Vergiftete Komplimente: Mikroaggressionen erkennen und vermeiden

Ann-Catherin Karg
·Freie Journalistin
·Lesedauer: 4 Min.

Den Begriff der ”Mikroaggression“ brachte der US-Psychiater Chester Pierce schon in den 1970er-Jahren auf, doch noch immer ist vielen Menschen die abwertende Bedeutung mancher nur scheinbarer Komplimente nicht bewusst. Zeit, sich einmal selbst zu fragen, wie sich die eigene Wortwahl auf Gesprächspartner auswirken kann.

Alltagsrassismus: Was du über Mikroaggressionen wissen solltest. (Bild: Getty Images)
Alltagsrassismus: Was du über Mikroaggressionen wissen solltest. (Bild: Getty Images)

In der Sozialpsychologie wird der Begriff der Mikroaggression als eine als übergriffig wahrgenommene Äußerung in der alltäglichen Kommunikation beschrieben. Laut dem Psychiater Chester Pierce, der den Begriff 1970 prägte, sind damit Äußerungen gemeint, die auf die Gruppenzugehörigkeit der Adressaten anspielen und von diesen deswegen als eindeutig abwertend empfunden werden. Und das kann gerade auch dann passieren, wenn die Intention desjenigen, der ein scheinbares Kompliment ausspricht, eine ganz andere war.

Gerade in der aktuell besonders präsenten gesellschaftlichen Debatte rund um die “Black Lives Matter”-Bewegung werden Mikroaggressionen wieder zum Thema.

”Du hörst dich gar nicht schwarz an“: Das soll ein Kompliment sein?

Die Autorin Michele Barnwell erklärt das in einem Artikel für ”Yahoo! Style“ an einem Beispiel: Ihr werde immer wieder gesagt, wie gut sie sich ausdrücken könne. Und schon als Kind hätten Leute ihr gegenüber gerne betont, sie höre sich ”gar nicht schwarz an“, wobei der Subtext immer dieser gewesen sei: ”Was für ein Glück für dich.“ Es muss wohl nicht erklärt werden, dass solche Kommentare von weißen Menschen kamen. Wie verletzend diese und ähnliche Äußerungen für People of Color sein können, muss es aber wohl doch. Denn der Subtext bedeutet ja nichts anderes, als dass eine Person of Color, die sich gut artikulieren kann, eine Ausnahme darstellt und es ein bewundernswerter Vorteil ist, wenn sich jemand, der schwarz ist, anhört, als wäre er weiß. In dieser Denkweise wird weiß sein automatisch mit einer höheren Bildung assoziiert.

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Mikroaggression richtet sich gegen Minderheiten

Solche vergifteten Komplimente können sich nicht nur an Angehörige verschiedener Ethnien richten und damit einen rassistischen Hintergrund haben, sondern generell gegen alle Minderheiten. Dasselbe wäre es, einem Homosexuellen zu sagen, er sähe ja gar nicht schwul aus, und das als Kompliment zu meinen. Einer Frau in Führungsposition, dass sie verhandelt hätte ”wie ein Kerl“. Oder wenn ein Lehrer immer dann Schüler mit Migrationshintergrund aufrufen, wenn es im Unterricht um den Islam oder den Nahen Osten geht.

Worte können auch dann verletzen, wenn das nicht mit Absicht geschieht. Manchmal sogar noch mehr als im offenen Streit. (Bild: Getty Images)
Worte können auch dann verletzen, wenn das nicht mit Absicht geschieht. Manchmal sogar noch mehr als im offenen Streit. (Bild: Getty Images)

Erst einmal die Schwarzen kontrollieren

Weitere Beispiele, die Michele Barnwell aufzählt und Mikroaggressionen gegen People of Color darstellen: Polizisten, die bei einer Verkehrskontrolle in einer wohlhabenden Gegend gezielt Schwarze herauswinken und dies damit begründen, dass es dort einige Einbrüche gegeben habe. Mitarbeiter eines Supermarktes, die People of Color hinterherlaufen und kontrollieren, ob diese auch nichts stehlen. Oder Menschen, die Farbige erst einmal als Hilfskräfte einstufen und dann völlig überrascht sind, wenn sie sich als Chefs herausstellen.

Natürlich aber können Mikroaggressionen auch ohne die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe auftreten - etwa wenn man einem Freund etwas übel genommen hat und ihm dies in kleinen Botschaften im Gespräch signalisiert anstatt es offen anzusprechen.

Viele kleine Traumata können irgendwann zu einem großen werden

Die Psychologin Ann Arbor bezeichnet Mikroaggression als kleines Trauma, wobei sich eine Vielzahl davon irgendwann genauso auf betroffene Personen auswirken können, wie große Traumata, ein schwerer Unfall zum Beispiel, eine Naturkatastrophe oder ein tätlicher Angriff. Für die Betroffenen resultiere daraus traumatischer Stress, sagt auch der Universitäts-Professor Robert T. Carter von der Columbia University.

Und noch dazu ein Stress, der von anderen Menschen leicht abgetan werde mit Hinwiesen, sie sollten nicht so empfindlich sein oder sich nicht so anstellen. Eine weitere klassische Verhaltensweise der (unbewussten) Aggressoren: Den Opfern vorhalten, die ”Rassismus-Karte“ zu ziehen und es als völlig abwegig bezeichnen, sie selbst könnten sich rassistisch oder anderweitig abwertend geäußert haben. Nicht zuletzt kann das daher rühren, dass sie sich dessen tatsächlich nicht bewusst sind.

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Was also kann man tun, um nicht selbst zum Aggressor zu werden?

Zunächst sollte man einfach anerkennen, wenn sich sein Gegenüber von etwas, das man selbst gesagt hat, angegriffen oder beleidigt fühlt – auch, wenn man es nicht so gemeint hat. Wer die Schuld einfach zurückgibt, indem er behauptet, der andere wäre zu sensibel oder empört reagiert, weil man als rassistisch, homophob, frauen- oder behindertenfeindlich bezeichnet wurde, macht es für sein Gegenüber nur noch schlimmer.

Statt sich zu verteidigen, sollte man erst einmal zuhören und annehmen, dass sich der andere verletzt fühlt. Und dann so stark sein, dass man es auch annehmen kann und vielleicht Dinge über den Haufen wirft, die man sein ganzes Leben lang so gedacht oder gesagt hat. Der Mensch kann sich schließlich ein Leben lang weiterentwickeln.

Gleichwohl sei darauf hingewiesen, dass das Konzept der Mikroaggressionen in der Wissenschaft arg umstritten ist. Dies liegt unter anderem an der schwierigen empirischen Erhebung, aber auch daran, dass das Konzept propagierende Forscher oftmals grundlegende Prinzipien der psychologischen Forschung missachten oder ignorieren.

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