Lügen im Lebenslauf: Hier schummeln Bewerber am häufigsten

Laut dem Bewerbungsdetektiv kommt es nur etwa in der Hälfte der aufgedeckten Delikte zur Anzeige. (Bild: Getty)

Fast jeder hat es wohl schon einmal getan: Seinen Lebenslauf mit kleinen Schönfärbereien aufgehübscht. Doch einige Bewerber treiben es noch weiter und begeben sich an den Rand der Kriminalität - und darüber hinaus. In welchen Bereichen besonders oft getrickst wird, verrät Wirtschaftsdetektiv Manfred Lotze.

Manfred Lotze von der Detektei Kocks hat in seinen mehr als 50 Jahren als Wirtschaftsdetektiv schon einiges erlebt. Als besonders dreist ist ihm jedoch der Fall von Gert Postel in Erinnerung geblieben, der als Hochstapler bundesweit Bekanntheit erlangte: Der ausgebildete Postbote gab sich jahrelang als Oberarzt aus, ohne über die dafür benötigte Ausbildung zu verfügen.

Oberarzt, Pfarrer, Richter
Aber nicht nur das: Er wurde auch Richter, Pfarrer, Psychotherapeut und schließlich wurde ihm sogar eine Professur angeboten - erst nach jahrelangem Betrug flog der Hochstapler auf und musste zwei Jahre in Haft. “Die Menschen um ihn herum waren voller Ehrfucht. Er hat die Leute geblendet”, erklärt Manfred Lotze, der auch Geschäftsführer der Detektei ist.

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“Einen Firmenbriefbogen zu fälschen, ist heute kinderleicht.”
Meistens fängt eine derartige Hochstaplerkarriere mit einer gefälschten Bewerbung an - in Zeiten von Onlinebewerbungen ist das leichter denn je. “Themen Tipps und Tools für die erfolgreich gefälschte Bewerbung - das Internet ist voll davon”, weiß der Spezialist für Bewerbungsbetrug aus Düsseldorf. Früher hatte man Schere, Tesa und Tipp-Ex, um seine Bewerbung zu fälschen. Heute haben Bewerbungsbetrüger mit neuester Technik aufgerüstet. “Einen Firmenbriefbogen zu fälschen, ist heute kinderleicht. Ich lade mir einfach das Logo im Internet herunter und bastele damit einen Briefbogen, auf den ich mir dann mein Zeugnis schreiben kann”, so Lotze, der im Auftrag mittelständischer Firmen jährlich rund 300 Bewerbungsmappen nach gefälschten Zeugnissen und frisierten Lebensläufen durchforstet.

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Dabei begegnen ihm neben kleinen Schönfärbereien immer wieder besonders dreiste Fälle: Da gab es etwa den Mediziner in einem Krankenhaus, der befördert werden wollte um sein Gehalt aufzubessern. Er tischte seinem Arbeitgeber deshalb kurzerhand eine Lüge auf: er habe habilitiert und ihm stehe demzufolge mehr Geld zu. Bereitwillig passte sein Arbeitgeber das Gehalt an. Nach einiger Zeit fiel seinen Kollegen allerdings auf, das der Mitarbeiter kein fundiertes Grundwissen in dem Gebiet vorweisen konnte, das er angeblich in seiner Habilitation behandelt hatte. Jetzt kam Manfred Lotze ins Spiel. “Ich konnte nachweisen, dass er an den Universitäten, an denen er angeblich seine Arbeit absolviert hatte, nie aufgeschlagen ist”, so der professionelle Ermittler.

"Ein Drittel aller Bewerbungen in Deutschland enthalten Schummeleien": Manfred Lotze von der Detektei Kocks (Bild: privat)

Ähnlich verlief der Fall eines Bewerbers im Bereich der Pharmazie. Er verwies bei seiner Bewerbung auf seine Dissertation - in Wirklichkeit war diese jedoch nicht von ihm selbst, sondern von einem Autor verfasst worden, der zufällig den selben Namen trug. “Nachdem er eingestellt wurde, fiel seiner Firma dann auch schon bald auf, dass er nicht wirklich sattelfest in seinem angeblichen Dissertationsthema war.” Die Firma beauftrage die Detektei Kocks, die den Betrüger überführte - denn der wahre Autor hatte noch einen zweiten Vornamen, mit dem der betrügerische Mitarbeiter nicht aufwarten konnte.

