Virologe Christian Drosten: Wer ist der Mann, der uns das Coronavirus erklärt?

Im Fernsehen, im Radio, in der Politik: Überall hören derzeit Menschen von jung bis alt, aber auch Entscheider und Entscheiderinnen, auf den Chefvirologen der Berliner Charité Christian Drosten. Im Netz hat der ruhige Mediziner gar einen kleinen Hype ausgelöst.

Der 48-jährige Christian Drosten ist Direktor des Instituts für Virologie an der Charité in Berlin. (Bild: Christophe Gateau / dpa)

„Der Corona-Aufklärer der Nation“, „Deutschlands einflussreichster Arzt“, „der beste Mann für die Krise“: Christian Drosten gehören derzeit nicht nur diese und ähnliche Schlagzeilen, sondern auch die Sympathien des ganzen Landes. Die hat sich der Leiter der Virologie der Berliner Charité durch seine vielzitierte „Unaufgeregtheit“ gesichert, mit der er in seinem Podcast beim NDR das Coronavirus erklärt.

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Über Nacht berühmt

Wer aber ist Drosten, dem derzeit ganz Deutschland zuhört und auf den wichtige politische Entscheider und Entscheiderinnen hören? Geboren 1972, wuchs er auf einem Bauernhof im Emsland auf, kam über den Zivildienst zur Medizin. Er studierte Chemietechnik, Biologie und später Humanmedizin. Erste Erfahrungen sammelte er auf einer Intensivstation. Die waren laut Spiegel „ernüchternd“, deshalb orientierte er sich um: Ab 2000 trug Drosten einen Laborkittel, arbeitete am Bernhard-Nocht-Institut in Hamburg, leitete dort die Laborgruppe Molekulare Diagnostik. Ab 2007 stand er dem Institut für Virologie des Uniklinikums Bonn vor.

Doch schon 2003 wurde er praktisch über Nacht berühmt. Zumindest unter Corona-Expertinnen und -Experten. Noch als Nachwuchswissenschaftler identifizierte er damals mit einem Kollegen das Sars-Virus, gemeinsam entwickelten sie – schneller als die US-amerikanische Seuchenschutzbehörde – ein Testverfahren. Beide wurden sie dafür mit dem „Verdienstkreuz am Bande“ für besondere Leistungen auf geistigem Gebiet ausgezeichnet. Seither beschäftigt sich Drosten mit der Stammfamilie des aktuellen Coronavirus.

Damals zeigte er, so schreibt die Website Watson, wie viel ihm an einer „Aufklärung der Öffentlichkeit“ liegt: Er stellte seine Sars-Ergebnisse, noch bevor sie in einem renommierten wissenschaftlichen Magazin veröffentlicht worden waren, online und frei zur Verfügung.

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Die Berliner Charité wollte ihn unbedingt haben

Seit 2017 leitet er die Virologie der Berliner Charité, berät außerdem in Gesundheitsfragen auf seinem Fachgebiet die erste politische Riege: Bundeskanzlerin Angela Merkel, Gesundheitsminister Jens Spahn, das Auswärtige Amt.

Auch für das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2, das erstmals im Dezember 2019 auftrat, entwickelte seine Forschungsgruppe einen Test – sie entschlüsselten außerdem das komplette Genom aus deutschen Coronavirus-Proben. Beides stellte Drosten im Januar wieder frei und weltweit zur Verfügung.

Nur Transparenz hilft gegen unzureichende Datenlage

Laut Focus ärgert er sich, wenn wichtige Informationen in Krisenzeiten nicht sofort veröffentlicht würden, deshalb stelle er Aktuelles derzeit auch mal direkt auf seine Laborseite unter „Vorveröffentlichungen“. Er will, so lautet sein Credo, möglichst immer mit maximaler Transparenz vorgehen.

Das führt auch zu Fehlern. So formulierte er laut Zeit zwischendurch die Arbeitshypothese: Das neuartige Coronavirus sei wie Sars. Und leitete daraus ab, dass der neuartige Stamm 2019-nCoV nur von Menschen mit Symptomen übertragen würden. Was sich mittlerweile als falsch herausgestellt hat. Was aber nichts an seiner Überzeugung geändert hat. Das Einzige, was in einer Situation mit unzureichender Datenlage helfe, sei Transparenz, so Drosten. Nur wenn alle Informationen für die zuständigen Institutionen sofort verfügbar seien, ließen sich fehlerhafte Annahmen korrigieren und richtige Reaktionen einleiten.

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Nicht einfach eine Zahl in die Welt setzen

Heute werden viele seiner Empfehlungen, das schreibt der Tagesspiegel, nach ein, zwei Tagen zum „politischen Gebot“. Drosten sagte etwa, Massenveranstaltungen zu untersagen wäre sinnvoll. Wenig später übernahm Gesundheitsminister Spahn diese Worte. Das gleiche bei Schulschließungen, Tagungen, Clubs.

Am Donnerstagabend vergangene Woche saß Drosten in der TV-Talksendung von Maybrit Illner. Da hat seine Stimme, die viele Menschen aus seinem NDR-Podcast kennen, den er seit 26. Februar immer montags bis freitags aufnimmt, ein Gesicht bekommen: Ein hageres, auf dem sich dunkle Haare locken.

Sein Auftritt machte dabei klar, dass Drosten um seine zentrale Rolle, die er momentan in Deutschland spielt, weiß: Er spricht sehr konzentriert, sehr ruhig. Jetzt ist keine Zeit und kein Platz für unbedachte Äußerungen. Auf die Frage Illners nach der Zahl schwerer Erkrankungsfälle antwortet er: „Ich kann hier nicht einfach irgendeine Zahl in die Welt setzen.“ Illner fragt weiter, wie der weitere Verlauf der Pandemie aussehe? Drosten: „Das sind Projektionen, die ich hier so nicht machen kann.“

Aufklärung auf höchstem Niveau

Seine Ernsthaftigkeit und seine Weigerung von Verkürzung und Vereinfachung sind wohl die wichtigsten Gründe, wie Drosten in so kurzer Zeit seinen Expertenstatus in der Öffentlichkeit erreichen konnte. Er selbst bezeichnet es so: „Ich bin da so reingedriftet.“

Jetzt nutzt er das aus, um in Talkshows, Interviews und den täglichen 30 Podcast-Minuten den Stand der Forschung („Wissenschaft ist kein Schwarz-Weiß-Bild“) und die Folgen für den Alltag für jeden in nahbarer und verständlicher Sprache zu erklären.

Das hat ihm viele Fans und positive Reaktionen eingebracht. Etwa: „Die wichtigste Sendung im deutschsprachigen Raum.“ Oder: „Das ist Aufklärung auf höchstem Niveau.“ Und: „Das einzige, was ich jemals wirklich vermissen werde, wenn diese Coronakrise mal endet, sind die täglichen Updates von Herrn Drosten. Toller Mann!!“

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