier. Haltet euch bei Mixern an Sodawasser und Tonic Water und vermeidet Highballs mit zuckrigen Softdrinks – Whiskey Cola, Whiskey Ginger und so weiter. Das ist das effektivste Training für eure Gaumen.

Aber jetzt mal im Ernst, das Ziel ist es, dass ihr euch daran gewöhnt, wie Whiskey, Gin und co. pur schmecken, damit ihr sie in verschiedensten Kombinationen zu würdigen wisst: In stärkeren Cocktails, wie einem Martini, Old Fashioned oder Sazerac; in Zitruscocktails, wie dem Daiquiri (nicht der Slush-Eis-Version – nochmal, Google ist euer Freund), Sidecar oder Margarita; und in Longdrinks wie dem Tom Collins oder Mojito, die man sich auch tagsüber gönnen kann. Es dauert eine Weile, bis man den Geschmack von Alkohol zu schätzen weiß, aber wenn man sich einmal daran gewöhnt hat, kann man eine Menge Spaß haben.

Anfänger*innen machen ums Trinken gerne unnötiges Theater: Keg Stands, Trinkspiele, das dämliche Tequila-Shot Ding mit Limette und Salz. Das mag daran liegen, dass Trinken in jüngeren Jahren ausschließlich als Party-Aktivität gesehen wird und man es deswegen mit einem bestimmten Maß an Eskalation verbindet. Ist ja auch in Ordnung, aber irgendwann sollte man dem entwachsen. Kein erwachsener Mensch sollte sich in einer Bar den Handrücken lecken oder Cuervo aus Bauchnabeln schlürfen.

Aus irgendeinem Grund sind bei Anfänger*innen oft auch merkwürdige Trinkgefäße beliebt. Die komplizierte Strohhalme auf der Bourbon Street in New Orleans zum Beispiel oder Bier in Glasstiefeln. Lasst das lieber bleiben.

Bei diesem Schritt müsst ihr eigentlich nichts anderes tun, als mit dem ganzen Quatsch aufzuhören und euren Alkohol wie normale Menschen zu konsumieren. Ich sage ja nicht, dass ihr gleich eure kleinen Finger abspreizen müsst, aber es ist an der Zeit, ein paar der extremeren Trinkmethoden aufzugeben.

Es ist außerdem höchste Zeit, euch ein paar ordentliche Gläser zuzulegen, aber passt auf, dass ihr es damit nicht übertreibt – wenn ihr euch darüber Gedanken macht, was das richtige Glas für einen Bordeaux oder Burgunder ist, dann ist das Pendel etwas zu weit geschwungen. Besorgt euch ein paar Sektschalen, Tumbler, Collins-Gläser und einfache Weingläser.

Als nächstes solltet ihr euch über die verschiedenen Arten Cocktails vorzubereiten informieren: „Neat” bedeutet direkt aus der Flasche, ohne Eis; bei „straight up” wird euer Getränk mit Eis gekühlt (geschüttelt oder gerührt), aber ohne Eis im Glas serviert; „on the rocks” heißt auf Eis. Es gibt übrigens keine Regel, wann gerührt oder geschüttelt werden muss, aber meist schüttelt man den Drink, wenn er etwas enthält, dass sich nicht ganz so leicht mischen lässt (Zitrone oder Eiweiß zum Beispiel), und rührt, wenn man den Alkohol runterkühlen möchte (einen Martini etwa).

Bei Neulingen besteht das heimische Inventar meist aus dem, was noch von der letzten Party übrig ist: billiger Wodka, klebrige Cranberrysaft-Packungen und mindestens drei Flaschen von irgendetwas süßem, künstlich aromatisiertem. Und wenn ihr gerade eine „Strandparty” hattet eine Flasche Spiced Rum. Diese furchterregende Sammlung verstaut ihr entweder im beinahe unerreichbaren Schränkchen über eurem Kühlschrank (an das niemand aus der WG mehr kommt) oder sie steht auf der Arbeitsplatte herum. Und da bleibt sie und sammelt Staub bis zu eurer nächsten Party, während ihr billigen Wein aus einer Kaffeetasse trinkt.

Erster Schritt: Werft alles künstlich aromatisierte weg. Hängt ein „Kein süßer Fusel”-Schild an den Kühlschrank um euch daran zu erinnern (richtiger Schnaps hat zwar seine Daseinsberechtigung, aber dafür seid ihr wahrscheinlich noch nicht bereit). Die Bar eines Kenners oder einer Kennerin muss genau eines ermöglichen: Jederzeit einen klassischen Cocktail zu mischen. Ihr solltet natürlich nicht jeden Tag trinken, aber wie ein gut bestückter Verbandskasten sollte eure Bar es euch erlauben, alle Notfälle zu behandeln, die das Erwachsenenleben so bereit hält (kleine Notfälle häufen sich nämlich als Erwachsene*r).

Was muss man also vorrätig haben, um jederzeit einen klassischen Cocktail mixen zu können? Weniger, als ihr vielleicht denkt. Hier ist eine Liste mit allem, was ihr braucht um die Big Four zu machen: Martini, Manhattan, Old Fashioned und Negroni. Wenn ihr die beherrscht könnt ihr euch an Sazerac, Daiquiri und Sidecar wagen.

