Coronavirus: Mehrere Todesfälle in Italien - Krisentreffen der EU-Gesundheitsminister

In Italien hat sich die Coronavirus-Krise weiter verschärft. Die Behörden gaben am Montagabend einen siebten Todesfall bekannt. Die Zahl der Infizierten stieg nach Angaben des Zivilschutzes auf mindestens 229. Italien ist binnen kurzer Zeit zum größten Herd des Virus in Europa geworden. In Rom findet deshalb am Dienstag ein Krisentreffen statt.

Ärzte versorgen eine Corona-Patientin in Wuhan (Bild: Costfoto/Barcroft Media via Getty Images)

Das Wichtigste in Kürze:

  • Bestätigte Fälle in China: 77,659 (Todesfälle: 2,663, geheilt: 27,418)

  • Bestätigte Fälle außerhalb Chinas: 2469 (Todesfälle: 34, geheilt: 273)

  • Bestätigte Fälle in Deutschland: 16 (Todesfälle: 0, geheilt: 14)

  • Bestätigte Fälle in Italien: 231 (Todesfälle: 7, geheilt: 1)

  • Italien riegelt Städte im Norden ab

  • Mehrere Staaten verfügen Grenzschließungen zum Iran

Lage in Italien verschärft sich - Krisentreffen der EU-Gesundheitsminister

Mit dem Coronavirus-Ausbruch in Italien mit mehr als 200 Infizierten und mehreren Toten ist die Epidemie nah an Deutschland herangerückt. «Deshalb müssen wir damit rechnen, dass sie sich auch in Deutschland ausbreiten kann», sagte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Montag in Berlin. An diesem Dienstag wollten die Gesundheitsminister aus Deutschland, Slowenien, Frankreich, der Schweiz und Österreich in Rom die Lage mit ihrem italienischen Amtskollegen beraten, wie Spahn mitteilte. Ein Virus mache an Landesgrenzen nicht halt, sagte er.

In Italien sind nach Behördenangaben bis zum frühen Montagabend mindestens sieben Infizierte gestorben - alle hatten demnach Vorerkrankungen. Die Zahl der Infektionsnachweise stieg trotz drastischer Maßnahmen wie Sperrzonen auf mehr als 220, wie Zivilschutzchef Angelo Borrelli am Abend in Rom sagte. Mehr als 25 Menschen seien auf der Intensivstation. Am Vorabend waren es noch rund 150 gemeldete Infizierte. Italien ist aktuell mit Abstand das Land mit den meisten erfassten Fällen in Europa.

In der besonders schwer betroffenen Lombardei wurden zehn Gemeinden in der Provinz Lodi zu Sperrzonen erklärt. Dort kontrollieren Sicherheitskräfte, wer rein und raus darf.

Spahn sagte auf die Frage, ob auch in Deutschland ganze Städte abgeriegelt werden könnten, theoretisch sei vieles denkbar. Notwendig sei so ein Schritt nicht. «Von der Absage von Großveranstaltungen (...) bis zum kompletten Abriegeln ganzer Städte gibt es ja auch noch viele Zwischenstufen.»

Ausbreitung des Coronavirus in Italien (23.02.2020). (Bild: dpa / Redaktion: A. Stein; Grafik: F. Bökelmann)

Weiterer 'Diamond Princess'-Passagier tot

Ein weiterer Passagier von Bord des vom neuen Coronavirus betroffenen Kreuzfahrtschiffes "Diamond Princess" in Japan ist gestorben. Das berichteten japanische Medien am Dienstag. Die betroffene Person in ihren 80ern war in ein Krankenhaus gebracht worden, wo sie starb. Es ist der vierte Todesfall unter den Passagieren des Schiffes. Insgesamt hatten sich mehr als 690 Passagiere und Crewmitglieder mit dem Virus Sars-CoV-2 infiziert, darunter auch ein deutsches Ehepaar. Die von der Regierung in Tokio angeordnete, inzwischen aufgehobene zweiwöchige Quarantäne auf dem Schiff war von einigen Experten als unzureichend kritisiert worden. Ursprünglich hatten sich rund 3700 Menschen auf dem Schiff befunden.

WHO sieht noch keine Pandemie

In China stieg die offizielle Zahl der Toten bis Dienstag um weitere 71 Fälle auf 2663. Auch wurden in der Volksrepublik weitere 508 Infektionsfälle bestätigt, womit die amtliche Gesamtzahl der Ansteckungen auf rund 77.500 wuchs. Die offizielle Zahl der neu registrierten Infektionen war in China zwar höher als am Montag, lag aber deutlich unter dem Stand der vergangenen Woche. Nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat die Epidemie in China bereits vor drei Wochen ihren Höhepunkt überschritten.