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"Ein Drittel aller Bewerbungen in Deutschland enthalten Schummeleien"
Repräsentative Umfragen, wie häufig Bewerber schummeln, gibt es keine. In einer Stichproben-Untersuchung von 5000 Bewerbungen will die Detektei Kocks jedoch herausgefunden haben, dass in 30 Prozent der Unterlagen geflunkert oder manipuliert wurde. "Ein Drittel aller Bewerbungen in Deutschland enthalten Schummeleien", schätzt der Spezialist für Bewerbungsbetrug.

"Bei der Arbeitserfahrung wird besonders häufig geblufft", sagt Lotze. Besonders junge Absolventen erfinden etwa die Gründung kleiner Start-ups, um Flexibilität und Führungsgeist zu beweisen. Fehlende Dokumente und Nachweise werden dabei mit fadenscheinigen Erklärungen entschuldigt. “Da wird dann behauptet, mir ist mein Dokument verbrannt oder meine Firma ist pleite gegangen, ich kann kein Zeugnis mehr kriegen. Das ist Quatsch, denn die Personalunterlagen von Mitarbeitern müssen ewig aufgehoben werden”, weiß Lotze.

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Oder das eigene Image wird mit Hobbys aufpoliert, um sich der oberen Hierarchieebene zu empfehlen. “Jemand will sich bei einer großen Firma bewerben und weiß, die Vorstandsmitglieder spielen zum Beispiel Golf. Was schreibt er da im Lebenslauf bei Interessen an erster Stelle? Natürlich Golf”, so Lotze. “Mit diesen recht simplen Angaben werde ich interessant für denjenigen, der über meine Einstellung entscheidet.”

Eine weiterer Bereich, in dem gern geflunkert wird: “Ein Bewerber behauptet, dass sein Verwandter bei einem Konkurrenzunternehmen eine führende Position habe. Das ist natürlich ein Hingucker für jemanden, der sich das ansieht.”

Auch gefälschte Unterlagen von ehemaligen DDR-Behörden werden dem Experten zufolge von Betrügern gern genutzt, da Bewerber davon ausgehen, dass diese schwer zu überprüfen seien. “Aber das ist falsch, wir kommen schon an unsere Informationen, auch wenn das nicht immer einfach ist”, erklärt Manfred Lotze.

Laut dem Bewerbungsdetektiv kommt es nur etwa in der Hälfte der aufgedeckten Delikte zur Anzeige. (Bild: Getty)

Nur in etwa der Hälfte der aufgedeckten Fälle kommt es zur Anzeige

Doch wie kommt der Detektiv an seine Informationen? “Wenn wir einen Bewerber überprüfen, fangen wir wirklich bei Adam und Eva an. Wir haben dabei zum Beispiel schon erlebt, dass jemand in seinen Lebenslauf eine Grundschule angegeben hat, die in Wirklichkeit nie existiert hat”.

Da sich frühere Arbeitgeber in Zeiten strenger Datenschutzgesetze häufig zieren, Auskunft über ehemalige Mitarbeiter zu erteilen, legt Lotze der entsprechenden Firma oder Institution oftmals einfach das verdächtige Zeugnis vor und fragt, ob es den üblichen Standards entspricht, was beispielsweise den Umfang angeht. Wenn dem nicht so ist, hat der Bewerber ein Problem.

Mit welchen Konsequenzen Schummler rechnen müssen, ist sehr unterschiedlich. Laut dem Bewerbungsdetektiv kommt es nur etwa in der Hälfte der aufgedeckten Delikte zur Anzeige. “Einige Firmen sagen in so einem Fall auch: Schwamm drüber - wir sind mit dem Mitarbeiter fertig und richten uns neu aus.” Es komme auch darauf an, welchen Schaden der Bewerbungsbetrüger seinem Arbeitgeber durch den Betrug zugefügt hat.

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Momentan sei die Branche der Wirtschaftsdetektive weniger gefragt als noch vor einigen Jahren. “Viele Firmen sind aktuell mit anderen Themen wie Datenschutz und Digitalisierung gut beschäftigt und vernachlässigen das Bewerberscreening”, bedauert der Profi-Detektiv. Dabei sollten Unternehmen seiner Ansicht nach geschönte Bewerbungen keinesfalls auf die leichte Schulter nehmen - denn häufig bilden diese bloß den Auftakt zu weiteren Betrugsfällen im Unternehmen, glaubt der Düsseldorfer. Bei einer Überprüfung straffälliger Mitarbeiter fand er heraus, dass bei 70 Prozent der Kandidaten schon die Bewerbungsunterlagen nicht korrekt waren.