Virtuelles Vaginamuseum: Warum wir das weibliche Geschlecht neu betrachten müssen

Stephanie Johne

Alles Vulva! In Österreich gibt es das erste und wahrscheinlich auch einzige Museum, das sich künstlerisch ausschließlich dem weiblichen Geschlecht widmet. Ebenso vielseitig, wie die kreative Namensgebung für den Genitalbereich der Frau – die Liste reicht von Vulva, Mumu, Pussy, Patuschka, Yoni, Scheide über Vagina – sind auch die hier gezeigten, zeitgenössischen Interpretationen. Während das männliche Glied in der Kunst schon lange fest etabliert ist, verhielt man(n) wie frau sich bei Darstellungen des weiblichen Geschlechts immer eher zurückhaltend bis es mit zunehmendem Einfluss der Kirche ganz aus der bildenden Kunst verschwand. Neben der medialen Degradierung zum pornografischen Sinnbild gibt es bis heute leider noch immer wenig Raum für eine sentimentalere Wahrnehmung. Im Zuge der sexuellen Revolution der Frau sieht sich jedoch auch dieses Phänomen mit einer wachsenden Gegenbewegung konfrontiert. Denn immer mehr Künstler/innen machen die weibliche Geschlechtlichkeit zum Gegenstand ihrer kreativen Arbeit.

Gerade gab die schwedische Sängerin Lykke Li auf Instagram ihr neuestes Projekt Liv bekannt, eine gemeinschaftliche Zusammenarbeit mit Andrew Wyatt (Sänger der Band Miike Snow). Das Cover zum ersten Song „Wings of Love“ ziert eine Vulva ähnliche Darstellung einer Frucht in den Farben Lila und Pink, die Raum für eindeutige Spekulationen lässt. Die Schwedin, die vor einem halben Jahr Mutter geworden ist, befasst sich nicht erst seitdem mit ihrer weiblichen Identität und scheut sich auch nicht, öffentlich für diese einzustehen. In Österreich hat sich eine nicht minder starke Künstlerin sehr viel ausführlicher an die Thematik gewagt und zu Gunsten des weiblichen Geschlechts gleich ein ganzes Museum ins Leben gerufen.

Dabei handelt es sich beim VAGINAMUSEUM.at um keine real begehbare Örtlichkeit, sondern um ein virtuelles Kunstprojekt. Trotz seines kulturellen Wertes als Aufklärungsplattform polarisierte Kerstin Rajnar, die selbst unter dem Pseudonym frau mag rosa pink(ein Persiflage aus: die Frau, die Rosa und Pink mag, aber auch eine Magistra ist) agiert, damit von der ersten Sekunde an. Kein Wunder, denn sie greift ein gesellschaftlich lang totgeschwiegenes Tabuthema auf und gibt dieses öffentlich zur Diskussion frei. Da, wo bis dato Unsicherheit und Scham ihren Platz hatten, versucht sie stattdessen Verständnis zu manifestieren und bricht so aus dem reinen Kunstdiskurs aus. So schwierig die Notwendigkeit einer solchen Plattform seitens der Öffentlichkeit nachzuvollziehen sein mag, so überfällig ist sie. Denn das weibliche Geschlecht ist in der Gesellschaft nach wie vor nicht positiv integriert.

Warum beharren wir noch immer auf Namen wie „Schamlippen“, wo doch „Venushügel“ und „Venuslippen“ soviel schöner klingen?

Doch warum ist die öffentliche Darstellung intimer Weiblichkeit in einer emanzipierten Gesellschaft nach wie vor so schambesetzt? Kerstin Rajnar hat ihre Antwort in den Traditionen der Vergangenheit gefunden: „In der prähistorischen Zeit repräsentierte die Vulva noch die Kraft der Frau als Lebensspenderin und wurde entsprechend geachtet. Im Mittelalter änderte sich das, unter anderem auch bedingt durch die Kirche. Die Frau wurde als dem Mann unterlegen angesehen und galt als Inbegriff der Sünde. Auch ihre öffentliche Darstellung veränderte sich. An Kirchen konnte man sogenannte Vulva weisende Figuren sehen, die die Menschen vom Irrglauben abhalten und die Gefährlichkeit der Frau aufzeigen sollten. Im barocken Zeitalter galt die Frau dann als erotisches Objekt der Begierde und diente der Schaulust des Mannes. Diese Schaulust hat sich bis in die Gegenwart fortgesetzt und unter dem Begriff „Pornografie“ oder „Sex Sells“ in den Medien Einzug gehalten. Die christlichen Wertvorstellungen, verzerrt dargestellte Sexualität in Pornokultur und Medien, aber auch schambesetzte Begrifflichkeiten prägen unser Unterbewusstsein und bewerten somit das weibliche Geschlecht negativ, was wiederum Angst erzeugt. Diese Angst wird in unterschwelliger Aggression und Schamhaftigkeit zum Ausdruck gebracht.“

Und tatsächlich spiegelt sich diese bis heute selbst in der Bezeichnung des weiblichen Geschlechts wieder. Oder warum beharren wir sonst noch immer auf Namen wie „Schamlippen“ oder die „Scham“, wo doch „Venushügel“ und „Venuslippen“ soviel schöner klingen? Anstatt das weibliche Geschlecht als Leben schenkendes, positiv behaftetes Organ zu sehen, wird es – wenn es denn öffentlich thematisiert wird – entweder pornografisiert oder mit längst überholten, kulturellen Riten, wie der Beschneidung junger Mädchen, in Verbindung gebracht.

