Wer war das nochmal? Die erfolgreichsten Castingshow-Gewinner von Voice of Germany, DSDS und Co.

Moritz Piehler
Freier Autor
Frisch gebackene "The Voice of Germany"-Gewinnerin Claudia Emmanuela Santoso: Jetzt beginnt der Kampf gegen das Vergessenwerden. (Bild: Britta Pedersen/picture alliance via Getty)

Gerade ist die neunte Staffel von „The Voice of Germany“ zu Ende gegangen. Claudia Emmanuela Santoso heißt die glückliche Gewinnerin seit Sonntagabend. Und mit dem Sieg der laut Juror Sido „besten Sängerin der Welt“ beginnt sofort ihr Kampf gegen das Vergessenwerden.

Mittlerweile gibt es so eine große Anzahl an Castingformaten, dass die Gewinner der TV-Shows kaum noch eine Saison durchhalten, bevor sie auch schon wieder ersetzt sind. Doch es gab und gibt Ausnahmen. Diejenigen, die sich doch durchsetzen und länger bleiben. Wer wüsste schon noch, dass auch internationale Superstars wie Christina Aguilera und Britney Spears ihre Karrieren einst in US-Castingshows begannen? Zwischendurch hatte eigentlich so gut wie jeder deutsche Fernsehsender ein eigenes Castingformat. Alles mögliche wurde da gesucht, vom Supertalent bis zum besten Comedian, von den schönsten Models bis zu singenden Senioren. Musik aber war immer das Kerngeschäft und ist es bis heute geblieben. Nun bringt es aber das Format mit sich, dass ständig neuer Nachwuchs künstlich erschaffen wird. Wer schaffte es in der Vergangenheit, sich dagegen zu behaupten? Von diesen Beispielen kann sich die frisch gebackene „The Voice“-Gewinnerin Santoso vielleicht etwas abgucken.

Die erste Generation: Die "No Angels" im Jahr 2009, da hatten sie schon eine ungewöhnlich lange Karriere hinter sich. (Bild: Mathias Kniepeiss/Getty Images)

Erste Generation der Popstars: No Angels

Die großen alten Damen des Business sind natürlich die No Angels. Sie gewannen 2000 bei der RTL2-Sendung „Popstars“ und gehörten zur ersten Generation deutscher Castingmusikerinnen. Mit „Daylight in your Eyes“ hatten sie einen echten Megahit, verkauften über fünf Millionen CDs und avancierten zur zweiterfolgreichsten Girlgroup Europas. Übertroffen wurden sie nur von den britischen Spice Girls, die übrigens einst per Zeitungsannonce gecastet wurden. Nach Trennungen und Wiedervereinigung hielten sich die No Angels immerhin mehrere Jahre auf Chartniveau, bis sie sich vor fünf Jahren endgültig auflösten. Das Pendant zu den Engeln waren ab 2002 Bro'sis. Die Castingband tummelte sich vier Jahre lang in den Charts, tourte, zerbrach, feierte 2008 ein halbwegs unbeachtetes Comeback und verschwand dann von der Bühne.

Klaws, Godoj und Kesici

Aber die gecasteten Boy- und Girlgroups waren erst der Anfang der Castingwelle. Ebenfalls seit einer gefühlten Ewigkeit durchwühlt Dieter Bohlen mit „Deutschland sucht den Superstar“ die Kandidatenmassen nach Gesangstalenten. Wobei das Wort Superstar mit etwas Skepsis genossen werden muss, denn die meisten Gewinner halten sich nicht besonders lange auf dem höchsten Niveau. Im Jahr 2003 war Alexander Klaws der erste „DSDS“-Gewinner. Sofort ging das Businesskonzept auf, die erste Single verkaufte sich über eine Million mal. Klaws' Solokarriere dauerte ein paar Jahre an, mittlerweile ist er Musicalsänger und machte gerade durch seine Tirade gegen das Musicalbusiness auf sich aufmerksam.

Auch Mark Medlock war ein zunächst recht erfolgreiches Produkt von Dieter Bohlens Show. Er verkaufte über drei Millionen CDs, bevor er sich bei schwindendem Erfolg aus der Öffentlichkeit zurückzog. Sein Nachfolger Thomas Godoj gewann ein Jahr nach Medlock bei „DSDS“, wurde zum erfolgreichsten Newcomer beim „Echo“ gewählt und war auf dem Weg nach oben. Die letzten drei Alben allerdings veröffentlichte Godoj per Crowdfunding, immerhin kann er aus seiner Castingshowzeit auf eine treue Anhängerschaft zählen, die weiterhin Konzerte besucht und seine Alben mitfinanziert.

