Um den Ford-Traum zu verwirklichen: Als Colin McRae Subaru verließ

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Im Jahr 1995 schrieb Colin McRae mit seinem Meisterschaftssieg in der Rallye-WM (WRC) Motorsportgeschichte. Nur drei Jahre später kehrte er den Japanern aber den Rücken, um bei Ford anzuheuern und sich einen persönlichen Traum zu erfüllen. Im Jahr 2001 schrappte er mit den US-Amerikanern nur knapp an einem WM-Titel vorbei.

Nachdem McRae seine Trennung von Subaru bekanntgegeben hatte, suchten Journalisten auf der ganzen Welt nach den Gründen für die Entscheidung. McRae fuhr in der Saison 1999 für Ford und wurde mit zwei Siegen auf dem Konto nur Sechster in der Gesamtwertung. 'Autosport' veröffentliche im August und Oktober 1998 zwei Magazine, die erklärten, warum McRae zum Ford-Konzern wechselte.

"Ich konnte für den Rest meiner Karriere bei Subaru bleiben oder zu Ford wechseln, um eine neue Herausforderung anzunehmen", erklärte McRae damals. "Ich hätte einen Verbleib einfach erklären können, weil das Team um mich herum aufgebaut wurde und ich jeden kannte. Aber vielleicht ist genau das die Zeit für einen Tapeten- und Kurswechsel."

Ende einer langen Partnerschaft mit Subaru

Nur wenige Wochen nach seinem 30. Geburtstag beendete er die acht Jahre lange Partnerschaft mit den Japanern, um im Januar 1999 erstmals mit dem blauen Oval auf dem Rennanzug in Monte Carlo zu starten. Er fuhr damals den neuen Focus WRC, der von M-Sport rund um Malcolm Wilson aufgebaut wurde.

Colin McRae im gelb-blauen Subaru: Eine Ikone der WRC-Historie

Colin McRae im gelb-blauen Subaru: Eine Ikone der WRC-Historie<span class="copyright">Motorsport Images</span>
Colin McRae im gelb-blauen Subaru: Eine Ikone der WRC-HistorieMotorsport Images

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Es war eine große Herausforderung und die Chance, zu scheitern, war groß. Jedoch war es ein Angebot, dass der Schotte damals nicht ablehnen konnte. Dabei ging es natürlich auch um Geld, auch wenn die genauen Zahlen nicht bekanntgegeben wurden. Gerüchte verdichteten sich, dass McRae bei Ford rund sechs Millionen Pfund bekommen haben soll.

Subaru erklärte, der Marke sei im Oktober klar gewesen, dass sie womöglich ihren Starfahrer verlieren wird. Jedoch sollen die Verhandlungen zwischen Ford und McRae bereits seit März im vollen Gange gewesen sein. Colin McRaes Vater Jimmie, der ebenfalls im Rallye-Sport aktiv war, sagte, dass der Deal mit Ford bis zur letzten Sekunde in der Schwebe war.

Wechselgerüchte faszinieren die Medien

"Ich war bei Malcolm, um zu sehen, wie das Geschäft läuft und dann kam Colin in Dunton [Fords Entwicklungszentrum] dazu, um mehr über das Projekt zu erfahren", erinnerte sich McReas Vater. "Wenn er, was er gesehen hat, nicht gemocht hätte, wäre er sofort wieder gegangen, um bei Subaru zu bleiben. Es gab das Argument, noch ein Jahr zu warten, um zu schauen, wie der Focus laufen wird, aber er hat dann verstanden, dass es besser ist, gleich zu Beginn des Projekts dabei zu sein und wieder ein Team um sich herum aufzubauen."

Die Gerüchte um einen möglichen Wechsel von McRae zu Ford dominierten die Schlagzeilen und ein britischer Fahrer hatte damit den WRC-Transfermarkt vollkommen im Griff. Mit einer Unterschrift bei Ford, würde es einen Dominoeffekt geben, der zu vielen Fahrerwechseln innerhalb eines Monats führen würde.

"Ich glaube, es war für den britischen und globalen Rallye-Sport einfach fantastisch", so Jimmie McRae. "Es war unglaublich, wie viel Interesse das generiert hat. Ich denke, es ist gut, wenn Fahrer im Laufe der Zeit das Team wechseln. So bleiben alle am Limit und es gibt keine Stagnation."

WM-Debüt 1991 im Subaru

Als McRae über seine Zukunft nachdachte, war ihm wohl klar, dass er mit Ford in der Saison 1999 nicht gewinnen würde. Er sagte: "Wenn das klappen würde, wäre es ein Bonus. Ich kann aber nicht mit diesen Erwartungen zu Ford wechseln. Wer einen Sieg erwartet, wird enttäuscht sein. Wenn man aber ganz offen ist, dann könnte so ein erster Platz eine schöne Überraschung sein."

