Virales Video aus Chile: Tanz auf dem Vulkan

Moritz Piehler
Freier Autor
Mit seinem Tanz auf dem Vulkan wurde dieses Pärchen aus Chile im Internet zum Symbol für die anhaltenden Proteste gegen die Regierung. (Screenshot: Twitter)

Chile wird von den schwersten Protesten und Unruhen der letzten Jahrzehnte erschüttert. Mittendrin tanzt ein vermummtes Paar seelenruhig auf der Straße und wird im Internet zum viralen Symbol für die Widerstandsfähigkeit der Chilenen.

Die anarchistische Schriftstellerin Emma Goldman ist bis heute bekannt für ihr Zitat: “Wenn ich nicht tanzen kann, dann ist es nicht meine Revolution!” Dieses Motto hat sich offensichtlich auch dieses vermummte Pärchen in der chilenischen Hauptstadt Santiago zu Herzen genommen. Während hinter ihnen scheinbar die Revolution tobt und Löschschaum und Rauch die Luft erfüllt, tanzen die beiden mit verhüllten Gesichtern seelenruhig ihre Improvisation mit Tango-Elementen zur Mischung aus Musik und Polizeisirenen.

Der Song, den man über den Lärm der Stadt hören kann, ist “Regresa” der peruanischen Sängerin Lucha Reyes. “Lass mich nicht sterben, ohne von Dir Abschied zu nehmen” heißt es in dem Lied, zu dem die beiden engumschlungen tanzen. Die kleine Straßenszene hat viele User berührt, allein auf Twitter wurde das Tanzvideo über 800.000 Mal angeschaut. Doch das traurige Lied und der alle Risiken ignorierende Tanz haben einen ernsthaften Hintergrund. Wer momentan in Chile noch demonstrieren geht, muss mit heftigen Repressionen und Attacken rechnen.

Die Bilanz bisher: 23 Tote, 2300 Verletzte

Angefangen hatten die Proteste wegen einer scheinbar lächerlichen Erhöhung der Preise für den öffentlichen Nahverkehr. Doch dahinter stecken Jahrzehnte sozialer Ungleichheit, die eine neoliberale Wirtschaftspolitik hinterließen, die zu den striktesten des Kontinents gehört. Seit dem 18. Oktober reißen die Proteste gegen Präsident Piñera nicht ab und die Regierung, die zunächst einige Kompromisse einging, um die Demonstrierenden zu beruhigen, schlägt mit aller Härte zurück. Mindestens 23 Todesopfer gab es bereits, über 2300 Menschen wurden verletzt, davon 1400 durch Schusswunden. Dazu haben Polizei und Militär bereits über 7000 Chilenen verhaftet.

Amnesty International sieht dahinter eine gezielte Strategie, “Demonstrierende zu verletzen und zu bestrafen,” schrieb die Organisation in einem Statement. Auch die UN hat eine Untersuchung gegen den chilenischen Staat wegen Verletzung der Menschenrechte eingeleitet. Doch die Demonstrierenden haben sich bisher davon nicht einschüchtern lassen und reagieren mit kreativem Protest. Die bekannteste Form ist das sogenannte “Cacerolazo”, das laute Schlagen auf Töpfe und Pfannen. Schon in Argentinien wurde damit gegen die Militärdiktatur protestiert, in Chile tauchten die Töpfe wieder auf. Oft werden auch die Lieder des ermordeten Sängers und Nationalhelden Victor Jara gemeinsam gesungen, um friedlichen Protest zu zeigen.

Die Straßenschlachten haben schon 23 Todesopfer gefordert, das Militär geht mit brutaler Macht gegen die Demonstrierenden vor. (Bild: Reuters/Pablo Sanhueza)

Tatsächlich ist Tanzen als Protestform in Chile nicht unbekannt. Seit den späten siebziger Jahren haben Frauen alleine den traditionellen Tanz “Cueca” aufgeführt, um an die Verschwundenen zu erinnern, die unter der Diktatur von General Augustin Pinochet gefoltert und ermordet wurden. Es ist ein Teil der chilenischen Geschichte, der bis heute nicht richtig aufgearbeitet wurde. Pinochet verstarb 2006, ohne jemals für seine Verbrechen zur Rechenschaft gezogen worden zu sein. Teile der rechtskonservativen Politiker in Chile wollen sich für sein Andenken einsetzen und die historische Aufarbeitung verhindern.

Die Bilder der Verhaftungen auf der Straße und die Gewalt, mit der die Polizei jetzt gegen die Demonstrierenden vorgeht, haben bei vielen Chilenen traumatische Erinnerungen an die Anfangsjahre der Diktatur hervorgerufen. Über 40.000 Menschen wurden damals verhaftet und gefoltert, unzählige Chilenen gingen für Jahrzehnte ins Exil, um der Verfolgung zu entkommen. Trotz eines stabilen Wirtschaftswachstums gibt es in Chile eine enorme soziale Ungleichheit, auch das ein Erbe der von den USA gestützten Wirtschaftspolitik der Diktatur. Der lange unterdrückte Frust der Chilenen bricht jetzt auf den Straßen aus, ob durch Topfschlagen oder Tanzen.