Allerdings hat sich die Krise zuletzt außerhalb von China deutlich verschärft - mit insgesamt mehr als 2000 bestätigten Ansteckungsfällen und mindestens 30 Todesfällen in dutzenden Ländern. Größter Herd des Erregers außerhalb Chinas ist Südkorea. Dort stieg die Zahl der bestätigten Infektionsfälle bis Dienstag auf 893. Mindestens acht Menschen starben an dem Erreger.

Bundesregierung plant keine Grenzschließungen

Auch nach der Ausbreitung des Coronavirus im Norden Italiens plant die Bundesregierung derzeit keine Grenzschließungen. Entsprechende Überlegungen gebe es im Bundesinnenministerium nicht, sagte ein Ressortsprecher am Montag in Berlin. Ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums sagte, in Deutschland sei es bisher gelungen, Menschen, die mit dem Covid-19-Virus infiziert seien, zu isolieren und zu behandeln. Für eine anhaltende Viruszirkulation in Deutschland gebe es derzeit keine Anhaltspunkte, sagte der Sprecher unter Berufung auf das Robert Koch-Institut. Die Lageeinschätzung könne sich aber ändern.

Die Sprecher versicherten, die Lage werde sehr genau beobachtet. Eine Sprecherin des Auswärtigen Amts verwies auf geänderte Reisehinweise für Italien, nach denen man sich vor einem Reiseantritt gegebenenfalls beim italienischen Gesundheitsministerium unter der Telefonnummer + 39 1500 oder bei der betroffenen Region Lombardei unter 800 894545 informieren solle.

Computermodell des neuartigen Coronavirus (Bild: NEXU Science Communication via Reuters)

Nach der Abriegelung einiger italienischer Städte wegen des neuartigen Coronavirus Sars-CoV-2 hatte sich die Bundesregierung mit den dortigen Behörden in Verbindung gesetzt. “Unsere Botschaft und die deutschen Konsulate in Italien stehen mit den italienischen Behörden in Kontakt für den Fall, dass die italienischen Maßnahmen Deutsche betreffen”, hieß es am Sonntag aus dem Auswärtigen Amt in Berlin. Rückkehrern aus den betroffenen Regionen in Norditalien wurde empfohlen, sich an die entsprechenden Hinweise des Robert Koch-Instituts und der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung auf deren Internetseiten zu halten.

Kritische Lage in Südkorea und Iran

Nach dem Ausbruch der Lungenkrankheit Covid-19 in Südkorea hat sich die Lage dort weiter verschärft. Die Gesundheitsbehörden meldeten im Verlauf des Montags 231 neue Fälle von Infektionen im ganzen Land - der bisher stärkste Anstieg an einem Tag. Davon wurden allein 172 neue Fälle in der Millionen-Stadt Daegu im Südosten erfasst. Bis zum Nachmittag (Ortszeit) zählten die Behörden insgesamt 833 Menschen, die sich nachweislich mit dem Erreger Sars-CoV-2 angesteckt haben. Zudem wurden bisher sieben Todesfälle mit dem Virus in Verbindung gebracht.

Die Regierung hatte am Sonntag die höchste Warnstufe für Infektionskrankheiten ausgerufen. Kurz danach kündigte sie an, den Beginn des neuen Schuljahrs um eine Woche auf den 9. März zu verschieben. Die Regierung befürchtet, dass sich das Virus weiter im ganzen Land ausbreitet, wenn der Ausbruch in Daegu nicht bald eingedämmt werden kann.

Die Zahl der gemeldeten Covid-19-Opfer im Iran ist auf 12 gestiegen. Das bestätigte Gesundheitsminister Saeid Namaki am Montag. Nach Angaben des Nachrichtenportals Khabar-Online sind insgesamt 47 Menschen positiv auf das Virus getestet worden. Dies bestätigte das Ministerium nicht.

Im Nachbarland Afghanistan wurde am Montag der erste Fall einer Erkrankung bestätigt. Er sei in der Provinz Herat im Westen des Landes aufgetreten, wie Gesundheitsminister Firusuddin Firus sagte. Herat grenzt an den Iran. Firus riet seinen Landsleuten dringend, nicht nach Herat oder aus Herat in andere Landesteile zu reisen. Afghanistan hat vorübergehend seine Grenze zum Iran geschlossen. Auch Bahrain und Kuwait auf der Arabischen Halbinsel bestätigten am Montag erste Fälle des Coronavirus, die alle in Verbindung mit dem Iran stehen.

