Wie sich die Antibabypille auf das Gehirn von Frauen auswirken kann

Gemäß einer neuen Studie verändern orale Verhütungsmittel möglicherweise einen Bereich des weiblichen Gehirns. (Foto: Getty Images)

Orale Verhütungsmittel — eines der beliebtesten Verhütungsmittel in den USA — scheinen einen wichtigen Bereich des Gehirns zu verändern. So legt es eine Pilotstudie nahe, die von der Radiological Society of North America vorgestellt wurde.

An dieser kleinen Studie haben 50 Frauen teilgenommen — darunter 21, die Antibabypillen einnahmen — und bei allen wurden Gehirn-MRT-Aufnahmen gemacht und das Volumen ihres Hypothalamus gemessen. Der Hypothalamus ist ein wichtiger Teil unseres Gehirns, denn er reguliert den Hormonspiegel und spielt eine wichtige Rolle in verschiedenen Bereichen, vom Schlafzyklus und der Herzfrequenz bis zum Appetit und dem Gewicht.

Die Autoren dieser Studie haben herausgefunden, dass Frauen, die die Antibabypille einnahmen, einen erheblich kleineren Hypothalamus hatten als diejenigen, die die Pille nicht verwendeten.

"Wir haben einen deutlichen Unterschied festgestellt bei der Größe der Gehirnstrukturen der Frauen, die orale Verhütungsmittel einnahmen und denen, die es nicht taten,“ berichtete der Autor dieser Studie, Michael L. Lipton im Fachportal ScienceDaily.  Lipton ist Dr. med, PhD, Professor für Radiologie am Gruss Magnetic Resonance Research Center des Albert Einstein College of Medicine und ärztlicher Direktor der MRT-Abteilung am Montefiore Medical Center in New York City. „Diese erste Studie zeigt eine starke Assoziation auf, die dazu motivieren sollte, die Auswirkungen der oralen Verhütungsmittel auf die Struktur und Funktion des Gehirns in Zukunft weiter zu erforschen.“

Das Forscherteam betonte jedoch, dass sich diese Veränderung der Hirnstruktur nicht auf die kognitiven Leistungen auswirke. „Sie ließen die Frauen Tests zur kognitiven Funktion absolvieren und es gab keine Veränderungen in der Leistung, das ist also sehr beruhigend,“ berichtete Jonathan Schaffir , ein Geburtshelfer und Gynäkologe des The Ohio State University Wexner Medical Center in Yahoo Lifestyle.

Lipton bemerkte auch, dass diese vorläufigen Forschungen ergaben, dass die Einnahme der Pille auch im Zusammenhang mit depressiven Symptomen steht. Schaffir sagte: „Es gibt auch andere Studien, die Bedenken haben, dass die Pille die Stimmung beeinflussen kann.“ Allerdings ist es nicht ganz eindeutig, ob die oralen Verhütungsmittel dafür verantwortlich sind oder vielleicht andere relevante Faktoren dazu beitragen, wie z. B. die Gründe weshalb Frauen die Pille einnehmen, nämlich wegen einer schmerzhaften Menstruation oder aus anderen medizinischen Gründen.  

„Es ist schwierig, ein Bezug zwischen Ursache und Wirkung herzustellen“ sagt Schaffir. “Es sind nur Assoziationen und sie bedeuten nicht unbedingt, dass die Pille die Ursache dafür ist. Es bedeutet auch nicht, dass sie jetzt aufhören sollten, die Pille zu nehmen.“

Diese Studie ist nicht die Einzige, die festgestellt hat, dass orale Verhütungsmittel möglicherweise Veränderungen im weiblichen Gehirn verursachen. Eine Studie, die im Februar 2019 in der Fachzeitschrift Frontiers in Neuroscience veröffentlicht wurde, ergab, dass die Einnahme der Antibabypille auch die Fähigkeit von Frauen, den Gesichtsausdruck anderer Menschen, wie Verachtung oder Stolz, zu interpretieren, leicht beeinträchtigen kann. Diese kleine Studie fand heraus, dass Frauen, die orale Verhütungsmittel nehmen, beim Erkennen komplexer Emotionen um ca. 10 % schlechter waren, als ihnen Fotos von Menschen auf einem Computerbildschirm gezeigt wurden.

