Um Schulden zu entgehen: Australier täuscht seinen Tod vor

Der digitale Fußabdruck wächst mit jeder Sekunde am Smartphone. Dadurch wird es immer schwieriger, von der Bildfläche zu verschwinden. Foto: Symbolbild / gettyimages / Maskot

Eine junge Beziehung, ganz gewöhnlich. Sie leiht im Geld, keine große Sache. Die Beziehung zerbricht, ohne besonderen Grund. Sie möchte ihr Geld zurück, keine Reaktion. Dann verschwinden seine Sachen aus seiner Wohnung. Dann verschwindet er.

Das Merkmal von Rachels erster richtigen Beziehung? Sie war sehr gewöhnlich, wie Beziehungen in diesem Alter häufig sind. Rachel war damals gerade volljährig, ihr Partner drei Jahre älter. Beide lernten sich während der Arbeit in einer Kneipe kennen. „Er war aufmerksam und nett und dabei überhaupt nicht seltsam“, erzählt Rachel im Gespräch mit dem australischen öffentlich-rechtlichen Sender „ABC“. Doch bei „gewöhnlich“ sollte es nicht bleiben. Im Gegenteil. Deshalb hat sich ABC wohl entschieden, keine Orte und Nachnamen in der Berichterstattung zu nennen. Der Name von Rachels Partner ist ebenfalls nicht der echte: Für den Artikel heißt er Alistair.

Alistair kam demzufolge eines Abends mit einer gebrochenen Hand von der Arbeit. Eine Prügelei, die aber nicht seine Schuld gewesen sei. Deswegen könne er aber einige Zeit nicht hinter der Bar stehen, ob Rachel ihm nicht 1.000 Dollar leihen könne, für Miete und das alles. Sie tat es. Einige Monate später trennte sich das Paar. Nichts Schlimmes, niemand ist fremdgegangen, Rachel war damals halt jung und sprunghaft und beendete die Sache. So erinnert sie sich daran.

Viele Schulden bei Freunden und Bekannten

Alistair zahlte ihr 300 Dollar zurück. Dann aber reagierte er aber nicht mehr auf ihre Anrufe und Nachrichten zu der restlichen Summe. Gemeinsame Freunde erzählten Rachel, Alistairs Habseligkeiten seien zudem aus seiner WG verschwunden. Möbel, Bett, alles weg. „Zuerst hieß es, er sei in einer Entzugsklinik in Queensland“, sagt Rachel. Dabei habe sie nie gesehen, wie Alistair Drogen nahm. Sie begann, mehr Freunde und Bekannte nach ihm zu befragen. Dabei kam heraus, dass er Schulden angehäuft hatte. Mindestens 2.200 Dollar. „Ab diesem Zeitpunkt wollte ich es genau wissen. Die Entzugsgeschichte fiel schnell in sich zusammen“, sagt Rachel.

Sie ließ nicht locker, fand Alistair aber auch nicht. Bis sie einen Anruf bekam von einer Freundin: Alistair sei gestorben. „Wenn ich heute daran denke, klingt es dumm. Aber in dem Moment habe ich nicht daran gezweifelt. Wieso auch?“ Alistairs Mutter erzählte auf Nachfrage folgende Version: Ihr Sohn sei von einer Motorradgang ermordet worden, er habe ihr Geld geschuldet. Rachel wollte nicht noch mehr Details wissen, sie wollte trauern.

Der Schock: Er lebt noch?

Zwei Jahre später saß sie mit ihrer besten Freundin in einem Restaurant, zurück in der Stadt, in sie aufgewachsen war. In dem Restaurant hatte lange Zeit Alistairs Bruder gearbeitet, also fragte Rachel nach ihm. „Ich wollte eigentlich nur ‚Hallo!‘ sagen.“ Er sei heute nicht da, sagte eine Kellnerin, ob sie stattdessen mit seinem Bruder reden wolle. Was? Ein Schock für Rachel. Sie verlangte, ihn sofort zu sehen. Stattdessen kam der Manager des Restaurants an ihren Tisch und fragte, ob es ein Problem gebe und was ihr Aufstand solle. Er bat sie, sein Restaurant zu verlassen.

Weil Rachel nicht weiterwusste, ging sie noch am selben Abend zur Polizei. Die konnte ihr nicht helfen. „Die Beamten sagten, dass mein Wort gegen seins stehe, ob und wie viel Geld ich Alistair gegeben habe“, erinnert sich Rachel. Rachel rief in dem Restaurant an und verlangte, mit Alistair zu sprechen. Niemand mit diesem Namen arbeite dort, bekam sie als Antwort. Nur Momente später, so erzählt es Rachel, habe sie eine Nachricht bekommen. Von Alistairs Mutter. Wieso nur habe Rachel so eine Szene machen müssen? Alistair habe deshalb gerade seinen Job verloren.

Von der Bildfläche verschwinden ist schwierig

Jedes Jahr tauchen Zehntausende Australier unter. Ganz von der Bildfläche zu verschwinden aber ist schwierig. So sagt es Steve Wallis im Gespräch mit ABC. Wallis arbeitet bei der „SWA Recovery and Investigation Group“ und ist darauf spezialisiert, Menschen wiederzufinden. „Wer wirklich verschwinden will, muss Geduld haben und sehr entschlossen sein.“. Eine neue Identität könne man sich zwar kaufen, die koste allerdings sechsstellige Summen und benötige viele Monate Vorlaufzeit. Man müsse zudem einen besonderen Charakter haben, um alle sozialen Kontakte abzubrechen und Familie und Freunde zu belügen. Helfen würde es hingegen, im fortgeschrittenen Alter zu sein und keinen großen digitalen Fußabdruck zu besitzen. „Wer vor dem Jahr 1960 geboren wurde und nicht viel Zeit online verbracht hat, hat wenig digitale Spuren hinterlassen“, sagt Wallis.

Für alle anderen Menschen werde es immer schwieriger, richtig zu verschwinden – wegen verbesserten Überwachungstechnologien. Alistair, so der Experte, konnte nur deshalb so lange unentdeckt bleiben, weil seine Schulden – ironischerweise – so klein waren. „Bei einer höheren Summe wären auch die Nachforschungen größer gewesen.“

Wer bist du?

Rachel verfolgte Alistair daraufhin nicht mehr. Erst der Zufall brachte sie wieder zusammen, Jahre später, die gleiche Stadt, ein anderes Restaurant. „Wir blickten uns an, er hat mich auf jeden Fall wiedererkannt“, sagt sie. „Ich fragte ihn nach meinem Geld. Aber er murmelte nur, dass er nicht wisse, wer ich sei und von welchem Geld ich reden würde.“ Dann verschwand er in der Küche.