Die Türkei hatte bereits am Sonntag ihre Grenzübergänge zum Iran geschlossen, um eine Ausbreitung des Coronavirus Sars-CoV-2 zu verhindern. Zudem dürften von 20 Uhr Ortszeit (18 Uhr MEZ) an keine Flüge aus dem Iran mehr in der Türkei landen, sagte Gesundheitsminister Fahrettin Koca. Dies gelte «vorübergehend». In der Türkei selbst ist bislang kein Fall gemeldet worden.

Die wichtigsten Fragen und Antworten:

Wie ansteckend ist das neue Coronavirus?

Diese Frage lässt sich zurzeit nur schwer beantworten. Klar ist, dass sich das Virus durch Tröpfcheninfektion - etwa beim Husten und Sprechen - verbreitet. “Der Erreger ist deutlich infektiöser als ursprünglich angenommen”, sagt der Infektionsepidemiologe Lars Schaade, Vizepräsident des Robert Koch-Instituts (RKI). Viele Details der Infektion seien noch ungeklärt, sagt der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité. “Das lässt sich nicht genau rekonstruieren. Man bekommt das Virus vermutlich ähnlich, wie man sich eine Erkältung einfängt.”

Nach Auskunft chinesischer Mediziner kann sich das Virus möglicherweise auch über das Verdauungssystem verbreiten. Sie hatten den Erreger in Stuhlproben gefunden, nachdem sie festgestellt hatten, dass einige Patienten Durchfall statt üblicherweise Fieber bekommen hatten. Nach RKI-Angaben ist jedoch noch nicht abschließend geklärt, ob man sich tatsächlich auf diese Weise anstecken kann. Auch von der Mutter auf das Neugeborene ist das Virus nach Erkenntnissen in China wahrscheinlich übertragbar.

Rückkehrer aus Hubei kommen in einem zu einer Quarantänestation umgerüsteten Hotel an (Bild: Tom Weller/dpa)

Auffällig ist die Diskrepanz zwischen der schnellen Ausbreitung in China und der Tatsache, dass sich in anderen Ländern bisher nur wenige Menschen angesteckt haben. Der Virologe Thomas Schulz von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) erklärt das auch damit, dass der Erreger in China vermutlich schon Wochen zirkulierte, bevor die Behörden rigorose Maßnahmen ergriffen. “Hätte man das einen Monat früher gemacht, wäre die Situation vermutlich nicht so eskaliert”, sagt Schulz.

Welche Symptome verursacht das neue Coronavirus?

Der Erreger infiziert vor allem Zellen der unteren Atemwege. Dadurch scheinen manche Symptome einer Erkältung wie etwa Fließschnupfen nicht aufzutreten. Generell sind die Symptome der neuen Lungenkrankheit unspezifisch. Fieber, trockener Husten und Atemprobleme können auch bei einer Grippe auftreten. “Es reicht nicht aus, nur fieberhafte Personen zu testen”, sagt Drosten. “Manche Menschen haben nur eine leichte Erkältungssymptomatik mit Frösteln und Halsschmerzen.” Mitunter können Patienten auch Kopfschmerzen oder Durchfall haben. Die Inkubationszeit - der Zeitraum zwischen Infektion und Beginn von Symptomen - beträgt 2 bis 14 Tage. Deshalb werden Verdachtsfälle zwei Wochen isoliert. Nachgewiesen wird eine Infektion meist durch den Nachweis von Erbgut des Coronavirus im Sputum, dem schleimigen Auswurf beim Husten.

Wie gefährlich ist der Erreger?

Das lässt sich momentan kaum beantworten. Der Anteil der Infizierten, der an der Lungenerkrankung stirbt, liegt nach derzeitigen Daten in China bei etwa 2 Prozent - höher als bei einer Grippe. Bei den Grippe-Pandemien 1957 und 1968 lag die Fallsterblichkeit nach Angaben von Drosten bei etwa 0,1 Prozent. Den hohen Wert in China erklärt der Experte mit dem Umstand, dass dort vor allem schwere Fälle bekannt werden. “Viele Menschen melden sich in China erst dann, wenn sie wirklich krank sind. Diese Fälle sind nicht repräsentativ.”