Was Frauen, die die Antibabypille einnehmen von dieser Studie lernen sollten

Die Experten betrachten diese jüngste Studie mit Vorsicht und sagen, dass die Ergebnisse nicht „revolutionär“ seien.

„Ich glaube nicht, dass die Ergebnisse unheimlich bedeutsam sind,“ sagt Schaffir. Er erklärt, dass der Hypothalamus Hormone bildet, die die Hirnanhangdrüse anregen und ihr sagen, wann und wieviel Hormone sie ausschütten soll. Antibabypillen übernehmen jedoch einen Teil dieser Arbeit und geben der Hirnanhangdrüse den Befehl, weniger Hormone zu produzieren, um den Eisprung zu verhindern. „Deshalb ist es eigentlich gar nicht so erstaunlich — es ist zu erwarten, dass der Hypothalamus in dieser Hinsicht etwas weniger aktiv ist,“ sagt er. „Das passiert immer, wenn etwas nicht benutzt wird.“

Amit Sachdev, Dr. med., Neurologe und ärztlicher Direktor der neurologischen und ophthalmologischen Abteilung am Michigan State University College of Osteopathic Medicine, sagt in Yahoo Lifestyle: „Obwohl diese Ergebnisse interessant sind, glaube ich nicht, dass sie heutzutage sehr bedeutsam sind. Der Hypothalamus hilft bei der Steuerung der Hormonspiegel. Wenn man anfangen würde, Hormone oral einzunehmen, würde es uns nicht verwundern, wenn sich die Drüsen, die bei der Produktion und Steuerung dieser Hormone behilflich sind, beginnen sich zu verändern. Wir wissen, dass dies bei Einnahme von Steroiden mit den Nebennierendrüsen passiert. Es verwundert uns also nicht, wenn es auch mit dem Hypothalamus geschieht.”

Sachdev fügt hinzu: „Was man hierbei unbedingt in Betracht ziehen muss, ist, dass orale Verhütungsmittel jahrzehntelang von Millionen von Frauen sicher und wirksam verwendet wurden. Frauen haben diese Medikamente eingenommen und wieder abgesetzt ohne „Entzugserscheinungen“. Aus diesem Grund denke ich, dass diese Studie nicht überbewertet werden sollte.“

Welche Auswirkung könnte ein geschrumpfter Hypothalamus möglicherweise auf Frauen haben? Sachdev sagt: „Höchstwahrscheinlich gar keine Auswirkung.”

Was Sie tun sollten, wenn Sie besorgt sind über die Einnahme der Pille

Wenn Sie orale Verhütungsmittel einnehmen, empfiehlt Sachdev, dass Sie sich folgende Fragen stellen: „Nehmen Sie ein Arzneimittel ein, das Sie benötigen? Sind Sie damit zufrieden und verstehen Sie die möglichen Risiken? Obwohl unerwartete Dinge passieren können, nachdem ein Arzneimittel eine Zeit lang auf dem Markt ist, ist es doch sehr unwahrscheinlich, dass nach 40 Jahren medizinischer Anwendung neue Erkenntnisse auftauchen“. Sachdev bezieht sich dabei auf die Tatsache, dass die Pille seit 1960 zugelassen ist.

Fazit: „Sprechen Sie mit Ihrem Arzt, wenn Sie Bedenken haben“, sagt Schaffir. „Die Antibabypille ist jedoch weiterhin eine sehr wirksame und sichere Methode, um eine Schwangerschaft zu verhindern. Ich glaube nicht, dass diese Studie jemanden davon abhalten sollte, die Pille als Verhütungsmittel zu verwenden.“  

Rachel Grumman Bender