Weniger Sexismus und mehr Diversity im Kino durch Künstliche Intelligenz?

Übernimmt nun die Künstliche Intelligenz? (Symbolbild: Getty)

Wie soll man mit Sexismus und mangelnder Diversity in der Filmkunst umgehen? Diese Frage stellt sich offenbar auch Disney und will nun mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz dagegen vorgehen. Aber ist das wirklich eine gute Idee?

Eine Kolumne von Carlos Corbelle

Erst kürzlich erschien eine Untersuchung, die sich mit der filmischen Darstellung von Frauen in Führungspositionen befasste und feststellen musste, dass sie auf der Leinwand verhältnismäßig oft als Sex-Objekte porträtiert werden. Und auch in punkto Diversity bekleckert sich die Filmindustrie nicht gerade mit Ruhm, geht - stets einen vermeintlichen Verlust der finanziellen Erfolgsaussichten befürchtend - eher langsame Schritte. Das ist auch bei Disney nicht anders, wie etwa das zum Disney-Konzern gehörende Marvel Cinematic Universe zeigt. In der hochbudgetierten Marvel-Reihe mussten wir 17 Filme lang darauf warten, dass mit Black Panther ein schwarzer Superheld im Mittelpunkt steht. 20 Filme, bis mit Captain Marvel eine Frau im Mittelpunkt steht. Und ein LGBTQ-Protagonist steht immer noch aus. Dabei reden wir hier über das derzeit erfolgreichste Film-Franchise der Welt, ein Franchise also, dessen Wirkmacht gar nicht hoch genug einzuschätzen ist.

Künstliche Intelligenz nimmt Drehbücher unter die Lupe

Das Geena Davis Institute on Gender in Media, das Stereotypen und Sexismus in Medien den Kampf ansagt und auch für die oben genannte Untersuchung mitverantwortlich ist, hat sich nun mit den Walt Disney Studios zusammengetan, um gegen mangelnde Diversity vorzugehen, wie die namensgebende Schauspielerin Geena Davis kürzlich in Neuseeland bekannt gab. Dabei soll ein neues Tool namens GD-IQ: Spellcheck for Bias zum Einsatz kommen, das mittels Künstlicher Intelligenz Drehbücher unter die Lupe nimmt und auswertet, ob unterrepräsentierte Gruppen ausreichend berücksichtigt werden.

Doch das ist noch nicht alles. Das Programm macht nicht nur auf die Anzahl unterrepräsentierter Figuren im Skript aufmerksam. Es analysiert zum Beispiel auch, wie viele Zeilen die jeweils unterrepräsentierten Gruppen sprechen und wie elaboriert ihr Vokabular ist, wie das Filmmagazin The Hollywood Reporter berichtet.

Spätestens hier wird das gut gemeinte Vorhaben etwas gruselig. Um für mehr Diversity und weniger Sexismus zu sorgen, braucht es zunächst einmal weniger Sexismus und mehr Diversity hinter den Kulissen, sprich: Es müssen Strukturen geschaffen werden, die dazu beitragen, dass etwa mehr Frauen auf dem Regiestuhl großer Produktionen Platz nehmen, dass Schauspieler unterschiedlichster Herkunft die Chance auf große Rollen bekommen und nicht zuletzt: dass die Freiheit und Integrität der Künstler gewährleistet wird. Wird letzteres durch einen Algorithmus gefährdet, der den Drehbuchautorinnen und -autoren am Ende vorschreibt, wie viele Sätze eine bestimmte Figur von sich geben muss, um eine bestimmte Quote zu erfüllen, setzen wir die Wahrhaftigkeit der Kunst aufs Spiel - und ist die Wahrhaftigkeit futsch, ist auch die größere Diversität nichts mehr wert.

Die "Black Panther"-Verfilmung war längst überfällig - und wurde zu Recht zum Kino-Hit. (Bild: Marvel)

Ich will nicht, dass ein hochentwickelter Toaster festlegt, was und wie viel Black Panther und Captain Marvel zu sagen haben, sondern die Künstlerinnen und Künstler, die hinter den Geschichten stehen und an die Figuren glauben. Man muss ihnen eben nur die Möglichkeit geben, statt ihnen reinzureden. Schließlich brauchte es auch für die filmische, längst überfällige Umsetzung von Black Panther und Captain Marvel keine Künstliche Intelligenz, die uns auf die Stoffe aufmerksam macht - im Quellenmaterial, nämlich den Marvel-Comics, stehen sie schon seit Jahrzehnten im Mittelpunkt eigener Geschichten statt bloßes Beiwerk zu sein.

Nein, was es brauchte, war der Wille der Entscheidungsträger bei Disney - und der richtet sich wohl in erster Linie am potentiellen Profit. Gut gemeintes Computerprogramm hin oder her.

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