Mit einem Subaru in den legendären Rothmans-Farben debütierte McRae

Mit einem Subaru in den legendären Rothmans-Farben debütierte McRae<span class="copyright">Motorsport Images</span>
Mit einem Subaru in den legendären Rothmans-Farben debütierte McRaeMotorsport Images

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Die Zielsetzung schien sich aber schnell zu ändern, denn plötzlich wollte McRae weitere Siege auf seine 16 Triumphe addieren. Er erklärte: "Fords Ziele, die WRC zu gewinnen, sollten nicht meine eigenen Ambitionen schmälern, während das neue Auto entwickelt wird."

Doch der Wechsel bedeutete auch, dass McRae ein Team hinter sich lässt, dass ohne ihn in den vergangenen sieben Jahren niemals das erreicht hätte, was es letztlich erriecht hat. Im Jahr 1991 kam Subaru mit dem Legacy RS in die WRC, einem Auto, von dem nur Bauern vielleicht etwas gehört hatten.

David Richards: So wichtig war McRae für Subaru

McRae schaffte es, seine "Colin-McCrash-Tage" hinter sich zu lassen, um sich in einem Rothmans-Auto den britischen Rallye-Titel zu holen. Auch im darauffolgenden Jahr war McRae in allen fünf Events unschlagbar. Plötzlich kannte jeder Subaru, weshalb die Auto auf den verschiedensten Märkten verkauft wurden.

Prodrive-Chef David Richards war enttäuscht, seinen Freund McRae ziehen lassen zu müssen. Dennoch war er seinem Talent dankbar für das, was es geleistet hat: "Colin wäre ohne Subaru sicher nicht da, wo er heute ist, aber wir wäre ohne ihn auch nicht da, wo wir jetzt sind. Es ist traurig, ihn gehen zu sehen und ich hoffe, dass wir eines Tages wieder zusammenarbeiten werden."

Zu diesem Zeitpunkt steckte McRae mitten im Titelkampf für Subaru. Obwohl er von den Tests für die Saison 1999 ausgeschlossen wurde, gab der Schotte alles, um wieder auf dem ersten Platz zu landen. Subaru-Teamchef David Lapworth sagte: "Seine Titelambitionen sind so groß wie nie zuvor."

Großangriff von Ford auf den WRC-Titel

Mit oder ohne der Startnummer 1 auf der Tür, Ford wusste, einen der schnellsten Fahrer in der WRC verpflichtet zu haben. "Wir haben ein Dream-Team", sagte Wilson. "Wir haben das Ziel, nächstes Jahr einige Events zu gewinnen, aber der Fokus liegt auf der WRC 2000."

Malcolm Wilson lotste McRae von Subaru zu Ford

Malcolm Wilson lotste McRae von Subaru zu Ford<span class="copyright">Motorsport Images</span>
Malcolm Wilson lotste McRae von Subaru zu FordMotorsport Images

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Doch was für ein Auto fährt ein Mann, der sechs Millionen Pfund verdient? Einen Ford Focus mit 320 Pferdestärken und Allrad-Antrieb. Das Auto wurde im September 1998 auf der Paris Motor Show präsentiert. Die Konkurrenz hatte also die Chance, erste Blicke auf den Ford-Boliden zu werfen, der Millionen gekostet hat. Das Ziel war es, den Titel zurück nach Großbritannien zu holen.

Seit den 1960er-Jahren, damals war es der erfolgreiche Escort MK1, war es das erste Mal, dass Ford zeitgleich eine Rallye- und eine Straßenversion eines neuen Autos auf den Markt gebracht hat. Die Verbindung zu den besonders starken Mk1- und Mk2-Escorts ist hier auch noch nicht vorbei.

Kann der Focus an alte Ford-Erfolge anknüpfen?

Der Escort dominierte in den 1960er- und 1970er-Jahren das Geschehen und auch der Focus sollte die Marke zu altem Glanz führen. Damals gab es eine ganz besondere Entwicklung, denn die Läufe wurden live im Fernsehen übertragen und die Einschreibungen häuften sich aufgrund des Interesses.

Der Ford-Motorsportchef für Europa, Martin Whitaker, sagte: "Der Rallye-Sport ist kurz davor, abzuheben. Jemand muss nur die Turbine anwerfen und dann wird der Sport wie eine Rakete durch die Decke gehen. Wir wollen an der Spitze sein, genau wie damals, als der Sport so populär war."

Innerhalb von 38 Wochen konzipierte und baute M-Sport das neue Auto in Millbrook in Bedfordshire. Jedoch musste sich das neue Baby von Ford erst noch in einem echten Wettbewerb beweisen.