Kerstins Museum sieht sich als informative und kulturelle Bildungsplattform deswegen auch als Versuch, das weibliche Geschlecht aus dem Schatten dieser einseitigen Wahrnehmung zu erheben. Die für Menschen jeden Alters, Geschlechts und sozialer wie ethnischer Herkunft zugänglich gemachten Inhalte sollen zum Nachdenken und zur wertfreien Auseinandersetzung anregen. Bis heute hat keine andere kulturelle Einrichtung weltweit versucht, intime Weiblichkeit fernab von Genres wie Aktmalerei oder erotischer Fotografie in diesem Ausmaß sichtbar zu machen. Arbeiten wie The Great Wall of Vagina von Bildhauer Jamie McCartney, für die er die Vulven von rund 400 Frauen in Gips abdrucken ließ oder Anish Kapoors überdimensionierte Skulptur aus verrostetem Stahl, q ueen’s vagina, bilden dabei eher die Ausnahme. Der Mangel an kulturell wie künstlerisch relevanteren Auseinandersetzungen mit der Thematik gab Kerstin schließlich den entscheidenden Impuls, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. „Angst, Scheu, Scham und Belustigung sind oft erkennbare Merkmale, wenn es um das weibliche Geschlecht geht. Indirekt ist dann zu beobachten, wie sich diese Verhaltensweisen auch auf die Persönlichkeit der Frau auswirken. Mir war deswegen wichtig, einen zeitgemäß orts- und zeitungebundenen Raum zu schaffen, wo sich Menschen wertfrei informieren können.“

Die Realisierung des Museums war eine lange, schwere und schmerzhafte Geburt, hat mir aber auch die Notwendigkeit aufgezeigt, eine solche Einrichtung zu schaffen.

Wie bereits erwähnt waren die Reaktionen der Öffentlichkeit, insbesondere seitens der Medien, zu Beginn alles andere als positiv. „Ich bin noch vor Projektstart medial angegriffen worden – vor allem in Bezug auf die öffentlichen Förderungen hat sich eine kleine österreichische Boulevardzeitung äußerst negativ geäußert. Das Projekt wurde als dubios, verrückt und sogar wahnsinnig bezeichnet. Glücklicherweise haben sich die negativen Berichterstattungen nach der Eröffnung zum positiven gewandelt. Die Realisierung des Museums war eine lange, schwere und schmerzhafte Geburt, hat mir aber auch die Notwendigkeit aufgezeigt, eine solche Einrichtung zu schaffen. Wäre die Weiblichkeit in unserer Gesellschaft gleichberechtigt, sichtbar und positiv, wäre doch niemals so ein Auflehnen entstanden.“

Eine Neuausrichtung dieser Wahrnehmung ist daher nicht nur in Hinsicht auf die Kunst längst überfällig, sondern auch zugunsten der Verbesserung der Stellung der Frau und der Normalisierung dieser Debatte. „Laut einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation WHO, ich glaube aus dem Jahr 2013 (Global and regional estimates of violence against women), erleidet weltweit jede dritte Frau körperliche und/oder sexuelle Gewalt, die oft mit schweren psychischen Traumata einhergehen. Durch die öffentlich positive Darstellung des weiblichen Geschlechtes könnte nicht nur die Weiblichkeit an sich wieder positiv sichtbar gemacht werden, sondern vielleicht auch Gewalt aus dem Leben vieler Frauen verbannt werden.“ Um das zu erreichen, ist Kerstin vor allem an der Vernetzung von Kunst und Gesellschaft gelegen. Sie selbst befasst sich in ihrer Arbeit schon lange mit Geschlechterrollen und der suggestiven Wahrnehmung von Weiblichkeit – nicht ohne Grund ist ihr Künstlerinnenname frau mag rosa pink. „Die Farbe Pink ist weich und warm und laut Farbpsychologie die Farbe der Liebe. Nicht zu verwechseln mit der Farbe Rot, der fälschlicherweise oft diese Rolle zugeschrieben wird, denn Rot ist die Farbe der großen Emotionen. Pink ist allerdings auch die umstrittenste Farbe der Gegenwart und wird gerne als billig oder geschmacklos abgetan, und absurderweise dem Weiblichen zugeordnet. 1920 war das noch anders. Laut dem Ladies' Home Journal von 1918 war Rosa, auch als „kleines Rot“ bekannt, die Farbe für Buben, während Blau als passend für Mädchen galt. Der Grund dafür: Rosa ist eine entschlossenere, starke Farbe, während Blau zarter und anmutiger ist.“

Seit 1940 ist das laut der deutschen Schriftstellerin und Sozialwissenschaftlerin Eva Heller anders. Nachdem Arbeiter vermehrt Blau getragen haben und die religiöse Assoziation mit der Jungfrau Maria immer mehr verblasst ist, wird Blau eher dem Männlichen zugeordnet. Das paradoxe ist, dass das gegenwärtig – obwohl noch gar nicht lange her – längst ein Fakt und absolute Verständlichkeit ist. Für uns alle sollte das einmal mehr bedeuten: Geschlechterparadigmen gehören kritisch hinterfragt und ein für allemal aufgebrochen. Und wenn der Weg dahin eine positivere Wahrnehmung des weiblichen Geschlechts ist und die Kunst dazu beitragen kann, das weibliche Geschlecht wieder oder überhaupt salonfähig zu machen, dann leistet das virtuelle VAGINAMUSEUM.at einen ganz entscheidenden Beitrag dazu – denn ihre Onlinepräsenz entscheidet am Ende des Tages auch über ihre Offlinepräsenz.

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