Menschen in Hongkong warten in einer Schlange vor einem Laden auf eine Lieferung von chirurgischen Masken (Bild: Aidan Marzo/SOPA Images via ZUMA Wire/dpa)

“Wir kennen die tatsächlichen Fallzahlen nicht”, sagt Schaade. Außerhalb Chinas ist die Fallsterblichkeit gegenwärtig geringer. Die geringe Todesrate sei zunächst ermutigend, “aber wir müssen das weiter beobachten”, sagt Schaade. Clemens Wendtner, der in der München Klinik Schwabing einige Infizierte betreut, geht davon aus, dass “die Sterblichkeit deutlich unter einem Prozent liegt, eher sogar im Promillebereich”. “Mit einer sehr, sehr gefährlichen Erkrankung hat das nicht viel zu tun”, sagt er.

Wie lässt sich die neue Lungenkrankheit behandeln?

Eine spezielle Therapie für die Erkrankung gibt es nicht. Schwer erkrankte Patienten werden symptomatisch behandelt: mit fiebersenkenden Mitteln, der Therapie etwaiger bakterieller Zusatzinfektionen und mitunter mechanischer Beatmung.

Lässt sich die Epidemie mit den bestehenden Aktionen stoppen?

Die Coronavirus-Epidemie werde ihren Höhepunkt Mitte bis Ende nächster Woche erreichen, sagte der Chef des nationalen Expertenteams im Kampf gegen das Coronavirus, Zhong Nanshan, am Montag. Ob das realistisch ist, lässt sich deutschen Experten zufolge kaum abschätzen. “Ich kenne die Daten und Modelle der Chinesen nicht”, sagt Schulz, er tendiert aber zu Skepsis. “Im Augenblick geht die Kurve noch steil nach oben.” Der Infektionsepidemiologe Schaade stimmt zu: “Ich wäre mit Prognosen sehr vorsichtig.”

Drosten ergänzt: “Entscheidend ist, ob China es schafft, die Übertragungen zu stoppen. Das kann ich mir schon vorstellen.” Hinzu komme jedoch eine zweite Frage, betont er: Nistet sich das Virus in Ländern mit schlechtem Gesundheitssystem etwa in Afrika oder Asien ein, wo es kaum noch zu kontrollieren wäre? Dann drohe dauerhaft eine neue Lungenkrankheit auf der Welt. Schulz vermutet, dass die Krankheit in China mit Beginn der wärmeren Jahreszeit zurückgehen wird - ähnlich wie bei Grippe und Erkältungen. “Die Frage ist, ob sie nächstes Jahr wiederkommt.”

Kann das Virus durch Gegenstände übertragen werden?

Gesicherte Erkenntnisse gibt es für das neue Virus noch nicht. In einer Metastudie haben Virologen der Unis Greifswald und Bochum kürzlich ermittelt, dass frühere Coronavirus-Varianten wie Sars und Mers auf unbelebten Oberflächen im Schnitt zwischen vier und fünf Tagen überleben, bei Kälte und hoher Luftfeuchtigkeit bis zu neun Tage. Die Forscher nehmen an, dass sich die Ergebnisse auf das neue Virus Sars-CoV-2 übertragen lassen. Ansteckungen etwa durch Postsendungen sind bisher nicht bekannt geworden, es wurden auch keine entsprechenden Warnungen ausgesprochen.

Wie kann man sich dagegen schützen?

Zum Schutz vor diesem wie auch anderen Viren empfehlen Experten gewöhnliche Hygienemaßnahmen: regelmäßiges Händewaschen, Desinfektionsmittel und Abstand zu Erkrankten. Den Nutzen von normalen Atemmasken - wie derzeit in China überall auf den Straßen zu sehen - schätzen Schmidt-Chanasit und Drosten als eher gering ein.

Woher kommt das Virus?

Die Reservoire verschiedener Coronaviren liegen im Tierreich. Bei Mers sind Kamele der Ursprung, bei Sars und dem neuen Erreger liegen die Reservoire vermutlich bei Fledermäusen. Auf den Menschen sprang der Sars-Erreger vermutlich von Schleichkatzen über, die auf chinesischen Märkten angeboten werden. Auch 2019-nCoV geht vermutlich von einem Tiermarkt in China aus. Forscher gehen inzwischen davon aus, dass auch das neue Virus ursprünglich bei Fledermäusen auftrat, aber nicht von diesen direkt auf den Menschen übertragen wurde. Als Zwischenwirt wird in einer neuen Studie das Schuppentier vermutet, das in China eine beliebte Delikatesse ist.

(mit Material von dpa und AFP)