Siege zu Beginn hatte niemand erwartet

Beim ersten Test wurde das Auto in die Hände des Champions des Jahres 1995 gegeben. Doch nach den problemlosen Tests musste sich das Auto bei der Rallye Monte Carlo im Januar unter Wettbewerbsbedingungen beweisen. Am Steuer war McRae, der sein Debüt für Ford feierte.

"Es juckt mir unter den Fingern, endlich den Focus zu fahren", sagte McRae im Spanien-Urlaub. "Das Auto ist einer der wichtigsten Faktoren für die Entscheidung für Ford gewesen. Näher kommt man nicht an das ultimative Rallye-Auto heran."

Wilson, der das WRC-Programm von Ford durchführt, war damals mit seinen Erwartungen an das neue Auto sehr vorsichtig. Er hat es nicht geschafft, ein Auto mit dem blauen Oval an der Front im Jahr 1998 auf Platz eins zu stellen und deshalb war es für ihn natürlich nicht einfach, über mögliche Siege mit dem neuen Auto zu sprechen.

Malcolm Wilson: Das Mastermind des Ford-Projekts

"Die ersten drei Runden der kommenden Saison sind Rallyes für Spezialisten", sagte Wilson. "In Monte Carlo kann es eisig sein, in Schweden wird es Schnee geben und bei der Safari geht's um die Taktik und die Pace. Erst in Portugal werden wir erfahren, ob der Focus wettbewerbsfähig ist."

"Ein Rennsieg im kommenden Jahr wäre fantastisch, aber einen vor der zweiten Saisonhälfte zu erwarten, wäre etwas zu viel. Eines ist aber sich: Dieses Auto wird Ford wieder zurück an die Spitze bringen, denn da gehört es hin."

Zur Jahreswende war Wilson bereit, das neue Auto unter seine Fittiche zu nehmen und alles vorzubereiten. Er baute ein 15 Mann starkes Team in M-Sport South auf, das war der Spitznahme der Millbrook-Basis. Ende Februar nahm das Fahrzeug dann immer weiter Formen an.

Damals WRC, heute Formel 1: Günther Steiner

Günther Steiner, heute Teamchef des Formel-1-Teams Haas, der damals Projektsmanager von Focus in Millbrook war und vorher Erfahrung bei Prodrive und Mazda gesammelt hatte, sagte: "Wegen der Logistik waren die Midlands der richtige Ort. Viele Zulieferer wie Xtrac oder Mountune arbeiteten in dieser Region. Es hätte zahlreiche Extrastunden gekostet, Teile aus Cumria zu organisieren."

Der heutige F1-Teamchef Günther Steiner arbeitete bei Ford mit Colin McRae

Der heutige F1-Teamchef Günther Steiner arbeitete bei Ford mit Colin McRae<span class="copyright">Motorsport Images</span>
Der heutige F1-Teamchef Günther Steiner arbeitete bei Ford mit Colin McRaeMotorsport Images

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Zwei Karosserien wurden zu diesem Zeitpunkt in Millbrook aufgebaut, eine für Fahrten auf losem Untergrund und eine für Asphalt. McRae und sein bis dato unbekannter Teamkollege sollten insgesamt sechs Autos zur Verfügung gestellt bekommen.

"Wir hoffen, dass Colin nach der RAC Zeit hat, um zu testen", so Wilson, der zwei Wochen zuvor Juha Kankkunen als möglichen Teamkollegen für McRae verloren hatte. "Bis dahin werden ich und ein Top-Fahrer das Auto teilen. Es ging sehr schnell, aber das ist nicht ungewöhnlich. Unsere Testfahrten werden davon nicht beeinflusst werden, aber Juha wird sich nicht bestreiten."

Verspätungen bei Motor und Getriebe

Eigentlich sollte der Focus schon längst fahren, doch Verspätungen bei der Entscheidung, wo der Motor und das sequentielle Sechs-Gang-Getriebe eingebaut werden sollen, verlangsamten das Programm. Wilson glaubte aber daran, dass sich das nicht auf die Leistung des Focus auswirken wird.

"Natürlich wäre es besser, wenn wir weitere sechs Monate Zeit hätten", sagte er. "Die haben wir aber nicht. Es gibt kein großes Desaster, der Focus wird im Januar in Monte Carlo starten. Noch mehr: Ich glaube, er wird von vorne herein schnell sein. Wir sind überzeugt vom Design und ich hoffe, dass die Zeit am Zeichenbrett uns einige Zeit beim Testen sparen wird."

Die Gerüchte um eine innovative Schaltung haben sich verdichtet, als McRae zu Ford wechselte und auch Wilson versuchte alles, um dem Projekt mit seinen Versteckspielen eine mystische Wand um das Projekt aufzubauen. Er war bereit über alle Bereiche des Autos zu sprechen, nur nicht über das Getriebe.

