Warum versteht kein Influencer, dass eine Show ohne Instagram nur sie selbst beleidigt?

Lia Haubner

„Wir wurden ‚schwarze Krähen‘ genannt – wir, das Modevolk, das vor einem verlassenen, einsturzgefährdeten Gebäude in Downton in einer Comme des Garçons- oder Yohji-Yamamoto-Uniform zusammenkam. Wessen Beerdigung ist das?, fragten die vorbeilaufenden Passanten in einem besorgten und gleichzeitig morbiden Flüsterton, während wir für eine der vielen hippen Underground-Präsentationen in den 1990ern Schlange standen“, schrieb Suzy Menkes, eine der einflussreichsten Modekritikerinnen, vor drei Jahren in der New York Times – um danach zum Rundumschlag gegen den Circus of Fashion auszuholen, in dem das eigene Selfie und Schaulaufen vor der Kollektionspräsentation mehr zählt als die Vision des Designers.

Wenn Marc Jacobs bei seiner Herbst/Winter 2017-Präsentation einen 1990er-Trend zurückgebracht hat, dann definitiv das Krähen-Gefühl. Alle reden über seine Show, weil Stille auf einmal etwas Besonderes ist. Überrascht wurde das Publikum vor allem mit Pünktlichkeit. Die Show begann um 13:59 Uhr – eine Minute zu früh. In einer Welt, in der man in der Front Row lieber 2.000 Mal statt zweimal auf den Auslöser drückt, um das perfekte Bild von sich posten zu können, ist die Abwesenheit des Aufschiebens auf einmal ein Skandal.

Apropos erste Reihe: Es gab keine. Die geladenen Gäste – unter anderem Lil' Kim und Frances Bean Cobain – saßen sich links und rechts in einer langen Reihe gegenüber. Die Models liefen in aller Stille über den so entstandenen Laufsteg, um die von der Dokumentation Hip-Hop Evolution inspirierte Kollektion zu präsentieren. Ihr Ziel? Der Bürgersteig vor der Armory, auf dem sie zwischen Klappstühlen und riesigen Boxen posierten und die Gäste beim Herauskommen mit ihren Smartphones filmten.

Ob nun Augenzwinkern oder echte Kritik an einer Zeit, in der Instagram Live mehr wert ist als ein Showmoment im Real Life: Der große Moment der New Yorker Modewoche ist dem Designer damit gelungen. Im Vorfeld kündigte Jacobs bei WWD schlicht an, die Live Experience in den Fokus rücken zu wollen. Online wäre die Präsentation ja sowieso zu sehen – zwar nicht unmittelbar, jedoch nur einen Wimpernschlag nach der Show.

Einen Aufschrei gegen das strikte Echtzeit-Postingverbot, das eine außergewöhnliche Live Experience nicht nur bei der Modewoche ausmacht, gab es nicht. Im Gegenteil: Jacobs wird einstimmig als Rebell gefeiert, der die Modewoche mit dieser „Revolution“ wieder bedeutsam macht. Weg mit den Smartphones, weg mit dem Zirkus! Leandra Medine von Man Repeller, die ihre Karriere als Bloggerin begann, spricht sogar von einem „Umschreiben der Regeln der NYFW“.

Was in all der Euphorie vergessen wird: Es sind die Blogs, die Bilder und die Live Stories – ja, gerade der Zirkus – der dafür gesorgt hat, dass der kleine Kreis an Krähen zu einer großen Gruppe wurde, die mehr Farben zulässt. Wenn nun also selbst Influencerinnen ein Fotoverbot feiern, weil es sich gut anfühlt, dass die alten Regeln 2017 ein Comeback wagen, ist das nichts weiter als der Versuch, den aus der Form geratenen Kreis wieder zu schließen. Die neue Elite ist gekommen, um zu verändern – fand den angewärmten Front-Row-Platz aber dann doch so gemütlich, dass gar nicht viel Überredungskunst nötig war, um davon überzeugt zu sein, ihn sich doch einfach mit der alten Elite zu teilen.

Die Tür zum Ort des Geschehens wird damit sorgfältig geschlossen. Wirkliche Offenheit? Fehlanzeige. Und außerdem zu kurz gedacht: Hätten sich Social-Media-Kanäle nicht irgendwann elegant durchs Schlüsselloch gequetscht und den Kreis kurzzeitig aufgesprengt, gäbe es keine neue Elite, sondern immer nur das Mittagessen und Balkonblumen bei Instagram.

Natürlich fühlt man sich nicht mal als einfache Zuschauerin besonders wohl, wenn der Zirkus vor jeder Modewoche Überhand nimmt und die Kollektion des Designers das Letzte ist, über das berichtet wird. Zugegeben, irgendwann kommt man selbst als Follower nicht umhin, sich zu fragen, ob wirklich jeder Moment („Hier sind wir im Taxi“ – „Jetzt steigen wir aus dem Taxi aus“ – „Nun stehen wir mit zwei Taschen in der Höhe von zwei Monatsmieten auf dem Bürgersteig“ – „Jetzt sind wir einen Zentimeter weiter in Richtung Location durch Manhattan gelaufen“) dokumentiert werden muss. Ich entscheide jedoch selbst, wie viel ich davon sehen möchte – und nicht zwingend jemand in Schwarz, der etwas von Comme des Garçons trägt.

Blogs und Instagram haben die Mode nicht demokratisiert. Doch wir sollten uns damit anfreunden, dass das vielleicht nie das Ziel war. Was sich verändert hat, ist, wer über Mode spricht und auch noch ein Publikum hat, das sich bereitwillig anhört, was er oder sie zu sagen hat. Wer gehört wird, ist wichtig. Punkt. Und ist es nicht genau das Großartige an 2017, dass es egal ist, ob eine gute Meinung eine schwarze Yohji Yamamoto-Uniform oder ein glitzerndes iPhone trägt?

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