Wo kommen all die 90er-Stars auf einmal her?

Wenn sich der Sound der 90er verheddert hatte, konnte er mit einem Bleistift wieder in Ordnung gebracht werden. Ach, war nicht alles einfach einfacher, damals? Foto: Symbolbild / gettyimages / MarkPiovesan

Die Ikonen von einst sind zurück: Die Spice Girls tourten gerade erst, wenn auch reduziert, durch Großbritannien. Die Backstreet Boys erobern bereits seit Februar und in Vollbesetzung wieder die größten Bühnen der ganzen Welt. Und auch in Deutschland versuchen es zahlreiche Stars der 90er auf ein Neues.

Belächelt und verehrt: Zwischen diesen Extremen pendeln gern die Karrieren der Stars vergangener Jahrzehnte. Die Hasselhoffs und Blümchens, die Spice Girls, Backstreet Boys, Marc Terenzis und Kelly-Family-Mitglieder – sie alle haben ihre Fans emotional berührt und ihnen popkulturelle Momente für die Ewigkeit geschenkt.

Doch mit der Zeit erfuhren einige der alternden Ikonen auch vermehrt Häme. Meist, weil sie öffentlich stolperten auf ihrem nur widerwillig begangenen Weg raus aus der Mitte des Scheinwerferlichts und hinein in die Unscheinbarkeit der manchmal herabwürdigenden Zweitvermarktungs-Karriere.

The Hoff is back

Denn oft waren die direct-to-DVD-Produktionen nur auf den ersten Blick ausgetüftelt und clever, auch gab es in Formaten wie „Sommerhaus der Stars“ oder „Dschungelcamp“ mehr Ansehen zu verlieren, als Gage zu gewinnen. Und zuletzt hauchten auch die Remakes erfolgreicher Hits von einst, mit anschließenden Promo-Terminen bei irgendwelchen Best-Of-Shows moderiert von milde grimassierenden Oliver-Geissen-Analogien, all den altersschwachen Karrieren kaum neuen Lebensgeist ein.

Topmodel der 90er: Naomi Campbell räkelt sich in der neuen Calvin-Klein-Kampagne

Und doch gibt es sie, die Stars von einst, die nichts unversucht lassen, um weitermachen zu können oder zu dürfen oder um einfach nicht in Vergessenheit zu geraten. Waren diese Comebacks lange Zeit Einzelphänomene, greift aktuell eine ganze Reihe der ehemals ganz Großen ein zweites Mal an.

Ein Name, der in diesem Kontext verlässlich fällt, ist David Hasselhoff. Über „The Hoff“ gibt es gerade eine Dokumentation auf „Arte“. Die heißt, natürlich, „Being David Hasselhoff“. Darin erzählt der „Knight Rider“- und „Baywatch“-Star laut Sendungsbeschreibung „reflektiert, selbstironisch und humorvoll“ seine „fast unglaubliche Geschichte“ (nein, er sei natürlich nicht für den Fall der Mauer verantwortlich. Aber er habe damals sehr viel Dank erhalten, vor allem von DDR-Bürgern, für seinen Mut machenden Song „Looking for Freedom“).

In einem Interview mit „Prisma“ spricht der Autor der Dokumentation Oliver Schwabe über die Zusammenarbeit. An einer Stelle wird er gefragt, was die Deutschen noch an Hasselhoff interessiere, denn der habe jüngst unglaubliche 60.000 Menschen zu einer 90er-Jahre-Party gelockt. Schwabe sagt: „Hasselhoff ist sehr authentisch und positiv. Er zieht immer noch wahnsinnig viele Menschen. Ich wollte das nie werten, empfinde es aber als erstaunliche Leistung. Es gibt nicht viele Künstler, für die 60.000 Menschen in ein Stadion pilgern.“

Sehnsucht nach der Leichtigkeit der 90er

Dazu kommt, dass die 90er aktuell das Mode-Retro-Jahrzehnt sind. In einem Artikel von „CBC“ kommt Bianca Gracie zu Wort, sie arbeitet als Redakteurin beim einflussreichen „Billboard“-Magazin. Sie sagt: „Ich glaube, dass uns der 90er-Pop in eine Zeit zurückversetzt, die stressfreier war. Ich habe das Gefühl, diese Leichtigkeit und dieser Wohlfühl-Vibe fehlt uns allen aktuell. Wenn wir aber die Musik von damals hören, schenkt sie uns genau das.“

Flitterfahrt auf Luxusyacht: Heidi Klums Kehrseite sorgt für Diskussionen

Kein Wunder also, dass momentan zahlreiche Stars von einst aus der Versenkung auftauchen. Die „Spice Girls“ haben gerade im Mai und Juni eine große Tour gespielt, wenn auch ohne Posh-Spice Victoria Beckham. Auch die „Backstreet Boys“ befinden sich schon seit Februar auf großer Welt-Tour – der größten seit 18 Jahren. Im Gepäck haben sie ihr neues Studioalbum „DNA“, das ebenfalls erst dieses Jahr herauskam.

Auch hierzulande basteln die Stars von einst an ihrem zweiten Frühling: Jasmin Wagner, besser bekannt als „Blümchen“, ist wieder musikalisch aktiv. Während ehemalige Kollegen eisern weiter ihre 90er-Hits schmissen, wehrte sich Wagner lange und wollte nicht mehr Blümchen sein. So war es knapp 20 Jahre um sie ruhig, jetzt ist sie im Rahmen der großen „90er Live Tour“ bis 2020 in zahlreichen deutschsprachigen Städten unterwegs.

Eurodance oder einfallsloses Kalkül

Das Line-Up der Retro-Sause bietet noch zahlreiche weitere große Ehemalige: „Ace of Base“, „East 17“, „Dr. Alban“, „Culture Beat“, „Masterboy“, „Faithless“ oder „Vengaboys“. Blümchen hat sogar eine neue Single, sie heißt „Computerliebe“ und klingt noch immer nach den Synthie-Eurodance-90ern. Außerdem hat sie ein neues Duett aufgenommen. Mit – und die Kombination hat eigentlich unglaubliches Hitpotenzial – David Hasselhoff. Doch die Realität ist leider ein weichgespülter Summer-Feel-Good-Versuch mit einem gruselig einfallslosen und wahnsinnig billigen Video.

Seit einigen Jahren nicht mehr aus liebevoll nischigen TV-Formaten wegzudenken, ist Schmusebarde Oli.P(etszokat). Lange hat er da einfach ein bisschen Fernsehen gemacht, jetzt aber hat auch er die Gunst der Stunde genutzt und ein neues Album eingesungen: „Alles Gute!“.

„T-online“ schreibt darüber: „Doch ‚neu‘ ist in diesem Kontext relativ: Oli.P interpretiert hauptsächlich Hits aus vergangener Zeit. Von Klassikern der Neuen Deutschen Welle bis hin zu Hits aus den frühen 2000ern hat er kaum eine Phase der jüngeren deutschen (Pop-)Musikgeschichte ausgelassen.“

Tatsächlich gibt es auf dem Album sogar eine Neuinterpretation seiner damaligen Neuinterpretation von Grönemeyers „Flugzeuge im Bauch“. Dem Lied, das er vor 20 Jahren schon einmal recycelt hat und das ihn damals bekannt gemacht hat. Ja, alles kommt bekanntlich wieder. Vielleicht auch der Erfolg für all die 90er Ikonen, den sie einst, und völlig zu recht, schon einmal hatten.

VIDEO: NSYNC zurück auf der Bühne