Die Spirituosen: Nicht-überdimensionierte Flaschen Gin und Bourbon. Anderes ist natürlich auch willkommen – ich würde als nächstes vermutlich Tequila und Brandy besorgen—aber viele Grundcocktails basieren auf Gin oder Bourbon.

Die Liköre: Jeweils eine Flasche Campari, trockener und lieblicher Wermut. Wenn ihr ein bisschen Geld übrig habt, besorgt euch eine Flasche Absinth für den Sazerac.

Die Cocktailbitter: Jeweils eine Flasche Angosturabitter und Peychaud’s Bitters.

Verschiedenes: Zitronen, Limetten und Orangen, als Garnierung und für Zitruscocktails wie den Daiquiri; Zuckerwürfel für Old Fashioned und Sazerac.

Anfänger*innen verstehen oft den Unterschied zwischen Bars und Clubs nicht. Ich nehme an das liegt daran, dass Alkohol zu trinken wenn man jünger ist immer „Feiern” bedeutet. Deswegen sind die Orte, an denen sich jüngere Semester zum Trinken treffen laut und bunt beleuchtet, und nicht dafür geeignet, einen Drink zu genießen. Sie eignen sich bestens, um Leute anzumachen und geben Erstsemestern einen Grund, ihre Sweatpants abzulegen, aber die Getränke wirken immer, als wären sie für Kinder konzipiert: Säfte, Sodas, grelle Farben, Namen, die sich reimen. Sogar die Bars, in denen Studierende abhängen erinnern oft eher an Parties und sind der einzige Ort, den ich mir vorstellen kann, an dem Menschen für billiges Bier und fettiges Essen schlangestehen.

Und weil sie so laut und hektisch sind, sind sie ein idealer Nährboden für schlechte Angewohnheiten, vor allem, was die Interaktion mit Barkeepern angeht: Mit den Fingern schnipsen, mit einem 20 Euro Schein wedeln, Getränke bestellen, ohne auf die Karte zu sehen oder fragen, ob es das, was man bestellen will gibt (nicht jede Bar hat zum Beispiel Stoli Wodka im Angebot).

Ihr solltet Bars nicht länger als Orte sehen, an denen gefeiert wird, sondern nach solchen suchen, wo ihr entspannt etwas trinken gehen könnt („etwas trinken gehen” würden unerfahrene Trinker übrigens niemals sagen, weil sie nie „etwas” trinken”, sondern „alles was ihnen unterkommt”, wie Jäger und Sammler, die sich eine Speckschicht für den Winter anfressen).

Es gibt eine große Auswahl verschiedenster Etablissements, in denen man gut ein paar Cocktails trinken kann – und in Bars zu gehen macht auch deswegen so viel Spaß, weil ihr herausfinden könnt, welches Etablissement am besten zu euch passt. Aber egal wie die Bar aussieht, sie sollte eine grundlegende Aktivität erlauben: Konversation. Das klingt einfach, aber eine entspannte Bar zu finden, in der man sich nach der Arbeit oder Sonntagnachmittag treffen kann, in der man mit seinen Freunden Zeit verschwenden kann und die Batterien wieder aufladen ist eine der größten Freuden eines Lebens als Alkoholkonsument*in und hat oberste Priorität wenn es darum geht, wie ein erwachsener Mensch zu trinken.

In Sachen Bar-Etikette gibt es eigentlich nur eines zu beachten: Der Barkeeper oder die Barkeeperin weiß, dass ihr da seid. Ich weiß, dass es stressig sein kann, vor allem in einer vollen Bar, aber es ist sein oder ihr Job die Menschen zu finden, die ein Getränk brauchen. Ihr müsst also nichts weiter tun, als Augenkontakt herzustellen.

Wenn man zum ersten Mal die Freuden des Alkohols entdeckt, ist man oft ein bisschen überschwänglich: Laut, voller Emotionen, immer bereit, irgendwo hochzuklettern und runterzuspringen. Ein angetrunkenes Hirn ist zwar unterhaltsam, aber es kann auch ein ziemlicher Arsch sein. Unerfahrene Alkoholkonsument*innen sind wenn sie betrunken sind oft egoistisch oder übermäßig enthusiastisch. Zum Beispiel was Karaoke oder das Stehlen von Stoppschildern angeht.

Findet heraus, wie viel ihr vertragt. Betrunken zu sein ist wie ein wildes Pferd zu reiten: Es ist möglich, dabei elegant auszusehen und eure Würde zu behalten. Die Lektion zur Entspannung ist hier, dass betrunken sein schon Spaß genug ist, da braucht es gar keinen Schabernack mehr. Zeigt euren Freunden, wie viel Spaß Karaoke machen kann, statt zu verlangen, dass sie mit euch singen. Anstatt euch Gedanken zu machen, wo euer nächstes Getränk herkommt, kauft den Menschen um euch herum Getränke. Es geht nicht darum, weniger Spaß zu haben, sondern zu lernen, den Spaß mit anderen zu teilen. Und hört auf, eure Hände zu lecken. Wirklich.

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