Ford investiert Millionen in die WRC

"Darüber kann ich nichts sagen", wiederholte er immer wieder. "Die Details werden zum richtigen Zeitpunkt bekanntgegeben, aber nicht jetzt.

22.11.1995: Derek Ringer & Colin McRae gewinnen die Rallye-WM

22.11.1995: Derek Ringer & Colin McRae gewinnen die Rallye-WM<span class="copyright">Motorsport Images</span>
22.11.1995: Derek Ringer & Colin McRae gewinnen die Rallye-WMMotorsport Images

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McRae gab sich etwas zurückhaltender: "Natürlich hoffen wir alle, dass der Focus von Beginn an schnell sein wird. Wenn er es aber nicht ist, werden wir als Team hart arbeiten, um ihn schneller zu machen. Ich habe die Reife, um geduldig zu sein und auf die Resultate zu warten. Versteht mich nicht falsch, ich fahre, um zu gewinnen. Ich habe nicht bei Ford unterschrieben, um der bestbezahlteste Testfahrer zu werden."

Der Fokus wurde pünktlich für die Saison 1999 fertiggestellt und war bei der Rallye Monte Carlo gleich wettbewerbsfähig. McRae landete auf Platz drei, wurde aber nachträglich disqualifiziert. Grund für den Ausschluss war die Wasserpumpe, die nicht die korrekte Größe hatte und falsch positioniert wurde.

Tempo passt, aber mangelnde Konstanz verhagelt Erfolge

Tommi Makinen gewann die Läufe in Monte Carlo und Schweden, doch dann schlug die Stunde von McRae, der sowohl die Safari als auch die Rallye Portugal gewann. Damit lag er in der Gesamtwertung nur noch zwei Punkte hinter dem Finnen. Doch dann machte dem Schotten die Haltbarkeit des neuen Focus und einige individuelle Fehler einen Strich durch die Rechnung. Er erlebte eine Reihe von Ausfällen, die ihn weit zurückwarfen.

Letztlich wurde er in der Gesamtwertung nur Sechster. Im Jahr 2000 gewann McRae mit Ford zwei weitere Rallyes, aber wichtiger war, dass er die nötige Konstanz fand, um vorne mitzuhalten. Doch wieder gab es zu viele Ausfälle, um ein echter Titelkandidat zu sein. Marcus Grönholm im Peugeot beendete im Jahr letztlich die unglaubliche Reihe von Makinen, der vier Meisterschaftssiege in Folge gefeiert hat. Richard Burns wurde zum zweiten Mal in Folge im Subaru Zweiter.

Im Jahr 2001 feierten McRae und Wilson endlich die langersehnten Erfolge. Trotz eines schlechten Starts in die Saison, gewann McRae drei Rallyes in Folge. Beim Finale in Großbritannien hatte der Schotte in der Gesamtwertung sogar einen Punkt Vorsprung auf Makinen und zwei Zähler Vorsprung auf Burns.

Dramatisches WM-Finale 2001

Makinen fiel früh aus, weshalb es ein Duell zwischen den beiden Lokalmatadoren wurde, die ihre Heimrallye bis dato jeweils dreimal gewonnen hatten. McRae hatte einen kleinen Vorsprung auf Burns, bis er auf der vierten Wertungsprüfung eine schnelle Rechtskurve zu sehr schnitt. Der Focus hob ab und überschlug sich mehrmals. Das war das Ende für McRae und seine Titelhoffnungen.

Er sagte: "Ich entschuldige mich beim gesamten Team. Wir waren so nah dran, aber wir haben es wieder nicht geschafft." Burns hingegen behielt die Nerven und landete trotz einer Schrecksekunde auf Platz drei. Er schnappte sich damit den Fahrertitel mit zwei Punkten Vorsprung. Ford wurde in der Herstellerwertung zum zweiten Mal in Folge Zweiter - trotz des Top-Fahrerkaders bestehend aus McRae und Carlos Sainz.

Im Jahr 2002 war Grönholm unschlagbar, aber immerhin holte McRae zwei weitere Siege. Insgesamt kam er damit in der WRC auf 25. erste Plätze, neun davon holte er mit Ford. Er verließ Ford und heuerte bei Citroen an, doch neben den Youngster Sebastien Loeb hatte McRae keine Chance, etwas zählbares zu holen. Danach entschied er sich, seine Karreire als Vollzeitfahrer zu beenden.

Ford musste noch lange warten, bis es zum ersten Sieg in der Herstellerwertung reichte. Im Jahr 2006 pilotierten Grönholm und Mikko Hirvonen den Focus RS WRC 06, der Ford erstmals seit 1979 wieder einen Titel einbrachte.

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.