Preisdumping: Sind unsere Lebensmittel zu billig?

Beim Einkauf wollen oder müssen viele Verbraucher auf den Preis achten. Auch Lebensmittelhändler werben deshalb mit Tiefpreisen. Doch nach Meinung vieler Kritiker sind unsere Lebensmittel viel zu billig. Nun lenkt die Kanzlerin den Blick auf die Folgen - vor allem für Bauern.

Symbolbild: Getty Images

Die Deutschen geben vergleichsweise wenig für Lebensmittel aus. Ein Grund dafür sind – neben dem hohen Lohnniveau hierzulande - die niedrigen Lebensmittelpreise in Deutschland, wie die folgende Grafik veranschaulicht:

Grafik: Statista

Sind unsere Lebensmittel zu billig? Schätzen wir unser Fleisch, unser Brot und unsere Milch zu wenig? Haben wir keinen Respekt vor den Herstellern, den Landwirten und Metzgern? Geht es nach den Bauernverbänden und Tierschützern, sind die Antworten auf alle diese Fragen: Ja. Und Schuld an der Misere, sind sich Kritiker einig, sind die Discounter, die sich regelmäßig regelrecht Rabattschlachten im Kampf um die Gunst der Käufer liefern. Händler wie Aldi, Edeka, Lidl und Kaufland buhlen mit Preisdumping um die Kunden – und das auf Kosten der Hersteller.

Warum setzten Supermärkte auf Aktionen mit Billigpreisen?

Viele Kunden lieben Schnäppchen. Für fast zwei Drittel (65 Prozent) der Bundesbürger sind Sonderangebote beim Einkaufen wichtig, wie das Marktforschungsunternehmen Nielsen in einer Studie berichtete. Im harten Wettbewerb kann sich kein Händler leisten, diese Erwartungen zu enttäuschen und sein “Preis-Image” zu gefährden. Wie empfindlich viele Verbraucher beim Preis sind, erlebte vor einigen Monaten Lidl. Der Discounter wollte nur noch Bananen mit Fairtrade-Siegel verkaufen, das sollte 10 bis 20 Cent pro Kilo mehr kosten. Doch die Verbraucher spielten nicht mit und kauften bei der Konkurrenz. Am Ende musste Lidl zurückrudern.

Auch in der Politik ist das Problem angekommen. Deren führende Vertreter sind um Sensibilisierung der Verbraucher und des Lebensmittelhandels bemüht. Das Ziel: Unser Essen soll in Zukunft wieder etwas wert sein. Deshalb trafen sich Montag Bundeskanzlerin Angela Merkel, Wirtschaftsminister Peter Altmaier und Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner mit den Chefs der vier hierzulande größten Supermarktketten zum Agrargipfel.

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Was kam bei dem Treffen heraus?

Neue Gesetze seien wie zu erwarten nicht beschlossen worden, sagte Agrarministerin Julia Klöckner (CDU) nach der Runde. Sie nannte aber einige Punkte, mit denen es weitergehen soll. In einer “Beschwerdestelle” sollten Erzeuger Fälle unfairer Praktiken melden können. Denn bisher bekämen Gemüsebauern schon mal morgens ein Fax, dass es statt 30 am Vorabend bestellter Paletten Kopfsalat nur noch 15 sein sollen. Um so etwas zu stoppen, solle eine entsprechende EU-Richtlinie rasch umgesetzt werden, sagte Klöckner. Lieferanten dürften auch nicht monatelang auf Geld warten.

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Der Agrargipfel ist auch eine Reaktion auf die Bauernproteste, die immer lauter ihre Wut über die Niedrigpreispolitik zum Ausdruck bringen.

Wie sind die Bauern davon betroffen?

Julia Klöckner warnt vor Dauertiefstpreisen. Wertschätzung könne nicht entstehen, wenn Fleisch, Obst und Gemüse teils verramscht würden. Leidtragende am Ende der Kette seien die Bauern, denen weniger bleibe, selbst wenn sie höhere Standards liefern müssten. Von einem Euro, den Verbraucher für Nahrung zahlen, kommen beim Erzeuger im Schnitt noch knapp 21 Cent an, wie das Thünen-Forschungsinstitut nach Daten für 2018 ermittelte. Vor 20 Jahren waren es mehr als 25 Cent. Der Tierschutzbund forderte, nicht allein den Handel in den Preis-Blick zu nehmen, sondern etwa auch Schnellrestaurantketten.

Was sagt der Handel dazu?

Während alle Welt sich aufregt, versteht der Lebensmittelhandel das Problem nicht. Die Branche fühlt sich zu Unrecht an den Pranger gestellt. Der Handelsverband Deutschland (HDE) betonte vorab: “Lebensmittel werden hier nicht verschleudert.” Deutschland liege bei Lebensmittelpreisen rund zwei Prozentpunkte über dem Schnitt der einst 28 EU-Staaten. Zudem gebe es “globale Preisabhängigkeiten”, die man national gar nicht steuern könne. Rewe-Chef Lionel Souque erinnerte auch daran, dass hierzulande rund 13 Millionen Menschen in Armut oder an der Armutsgrenze lebten. “Günstige Lebensmittelpreise ermöglichen diesen Menschen eine gesunde und sichere Ernährung.”

Ob es in der Lebensmittelbranche in Zukunft tatsächlich fairer zugehen wird, hängt davon ab, ob die Politik bereit ist, den Worten auch Taten folgen zu lassen. Und der Bereitschaft der Verbraucher, für Lebensmittel mehr Geld auszugeben.

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Mit Material von dpa