Warum wir uns öfter peinliche Momente vorstellen sollten

Oft kann man jede Menge scheinbar rationaler Gründe vorlegen, warum man nicht um die Dinge kämpft, die man haben oder erreichen will. Vielleicht ist es nicht der richtige Zeitpunkt, oder man fühlt sich nicht in der richtigen Position, um danach zu fragen. Aber noch viel häufiger ist der eigentliche Grund, der einen zurückhält, ein anderer: Es ist Angst. Aber Angst wovor genau?

In einer Publikation auf Psychology Today schreibt der Karriere-Coach Marty Nemko, dass unsere Selbstverwirklichung zwar auch von einer Angst vor dem Versagen gehemmt wird, aber viel mehr noch von der Angst vor einer peinlichen Blamage.

Anders als Versagensangst, die bis zu einem gewissen Grad durchaus nachvollziehbar ist, denn es besteht ja normalerweise wirklich die Chance auf ein Versagen, besteht die Angst vor einer Blamage darin, dass man sich darüber Sorgen macht, was andere im Falle eines Versagens über einen denken. Nemko fasst diese irrationale Angst mit ein paar Beispielen zusammen:

"Aus Angst, wie ein Loser dazustehen, ist man nicht gewillt, sein Netzwerk nach potentiellen Jobs zu fragen.
Aus Angst, peinlich zu klingen, fragt man nicht nach einem Date.
Aus Angst, Verletzlichkeit zu zeigen, hält man sich zu oft zurück."

Manche der besten Gelegenheiten, die größten Türen, die strahlendsten Momente in unseren Leben bleiben uns verschlossen, einfach weil wir Angst davor haben, was andere Menschen denken könnten.

Um die Sorge über die Meinung der anderen abzumildern, schlägt Nemko vor, sich die folgende Frage zu stellen: "Was würde das weise Ich in mir tun?" Er gibt auch einen vielleicht noch brauchbareren Tipp für alle, die das weise Ich noch nicht gefunden haben: Denken Sie über die Blamage nach.

Das klingt im ersten Moment nach dem genauen Gegenteil der üblicherweise angepriesenen Taktik der positiven Gedanken, aber das Prinzip ist durchaus nachvollziehbar. Wenn man sich auf die schlimmstmögliche Situation konzentriert, realisiert man vermutlich, dass dieses Szenario gar nicht so schlimm ist und dass es vermutlich sogar nützlich sein kann – vorausgesetzt es ist nicht destruktiv oder illegal.

Nehmen wir beispielsweise folgendes Szenario: Bei einem Meeting hält man eine Präsentation und ein Kollege äußert einen heftigen, aber begründeten Kritikpunkt. Dies löst die Angst aus, dass die anderen einen nun für weniger intelligent halten könnten. Aber wenn man die Situation im Kopf übt, kann man die gedankliche Schwere des Vorfalls ziemlich minimieren. Man kann sich etwa darauf vorbereiten, sich dadurch nicht aus der Fassung bringen zu lassen, sondern bessern zu reagieren, vielleicht indem man sich für das Argument bedankt, schlägt Nemko vor.

Wer jede Erfahrung als Möglichkeit zum Lernen und Weiterentwickeln sieht, bekämpft am besten die lähmende Angst vor einer peinlichen Blamage. Niemand ist perfekt, und man wird niemals wachsen, wenn man nicht ab und an auch versagt.

Edith Zimmerman erwähnt auf The Cut noch einen weiteren interessanten Aspekt: Diese Art, sich den Moment der Peinlichkeit genau vorzustellen, erinnere sie stark an das Konzept der "20 Sekunden Mut", laut dem es nur den Bruchteil einer Minute voller Selbstvertrauen bedarf, um etwas Großes in Bewegung zu versetzen. Die Beziehung zwischen den beiden lässt sich gut mit einem Zitat von Seth Godin zusammenfassen, der sagt: "Tanze mit der Angst. Und während du tanzt, realisierst du, dass Angst tatsächlich ein Kompass ist – es gibt dir den Hinweis, dass du an etwas dran bist."

Die Dinge, die die größte Angst vor einer Blamage auslösen, sind also vielleicht genau die Dinge, auf die man mit Höchstgeschwindigkeit zu rennen sollte, denn sie sind vielleicht genau das, was wir wirklich wollen..