Martin Kesici gewann bereits 2003 bei „Star Search“. Mit seinem anschließenden Plattenvertrag gelang dem Rocker durch seinen Song „Angel of Berlin“ ein Nummer-Eins-Hit. Viel mehr kam dann nicht mehr. 2009 veröffentlichte er seine Casting-kritische Autobiografie „Sex, Drugs & Castingshows: Die Wahrheit über DSDS, Popstars & Co“. Drei Jahre danach tauchte er noch einmal kurzzeitig im „Dschungelcamp“ auf, danach hörte man kaum noch etwas von Kesici.

Im WM-Jahr 2006 war mit Monrose wieder eine Girlgroup aus „Popstars“ der Castingchampion Deutschlands. Doch auch die Karriere der drei Musikerinnen war eher kurzlebig. Ebenso wie die der Boyband Overground und ihres weiblichen Pendants Preluders.

Starpower: Lena Meyer-Landrut hat sich im harten Musikbusiness durchgesetzt. (Bild: Reuters/Peter Steffen)

Die Sieger unter den Gewinnern

Es gibt aber auch ein paar richtige Erfolgsstorys, die ihren Anfang in einer Castingshow nehmen. Die zehnte „DSDS“-Staffel gewann zum Beispiel die Schweizerin Beatrice Egli. Noch heute ist sie mit ihrer Schlagermusik erfolgreich, ihr aktuelles Album „Natürlich“ war in diesem Sommer die Nummer Eins in ihrem Heimatland und machte sie zur erfolgreichsten Schweizer Künstlerin aller Zeiten. Auch Pietro Lombardi war ein „DSDS“-Sieger, der sich im Business gehalten hat. Nicht nur sein Gewinnersong „Call My Name“ war ein Riesenerfolg. Mit Finalgegnerin und mittlerweile Ex-Frau Sarah landete er mit der Single „I Miss You“ noch einen weiteren Charthit. Die beiden gemeinsam veröffentlichten Alben schafften es zwar nicht mehr ganz nach oben, dafür ist Lombardi aber inzwischen wieder als Solo-Künstler erfolgreich: Seine 2018er-Single „Phänomenal“ erreichte Platz 1 der deutschen Charts und auch in diesem Jahr schaffte er es mit einigen Tracks in die Top 10. Zudem ist Pietro nun selbst Juror bei „DSDS“, ein geschlossener Casting-Karrierekreis sozusagen. Auch Sarah Lombardi ist Jurorin neben Bohlen, allerdings bei „Das Supertalent“. Ihr nach der Trennung veröffentlichtes Soloalbum „Zurück zu mir“ landetet 2018 immerhin auf Platz 18.

In Stefan Raabs Gegenformat tat sich Singer-Songwriter Max Mutzke besonders hervor, der sich tatsächlich über eine recht langlebige Karriere freuen darf, auch wenn er den Anfangserfolg seines Charthits „Can't Wait Until Tonight“ nie ganz wiederholen sollte. Zuletzt gewann er als der „Astronaut“ die ProSieben-Show „The Masked Singer“. Ebenfalls unter Raabs Ägide wurde die damals 18-jährige Lena Meyer-Landrut für den Eurovision Song Contest gecastet, den sie 2010 in Oslo tatsächlich mit ihrem Megahit „Satellite“ auch gewann. Seitdem hat jedes ihrer fünf Studioalben mindestens Rang Zwei in den Deutschen Charts erreicht. Lena hat sich fest in der deutschen Popszene etabliert und kann uneingeschränkt als eine der echten Erfolgsgeschichten der Castingära gelten.

Die nächste, die versuchen wird, in Lenas Fußstapfen zu treten, ist nun Claudia Emmanuela Santoso nach ihrem Sieg bei „The Voice of Germany“. Seit mittlerweile acht Jahren gibt es die erfolgreiche Castingshow, bei der wechselnde JurorInnen nach den Stars von morgen suchen, ohne sie zunächst zu sehen. So richtig lange konnte sich bisher keiner der Gewinner halten. Die erste Gewinnerin war 2012 übrigens Ivy Quainoo. Doch auch die stimmstarke Sängerin veröffentlichte nur zwei Alben, im vergangenen Jahr trat sie mit einem Lied beim Vorentscheid des Eurovision Song Contests an. Michael Schulte wurde zwar nur Dritter bei „The Voice“, der Rotschopf trat aber im vergangenen Jahr mit seinem Song „You Let Me Walk Alone“ beim ESC in Lissabon an und wurde dort Vierter. Die 18-jährige Santoso, die in der Sendung von Coach Alice Merton betreut wurde, kann also auf einige erfolgreiche, aber auch auf viele schnell verloschene Castingsterne zurückblicken.